„Wir müssen alles zur Seite legen und helfen“

Bis Mitte März sind bereits an die 500 jüdische Geflüchtete aus der Ukraine in Wien angekommen, unter ihnen viele Klein- und Schulkinder. Hunderte weitere wurden erwartet. Sowohl an der ZPC- wie auch an der Chabad-Schule wurden sofort die Ärmel hochgekrempelt: Jedes Kind, das eine jüdische Schule besuchen möchte, soll dies auch tun können.

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© WINA/Alexia Weiss; Lauder-Chabad

„Wie wir das schaffen werden? Ich habe noch keine Antwort“, sagt Rabbiner Jacob Biderman, Leiter des Lauder Chabad-Campus im Augarten. „ Aber wir müssen jedes Kind aufnehmen, wir werden niemandem absagen.“ Ebenso sieht das Natalie Neubauer, Vorsitzende des Schulvereins der Zwi-Perez-Chajes-Schule im Prater. Wenn langfristiger Bedarf an Kindergarten- und Schulplätzen bestehe, werde man diese schaffen – „nach bestem Wissen und Gewissen, mit enden wollenden Ressourcen, aber mit aller Kraft, die uns zur Verfügung steht“.
Die ZPC-Schule wurde so konzipiert, dass im Bedarfsfall ein Stockwerk aufgesetzt werden kann. Im Notfall könne man sich als Provisorium aber auch wie schon am früheren Standort in der Castellezgasse mit Containern im Garten behelfen. Biderman ist bereits dabei, sich nach Räumen nahe des Campus umzusehen, die angemietet werden können. An beiden Schulen lernen bereits die ersten ukrainischen Kinder und Jugendliche. Wie viele es insgesamt noch werden und wie viele von ihnen langfristig in Wien bleiben werden, steht allerdings in den Sternen. Denn selbst die Betroffenen wissen derzeit noch nicht, wie ihre Zukunft aussehen wird.

Gemeinschaft und Integration. Geflohene Kinder können in ihrer Sprache spre-chen, sich erholen und in Kontakt mit anderen Schüler:innen kommen. © WINA/Alexia Weiss; Lauder-Chabad

Oleg Vaikhonskyi und seine Frau Oksana Vaikhonska sind mit ihrem fünfjährigen Sohn Simon und ihrem 13-jährigen Labrador aus der Nähe von Kiew in Richtung Wien aufgebrochen. In aller Früh packten sie das Nötigste zusammen und machten sich mit ihrem Auto auf den Weg. Zurück blieb das Haus, das sie in den vergangenen zweieinhalb Jahren gebaut und eben erst bezogen hatten. „Das Einzige, was für uns in dem Moment wichtig war, war, unseren Sohn in Sicherheit zu bringen“, erzählt Oksana. Sie arbeitete in Kiew als Lifestyle-Journalistin. Ihr Mann hat Internationale Beziehungen studiert und war in einem Landwirtschaftskonzern tätig. Die Ukraine sei ihre Heimat, und auch wenn dort nicht alles perfekt und so sauber wie in Wien sei, irgendwann wolle sie wieder zurück, sagt Oksana. „Wir sind auch bereit, unser Land wieder aufzubauen.“
Ihr Mann ist zurückhaltender. Selbst wenn der Krieg bald vorbei wäre, gäbe es in der Ukraine nichts zu essen. Jobbedingt wisse er, dass es heuer keine Ernte geben werde. „Wenn der Treibstoff von der Armee gebraucht wird, wie soll man die Felder bestellen? Und wenn Panzer über die Felder fahren, was soll man dort ernten?“ Ein, zwei Jahre werde die Familie also auf jeden Fall in Österreich bleiben. Oder auch länger. „ Als wir die Schule gesehen haben, überkam mich das Gefühl, dass mein Sohn hier seinen Abschluss machen wird.“

Willkommen. Kinder im Sesselkreis am Lauder-Chabad-Campus. © WINA/Alexia Weiss; Lauder-Chabad

Derzeit besucht der Vorschüler eine Willkommensklasse an der ZPC-Schule. Hier gibt es für die Kinder Betreuung durch auch Russisch und Ukrainisch sprechende Pädagoginnen. „Das ist ein Angebot, um hier in einen Alltag hineinzufinden“, erklärt Daniela Davidovits-Nagy, die sich im Vorstand der ZPC-Schule der Hilfe für geflüchtete Kinder aus der Ukraine angenommen hat. „Die Kinder können in ihrer Sprache sprechen, sich ein bisschen erholen, können aber auch in Kontakt mit anderen Schülern kommen – in Pausen, bei den Mahlzeiten, bei Festen.“ Purim wurde bereits gemeinsam gefeiert. Langfristig sollen jene, deren Familien sich dazu entschieden haben zu bleiben, in die Klassen integriert werden. Für Ältere sind zu Beginn in Kooperation mit dem Jüdischen Beruflichen Bildungszentrum (JBBZ) Deutschintensivkurse angedacht, erzählt Davidovits.

