Editorial

„Das Erzählen von Geschichten gehört zu unseren grundlegendsten Erfahrungen, mit den wir uns durch die Welt navigieren.“ the beautiful truth

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Elie Wiesel begann seine Vorträge oft mit den Worten: „Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen eine Geschichte erzähle.“ Und das tat er, weil er dadurch die Zuhörenden zu Teilnehmern seiner Erzählung machte und sie damit berührte.
„Storytelling“, Geschichten erzählen, wird seit Jahrtausenden zur Weitergabe von Kultur angewandt. Die jüdische Kultur zählt viele große Geschichten über Unterdrückung, Befreiung, Mut und Wunder. Die wohl mächtigste unter diesen Geschichten ist die der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. Eine Geschichte, die seit Jahrtausenden durch Raum und Zeit verbindet und nicht nur über eine Volkwerdung erzählt, sondern durch ihr jährliches Rezitieren die jüdische Identität über die Jahrhunderte stärkt und bewahrt. Wir sind die Geschichten, die wir über uns erzählen, und das wohl stärkste Motiv der jüdischen Storytelling-Tradition ist das Motiv der Freiheit, der Befreiung aus der Unterdrückung. Die Haggada verbindet Vergangenheit und Zukunft, verbindet Jüdinnen und Juden mit ihrem Schicksal und mit ihrem Volk, auch wenn sie über Kontinente verstreut sind. Und sie verband unsere Großeltern in den dunkelsten Zeiten der Schoah mit der Idee der Befreiung.
„Ein spezieller Seder, ohne Mazzot und Wein, ohne ein Festessen, an welchem die ganze Familie gesättigt an einem Tisch sitzt, sondern eine Sedernacht im Laufen. Unsere Körper waren gedemütigt und versklavt, doch unseren Geist konnte man nicht wieder versklaven. Und so konnten wir auch unter diesen Zuständen sagen: Sklaven waren wir in Ägypten und G-tt unser EWIGER erlöste uns von dort – denn trotz allem fühlten wir uns wie freie Menschen.“ So erzählte der Mauthausen-Überlebende Sinai Adler* in einem Videobeitrag in Yad Vashem über seinen Seder im Konzentrationslager.
Es sind Storys wie diese, die einer imaginären Freiheitsstatue gleichen und der jüdischen Identität innewohnen. Und so ist die Haggada, die Juden und Jüdinnen in aller Welt dieses Jahr am Abend des 27. März vorlesen werden, die Geschichte eines Volkes, das seine Identität dank Geschichten aufrechterhalten und gestärkt hat.
Der im indischen Exil lebende Dalai Lama schrieb anlässlich seiner Teilnahme bei einem Pessach-Seder in Washington im Jahr 1997: „In unserem Dialog mit Rabbinern und jüdischen Gelehrten hat das tibetische Volk die Geheimnisse des jüdischen spirituellen Überlebens im Exil kennengelernt: Ein Geheimnis ist der Pessach-Seder. Durch ihn erinnert sich das jüdische Volk seit 2.000 Jahren, auch in sehr schwierigen Zeiten, an seine Befreiung aus der Sklaverei in die Freiheit, und das hat ihnen in schwierigen Zeiten Hoffnung gebracht. Wir sind unseren jüdischen Brüdern und Schwestern dankbar, dass sie zu ihrer Feier der Freiheit den Gedanken an die Freiheit des tibetischen Volkes hinzufügen.“
Wir tragen die Idee der Freiheit tief in unserer Identität, als kollektives Erbe, das uns mit unseren Wurzeln verbindet. Und es ist ein schöner Gedanke für eine erneut durch Covid beschränkte Pessach-Feier, dass, frei nach André Heller, unsere wahre Freiheit im Kopf ist – und ist sie nicht dort, so ist sie nirgendwo.
Ich wünsche Ihnen und uns allen ein friedliches Fest, bei dem wir die Freiheit nutzen können, es einmal anders zu machen und unsere gesamte Familie und alle Freunde gleichzeitig – via Videokonferenz – bei Tisch zu begrüßen.

* https://www.hagalil.com/2020/04/pessach
https://thebeautifultruth.org.uk/

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