Bis man nichts mehr weiß

Warum man sich zu Purim betrinken soll – nicht, um zu vergessen, sondern, um zu erinnern.

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Bei der Adlojada in Holon zeigen Schulkinder stolz ihre Kostüme. © flash 90

Die vorgezogenen Parlamentswahlen am 9. April stehen in Israel vor der Türe. Es vergeht kein Tag, an dem die israelischen Politiker einander nicht attackieren und Schlammschlachten in den Medien austragen.
Der richtige Zeitpunkt, um sich dem Eskapismus hinzugeben und die bunten und aufwändigen Kostüme bei der Purim-Adlojada-Parade zu bestaunen. Die Adlojada (Ad-lo-jada, dt. „bis man nichts mehr weiß“) stammt von einer talmudischen Empfehlung und bezeichnet eine Purim-Parade. Bei dieser soll man so lange feiern, bis es einem die Trunkenheit nicht mehr möglich macht, die Worte „Gesegnet sei Mordechaj“ von „Verflucht sei Haman“ zu unterscheiden.
Die erste Purim-Parade fand 1912 in Tel Aviv statt. Schon damals wurde mit Marionetten, einer Blaskapelle und Hunderten von Kindern in Purim-Kostümen gefeiert. 1923 hat der Schriftsteller und Jiddisch-Übersetzer Isaac Dov Berkowitz den Namen Adlojada für die Parade vorgeschlagen, und im Laufe der Jahre wurde die Parade zu einer festen Tradition bei Purim.

Im Gegensatz zur Politik herrscht
in Israel ein Konsens bezüglich Purim:
Dieser Tag muss gefeiert werden. 

Im Gegensatz zur Politik herrscht in Israel ein Konsens bezüglich Purim: Dieser Tag muss gefeiert werden. Und so wird der Tag des Purimfests auf die ganze Woche ausgedehnt. Viele Firmen leiten bereits Anfang der Woche die Feierlichkeiten ein. Am Montag feiert man in den Büros, am Dienstag in den Schulen, am Mittwoch in den Synagogen und am Wochenende auf den Straßen.
Die Adlojada-Paraden finden im ganzen Land statt, von Kirjat Schemona im Norden bis Eilat im Süden. Aber auch in Netanja, Herzlia, Be’er Scheva und Holon wurde akribisch an ausgefallenen Kostümen und überlebensgroßen Marionetten gearbeitet.
Bereits Wochen davor werden an den Schulen Choreografien einstudiert, um zu Hits wie jenem der Song-Contest-Gewinnerin Netta Barzilai die Besucherinnen und Besucher zu begeistern. Von klassischen Kostümen wie Haman, Esther oder dem persischen König Achaschwerosch aus dem Buch Esther bis zu Kostümen aus der modernen Popkultur – ein paar Verkleidungen haben in diesem Jahr dominiert und das Purim-Stadtbild von Tel Aviv geprägt. Nach dem Kinoerfolg von Bohemian Rhapsody war Queen-Legende Freddie Mercury beliebter denn je. Sogar bei der Generation, die lange nach seinem Tod zur Welt kam. Auch die von der spanischen Erfolgsserie Haus des Geldes inspirierten roten Ganzkörperanzüge, gepaart mit der Maske von Salvador Dali, waren beliebte Gruppenverkleidungen.
Nachdem die letzten vier Jahre ausgiebig am Kikar Hamedina im Norden von Tel Aviv gefeiert wurde, hat die Stadtverwaltung beschlossen, dass die Feierlichkeiten dieses Jahr in den Meir-Park verschoben werden, da der Andrang am Kikar Hamedina zu groß war.
Zu Purim ist es Pflicht, die „Megillat Esther“ zweimal zu hören: einmal am Abend und einmal am Tage in der Synagoge. In dieser Geschichte finden wir mehrere Episoden, in denen sowohl das Weintrinken wie auch das Verkleiden zentrale Rollen spielen. So wurde auch die große Synagoge auf der Allenby-Straße inmitten von rauschendem Nachtleben, Bars und Restaurants in Tel Aviv ein Anziehungspunkt für Gläubige, Traditionelle und Touristen.
Angesichts der bevorstehenden Wahlen in Israel und der Politikverdrossenheit der jungen Generation muss man wohl das Motto von Purim adaptieren und solange trinken, bis man Gut von Böse nicht mehr unterscheiden kann.
Le’Chaim, zum Wohl!

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