Woran Medienmacher und Leser erkennen, dass das sogenannte bürgerliche Jahr zu Ende geht? Wohl an den sich häufenden Rückblicken in Bild und Wort – Bilder des Jahres, Menschen des Jahres, Momente des Jahres, Zitate des Jahres … . Sie umrahmen das vergangene Jahr und trennen es vom kommenden. Und wir, die aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts, entwickeln rund um diese Zeit eine paradox-mystische Hektik, in der wir versuchen, alles abzuschließen, das noch offen ist – als würden wir uns Sorgen machen, dass wir in dem Graben zwischen dem 31. Dezember und dem 1. Jänner versinken werden wie die Schiffe jener Wikinger, die glaubten, an der Scheibengrenze des Planeten angekommen, würden sie in die Dunkelheit hinunterfallen. Und gleichzeitig mit der Geschäftigkeit versuchen wir, innezuhalten, besinnlich zu resümieren und absurde Vorsätze zu fassen – die spätestens Mitte Jänner vergessen sind.

„Ich bin in der Tat heute der Meinung, dass das Böse
immer nur extrem ist, aber niemals
radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert. Tief aber, und radikal ist immer nur das Gute.“ Hannah Arendt, 1963

Doch noch bevor wir einander mit tausenden guten Wünschen und Vorsätzen um den Hals fallen und in wenigen Stunden viele Milliarden in die Luft verpulvern, um kurze Lichtmomente in die Dunkelheit zu zaubern, feiern wir unser Fest des Wunders und zünden in Erinnerung an den weltlichen Sieg der Makkabäer über die hellenistische Herrschaft und an das g-ttliche Lichterwunder die acht Kerzen an. Dass die kleine Armee der Makkabäer die Griechen besiegen konnte und das einzige geweihte Öl, das noch im zerstörten Tempel gefunden wurde, acht Mal länger brannte, als möglich sein sollte, zeigt uns, dass Wunder möglich sind.
Was aber sind Wunder, und gibt es sie tatsächlich? Wunder sind mit anderen Worten Ausnahmeerscheinungen – und diese geschehen, wenn ich mir die Bilder des Jahres ansehe, stets um uns herum. Ein 16-jähriges schwedisches Mädchen, das die Brandkatastrophe, die wir selbst gelegt haben, erkennt und zu stoppen versucht. Ausgemergelte Kinder, die in Nordafrika vor Hunger taumelnd im Sand spielen. Verwaiste minderjährige Geflüchtete, die fern der Heimat einen Beruf erlernen und ein neues Leben beginnen. Fußgänger, die ihr Leben riskieren, um Fremde bei einem Terroranschlag vor dem Tod zu schützen. Und junge Demonstranten, die ihre Freiheit trotz harter Knüppel und brutaler Strafen zu verteidigen versuchen.
Die Kraft, die in all diesen jungen Augen zu erkennen ist, ist das wirkliche Wunder, das uns allen innewohnt. Die Kraft, nicht nur auf das Bessere zu hoffen, sondern auch dafür einzutreten und darum zu ringen, wenn es sein muss. Damit uns in Zukunft ganz andere Augen am Ende des Jahres entgegenblicken – fröhliche, lachende, schelmische junge Augen, die keine Angst vor der Zukunft haben müssen.
Mit dieser kraftvollen Hoffnung auf Wunder möchte ich mich in die Feiertage verabschieden, Ihnen ein hell erleuchtetes Lichterfest, erholsame Wintertage und viel Freude beim Lesen wünschen!

Chanukka sameach!

Foto: A tract of Amazon jungle burns at Tenharim Marmelos Indigenous Land, Amazonas state, Brazil, September 15, 2019. REUTERS/Bruno Kelly/File/picturedesk.com

 



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