 

„Wir müssen jedes Kind aufnehmen,
wir werden niemandem absagen.“

Rabbiner Jacob Biderman, Leiter des Lauder-Chabad-Campus

 

Wir wollen hier bleiben. Einer von ihnen ist Michael. Er ist 16 Jahre alt und mit seiner Mutter und seinen Großeltern aus Charkiw nach Wien geflüchtet. Vater hat er keinen mehr, er wurde vor einigen Jahren bei einem Überfall auf das Haus der Familie ermordet. Wien kannte er schon von einer Reise hierher vor drei Jahren. Und wenn man ihm zuhört, ist er gekommen, um zu bleiben. „Es kommt nun nur darauf an, ob meine Mutter einen Job findet.“

Schüler Michael (Mitte) mit Freunden aus der ZPC-Schule: „Jetzt muss ich neue Pläne machen.“ © WINA/Alexia Weiss; Lauder-Chabad

Michael möchte rasch Deutsch lernen, die Matura machen und dann hier an einer Universität studieren. Dass das in nächster Zeit sehr viel Lernen bedeuten wird, weiß er. Etwas brüchig wird sein Tatendrang, wenn er erzählt: „Ich hatte große Pläne in Charkiw. Ich wollte die Schule fertigmachen und danach an eine Universität in Europa gehen. Jetzt muss ich neue Pläne machen.“ Dass er jemals nach Charkiw zurückgehen könnte, diese Möglichkeit sieht er nicht. „1,5 Millionen Menschen lebten dort, jetzt sind nur mehr 300.000 geblieben. Die meisten von ihnen sind ältere Leute und solche, die zu arm waren, um zu flüchten.“ Die Stadt sei kaputt, „meine Schule steht auch nicht mehr“.

„Sehr viele sagen, dass sie auch, wenn der Krieg vorbei sein wird, hier bleiben wollen“, weiß Rabbiner Jacob Biderman. Städte wie Mariupol oder Charkiw seien zerstört. Die jüdische Infrastruktur in der Ukraine wurde in den vergangenen Jahrzehnten von Chabad aufgebaut – über 40 Schulen und Kindergärten werden beziehungsweise wurden landesweit betrieben, einige davon in Dnipro, wo bisher 40.000 Juden und Jüdinnen lebten und sich das Menora-Center befindet. Shmuel Kaminetsky ist Rabbiner in Dnipro – und ein Schulfreund des Wiener Rabbiners. Über diese Verbindung kommen seit März laufend Familien aus Dnipro in Wien an; teils kommen Kindergruppen sogar mit ihren Elementarpädagoginnen und Lehrern. Rabbiner Biderman stellte am Chabad-Campus sofort Raum zur Verfügung, damit die Schülerinnen und Schüler weiter unterrichtet werden können. An die 200 Kinder und Jugendliche dockten im Lauf des März schon hier an.

Rabbiner Jacob Biderman wird die Schule für den neuen Bedarf erweitern. © WINA/Alexia Weiss; Lauder-Chabad

„Was mich sehr gerührt hat: Ich gehe mit einer Mutter in eine Kindergartengruppe, und sie sieht die Elementarpädagogin und beginnt zu schreien, und die beiden Frauen umarmen einander und weinen, und es stellte sich heraus, das war schon in der Ukraine die Pädagogin der Tochter gewesen.“ Was den Rabbiner noch bewegt: „Die Gemeinde übersiedelt zusammen. Es ist ein Schochet mitgekommen, ein Sojfer, ein Mohel. Eine Gemeinde, die fliehen musste, bildet sich hier wieder.“ Wie auch an der ZPC-Schule, die Mitte März etwa ein Dutzend Kinder betreute, ist am Chabad-Campus das langfristige Ziel, die ukrainischen Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit den österreichischen zu unterrichten. Da wegen des Chabad-Netzwerks derzeit mehr

 

„[…] und die beiden Frauen umarmen einander und weinen,
und es stellte sich heraus,
das war schon in der Ukraine die Pädagogin der Tochter gewesen.“
Rabbiner Biderman

 

Schüler:innen in der Schule im Augarten anklopfen, wird es dort allerdings rascher nötig sein, neue Klassen zu öffnen. Rabbiner Biderman will hier rasch alle neu aufgenommenen Kinder gemeinsam mit den Schüler:innen unterrichten, die schon bisher die Schule besuchten. Das würden sich auch die Eltern der ukrainischen Mädchen und Buben wünschen. Deutschunterricht findet an der Chabad-Schule bereits für die geflüchteten Kinder statt.

Sowohl seitens der ZPC- wie auch der Chabad-Schule wird betont, es sei einzig Entscheidung der Eltern, in welche Schule ihre Kinder schließlich gehen. Wobei Rabbiner Biderman betont, dass viele Kinder, die in der Ukraine eine Chabad-Schule besuchten und nun hierher kämen, nicht religiös seien; nur ein Drittel spreche Hebräisch. 20 Prozent der Neuankömmlinge seien dagegen sogar chassidisch. An beiden Schulen wird es also nötig sein, nicht nur für intensiven Deutsch-, sondern auch Hebräischunterricht zu sorgen.

Am Eingang der ZPC-Schule. © WINA/Alexia Weiss; Lauder-Chabad

Noch sind Dinge wie konkrete Lehrpläne aber Zukunftsmusik. Da wie dort disponiert man von Tag zu Tag neu und versucht nur eines: der momentanen Situation gerecht zu werden und Kinder willkommen zu heißen. „Ja“, sagt Rabbiner Biderman, „es kann auch sein, dass das den Schulalltag ein bisschen stört und unbequem ist für das Lehrerteam. Aber diesen Familien und Kindern zu helfen, ist derzeit das Wichtigste.“ Er erzählt dabei vom Lubawitcher Rebben, der 1986 nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl sofort eine Luftbrücke für Kinder nach Israel startete. Die Chabad-Organisation sei überfordert gewesen, man habe gefragt, wo man nun so schnell so viele Kinder unterbringen solle. „Von mir aus schließt Jeschiwot und Mädchenschulen, um die Internate frei für die Kinder zu machen“, habe der Rebbe damals gesagt. „Zu gewissen Zeiten muss man Prioritäten setzen“, betont Rabbiner Biderman. Das sieht auch Davidovits so. „Das Wichtigste ist, dass jedes Kind, das einen Platz braucht, einen findet.“

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