Mit Bäumen erinnern

Neben der Volkshochschule Hietzing soll ein „Garten der Erinnerung“ entstehen. In der Bezirksvertretung stimmten bereits alle fünf Parteien – inklusive FPÖ – für das Projekt. Nun bemüht sich der Leiter des VHS-Standortes, Robert Streibel, auch darum, die Stadt Wien für sein Vorhaben zu gewinnen.

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Grünraum und Erinnerungsort: Wand und Vorplatz der VHS Hietzing könnten optimal und den Notwendigkeiten der Zeit gemäß genutzt werden. © VHS Hietzing

Früher stand auf dem rund 135 Quadratmeter kleinen Grundstück neben der VHS Hietzing eine Tankstelle. Sie gibt es schon eine Weile nicht mehr, und seit rund fünf Jahren nützt die VHS das Areal bereits als improvisiertes Kaffeehaus im Freien. Aktuell wird die VHS renoviert, und Streibel kam inzwischen eine Idee: Warum nicht das kleine Areal begrünen und gleichzeitig als Ort der Erinnerung gestalten? 2017 begannen Streibel und Christian Stifter, der Direktor des Österreichischen Volkshochschularchivs, nachzuforschen, wie viele Volksbildner und Volksbildnerinnen der Zwischenkriegszeit von der Verfolgung durch die Nazis betroffen waren. An die 2.050 Vortragende konnten sie bisher ausforschen. Kürzlich wurden Streibel und Stifter für ihre Forschung zu verfolgten Volksbildnern im Parlament mit dem Ludo-Hartmann-Preis ausgezeichnet.

Grünräume zu schaffen, sei angesichts des
Klimawandels und der Erhitzung der Städte
ein Gebot der Stunde.

 

An jene rund 350 Frauen und Männer, die an Volkshochschulen wirkten und in der NS-Zeit in einem Konzentrationslager interniert waren (das Gros von ihnen wurde ermordet), soll nun eine weithin sichtbare Installation an einer riesigen Feuermauer neben der VHS Hietzing erinnern. Streibel will die 350 Namen auf die Mauer schreiben lassen und sie gleichzeitig mit Farbcodes versehen: drei unterschiedliche Töne sollen anzeigen, ob der oder die Betreffende überlebt hat, ermordet wurde oder Suizid begangen hat. Einen entsprechenden Antrag möchte der VHS-Direktor nun bei KÖR – Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Wien einbringen.

Während die Feuermauer nur als temporäres Projekt geplant ist, soll der „Garten der Erinnerung“ langfristig an die verfolgten Volksbildner erinnern. „Es soll ein Garten sein und keine Gedenkwüste“, stellt Streibel klar. Ja, natürlich soll auch eine Tafel an die Verfolgten erinnern, aber Grünräume zu schaffen, sei angesichts des Klimawandels und der Erhitzung der Städte ein Gebot der Stunde. Dies mit Gedenken zu verbinden, sei eine zeitgemäße Form der Erinnerung.

Bereits jetzt hat die VHS Hietzing vor dem Gebäude fünf Bäume im Gedenken an fünf Frauen – alle jüdische und daher vom NSRegime verfolgte Wissenschafterinnen – gepflanzt. Sie erinnern an die Anwältin und Soziologin Marianne Beth (1890–1984), sie konnte in die USA flüchten, die Zoologin Leonore Brecher (1886–1942), ermordet in Maly Trostinec, die Ärztin, Individualpsychologin und Lehrerin Margarete Hilferding (1871–1942), verstorben auf dem Transport zwischen dem Ghetto Theresienstadt und dem Vernichtungslager Treblinka, Eugenie Schwarzwald (1872–1940), Begründerin der gleichnamigen Schulen, die im Exil in Zürich verstarb, sowie die Meteorologin und Geophysikerin Flora Hochsinger (1878–1942), die wie Brecher ebenfalls in Maly Trostinec umgebracht wurde. Wird der Garten der Erinnerung realisiert, sollen neben der VHS Hietzing weitere Bäume gepflanzt werden.


GEDENKZEREMONIE, 07. MAI 2023
Anlässlich des 78. Jahrestages der Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers Mauthausen lädt die Israelitische Religionsgesellschaft und der Bund jüdischer Verfolgter des Naziregimes zu einer gemeinsamen Gedenkzeremonie ein, die von der Jugendkommission der IKG Wien gestaltet und geleitet wird. Um
eine Anmeldung für die kostenlose Fahrt, die von der IKG Wien zur Verfügung gestellt wird, wird bis spätestens 30. April 2023 gebeten. Informationen unter
www.ikg-wien.at/jugend.

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