Letzte Orte

2016 und 2017 wurde in der Krypta am Heldenplatz die Ausstellung Letzte Orte vor der Deportation. Kleine Sperlgasse, Castellezgasse, Malzgasse gezeigt. Nun liegt das dort Gezeigte auch in Buchform vor. Der Band erzählt beklemmende Geschichten von Orten, die wir in unserem heutigen Alltag oft kreuzen.

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Dieter J. Hecht, Michaela Raggam- Blesch, Heidemarie Uhl (Hg.): Letzte Orte. Die Wiener Sammellager und die Deportationen 1941/42. Mandelbaum Verlag, 240 S., 20 €

Es sind vor allem die Augenzeugenberichte, die dieses Buch so lebendig machen, gleichzeitig aber eben für Gänsehautfeeling sorgen. Hier kommen Menschen zu Wort, die erlebt haben, was es bedeutete, in der Zeit des Nationalsozialismus als Jude oder Jüdin in Wien zu leben.
„Es ist dann der furchtbare Stern gekommen“, erzählt Helga Feldner-Busztin. „Man war wirklich … richtig …richtig ausgestoßen. Und das war eine Rolle, in die sich eine eher aufmüpfige 12-/13-Jährige sehr schwer findet. Denn ich war sehr aufmüpfig. […] Ich bin da auf dem (Franz-Josefs-)Kai gegangen mit dem Stern, und plötzlich ist eine Frau gekommen und hat mir eine Watsche gegeben und hat gesagt: ‚Du Judensau!‘ So für nichts. Na, ich war entsprechend … geschockt, nicht. Aber (irgendwann später), zufällig an einer ähnlichen Stelle, auch am Kai, ist eine andere Frau gekommen und hat mir ein Sackerl Obst in die Hand gedrückt, hat gesagt: ‚Du armes Kind!‘ “
„Wir haben genau gewusst, wenn du in einem Judenhaus zusammengepfercht wirst, wie wir waren, … (wo) in jedem Stock, in jeder Wohnung, statt einer Partei vier Parteien gewohnt haben, dass der Tag kommen wird, wo sie uns schnappen. Wir haben nichts machen können. Abwarten und Tee trinken“, erzählt Herbert (Blacky) Schwarz. „Da sind wir dort gesessen, und eines Tages – Boom. Hat man uns ausgehoben. […] Und dann plötzlich am Abend, in der Nacht, sind die SS und die SA reingekommen: ‚Die Juden raus! Raus, raus, raus.‘ Da hat jeder den Koffer genommen und ist rausgelaufen und endete am Lastwagen. Und so waren wir am Lastwagen.“
Rosa Kostenwein erinnert sich: „Da wirst dann aufgerufen und da musst dann hin. Und er (Brunner) schreit, wie wahnsinnig. Und schimpft: ‚Judenbagage, elendige! Muss ich meine Zeit mich euch verbringen.‘ Und: ‚Lebt’s eh nicht (mehr) lang!‘ Und dann hat er … zwei Stempel in der Hand, einer rechts und einer links. […] Der (eine) hat (ein) ‚e‘ mit einer Umrandung (zeigt einen Kreis), und der andere war ein ‚e‘ ohne Umrandung. Und einer hat gesagt ‚Evakuierung‘, und der andere ‚Entlassung‘. […] Und jetzt schreit er und wird wahnsinnig und fuchtelt da herum. Hab ich mir gedacht: ‚Hoffentlich erwischt er jetzt den richtigen (Stempel)!‘ “

Im März 1938 waren 181.882 Österreicher und Österreicherinnen Mitglied einer Israelitischen Kultusgemeinde, 167.249 von ihnen lebten in Wien. Mit dem Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze am 20. Mai 1938 galten etwa 210.000 Personen in Österreich nach NS-Definition als jüdisch, davon waren 180.000 in Wien. 1938 wurden viele Juden und Jüdinnen entlassen, erhielten Berufsverbote, die Kinder mussten öffentliche Schulen verlassen, Unternehmen und Geschäfte wurden enteignet. Der Alltag wurde zunehmend enger und enger. Mehr als 140.000 Menschen konnten jedoch bis zum Auswanderungsverbot im Oktober 1941 flüchten, 17.000 von ihnen wurden aber schließlich in den Zufluchtsländern wie Frankreich oder den Niederlanden wieder von den Nazis eingeholt und großteils ermordet.
Die großen Deportationen begannen in Wien im Februar 1941. In den Jahren 1941/42 wurden 45.527 Personen in 45 Transporten vom Wiener Aspangbahnhof in die Ghettos, Vernichtungslager und Mordstätten (zum Beispiel Maly Trostinec) der Nazis deportiert. Insgesamt wurden etwas mehr als 66.000 österreichischen Jüdinnen und Juden ermordet. Letzte Stationen erzählt davon, wie sie (aber auch Überlebende der Schoah) die Zeit bis zu ihrer Deportation erlebten.

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