Editorial

„Dies ist eines der Ziele der jüdischen Lebensweise: Alltägliches als spirituelles Abenteuer zu erleben und die verborgene Liebe und Weisheit in allen Dingen zu spüren.“ Abraham Joshua Heschel

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Der Mai hat es heuer in sich: Er vereint einige der wichtigsten Aspekte jüdischen Lebens. Ein Monat, in dem an den Schmerz und das Leiden der Vergangenheit erinnert wird, Momente des Triumphs gefeiert werden, und man der spirituellen Tradition näherkommt.

Am 16. Mai vor 80 Jahren wurde die Große Synagoge im Warschauer Ghetto gesprengt – das Ende des Aufstandes gegen die deutschen Besatzer, der einen Monat zuvor begonnen hatte. Der bewaffnete Kampf der Ghettobewohner wurde zum Symbol für jüdischen Widerstand und Heldentum während des Holocausts. Zehntausende starben während und unmittelbar nach dem Aufstand, Tausende wurden verschleppt, nur Einzelne überlebten den Krieg.

Am 5. Mai 1945 wurden die wenigen Überlebenden des Konzentrationslagers Mauthausen sowie Gusen durch die 11. US-Panzerdivision befreit. „Die Tore zur Hölle sind geöffnet“, schrieb damals der amerikanische Journalist John Berkeley. Drei Tage später kam die bedingungslose Kapitulation der deutschen Armee, die dem Wahnsinn ein Ende setzte. Der 8. Mai wäre damit wohl längst ein würdiger Nationalfeiertag, der Widerstand dagegen verdeutlicht, wie viel immer noch aufzuarbeiten ist.

Am 14. Mai 1948 wurde jener Traum, den das jüdische Volk so lange geträumt hatte endlich zur Wirklichkeit: Die Gründung des Staates Israel. Der spätere Ministerpräsident David Ben Gurion verlas die Unabhängigkeitserklärung, in der sich auch folgender Satz befindet: „Er [der Staat] wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen.“

Auch im Mai, nämlich 1950, präsentierte der damalige französische Außenminister den nach ihm benannten „Schuman-Plan“, der als Gründungsdokument des heutigen gemeinsamen Europas gilt – und immer noch Stabilität, Demokratie und Frieden auf unserem Kontinent garantiert. Robert Schuman, später Ministerpräsident und Präsident des Europäischen Parlaments, formulierte die Mission so: „Der Frieden der Welt kann nicht ohne kreative Anstrengungen gesichert werden, die den Gefahren entsprechen, die ihn bedrohen.“ Angesichts des brutalen Angriffskrieges gegen die Ukraine klingt dieser Satz wie eine Prophezeiung.

Und was das Spirituelle betrifft: Wir feiern Mitte Mai Schawuot. Ein Fest, an dem wir nicht nur traditionell viele milchige Speisen essen, sondern uns vor allem daran erinnern, dass uns am Berg Sinai die Tora übergeben wurde. Wurden wir mit der Flucht aus Ägypten zum Volk, so erhielten wir zu Schawuot jene „Gebrauchsanweisung“, die seither nicht nur für Jüdinnen und Juden eine allgemeingültige ethische Grundlage darstellt. Die jüdische Tradition ist nach dem ehemaligen Oberrabbiner des Vereinigten Königreichs, Rabbi Jonathan Sacks, eine „universelle Sprache“, die von allen Menschen gelernt werden kann und soll. Sie beinhaltet ein tiefes Verständnis davon, dass wir als Individuen und als Gesellschaft Verantwortung dafür tragen, die Welt zu verbessern. Die Tora kann damit als eine Art Leitfaden betrachtet werden, der uns den Weg als moralisch handelnde Wesen in dieser Welt weist. Die Idee von Tikkun Olam, die „Reparatur der Welt“, ist ein zentraler Aspekt der jüdischen Tradition und fordert uns auf, uns aktiv für Gerechtigkeit, Frieden und Nachhaltigkeit einzusetzen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein Schawuot sameach, Zeit zum Nachdenken und den besten Cheesecake, den man sich nur wünschen kann.

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