Die Geigerin aus Wolgograd

Anna Morgoulets ist noch nicht einmal 30 Jahre alt und hat sich schon zwei Mal in einem fremden Land ein neues Leben aufgebaut. In all ihren drei bisherigen Heimaten spielte allerdings die Geige die Hauptrolle. Heute ist sie erste Konzert­meisterin des Kärntner Symphonieorchesters.

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Anna Morgoulets, geb. 1989 in Wolgograd, Geigenunterricht ab dem Alter von sechs Jahren. Als sie elf ist, macht die Familie Aljia nach Israel, sie maturiert, studiert Geige an der Buchman-Mehta School of Music. 2007 Übersiedlung nach Wien, hier Studium an der Konservatorium Wien Privatuniversität. Seit 2013 erste Konzertmeisterin des Kärntner Symphonieorchesters. Morgoulets lebt mit ihrem Partner und ihrer Tochter in Klagenfurt. © Daniel Shaked

Das Jüdischsein hat in Anna Morgoulets Kindheit in Wolgograd keine große Rolle gespielt. „Ich habe gewusst, ich bin jüdisch, aber es war nichts, womit ich mich identifiziert habe. Das kam erst später.“ Jüdische Feste waren ihr zwar ein Begriff, wurden aber nicht gefeiert. „Auch, weil wir nicht dazu gekommen sind. Meine Eltern haben abends oft gearbeitet, meine Mutter war Hebamme, mein Vater Saxofonist in einem Nachtklub. Ich war meist alleine mit dem Hund zu Hause und habe ferngeschaut.“

Im Rückblick sieht Morgoulets ihre jüdische Erziehung in Büchern begründet. Ihre Großmutter war Literaturprofessorin. „Sie hatte eine riesige Bibliothek, darin waren hauptsächlich Bücher von deutschen und österreichischen Autoren, übersetzt ins Russische. Ich habe mit Feuchtwanger und Zweig noch vor Dostojewski und Tolstoi Bekanntschaft gemacht, die dann in der Schule gelesen wurden.“

2000 ging die Familie nach Israel. „Wir waren da schon sehr spät dran. Aber der Antisemitismus war immer mehr zu spüren.“ Sie selbst war nur einmal in der Schule mit Antisemitismus konfrontiert. Der Vater aber hatte als Musiker mehr damit zu kämpfen. „Mein Vater wurde 1949 geboren, in der Ukraine, die Familie ist dann nach Russland geflüchtet.“ Er lebe bis heute in Tel Aviv, auch wenn die Tochter meint, die Eltern hätten sich nie wirklich in der israelischen Gesellschaft integriert. „Sie haben sehr wenige Freunde, die nicht Russisch sprechen.“ Die Eltern trennten sich, die Mutter ging vor ein paar Jahren wieder nach Wolgograd zurück und arbeitet dort wieder als Hebamme.

»Ich habe mit Feuchtwanger und Zweig noch vor
Dostojewski und Tolstoi Bekanntschaft gemacht.«
Anna Morgoulets

Sie selbst fasste in Israel rasch Fuß. „Natürlich war es am Anfang ein Kulturschock. Aber bei Kindern geht es schnell. Ein halbes Jahr habe ich Ulpan gemacht und auch rasch Freunde gefunden.“ Das Geigenspiel, mit dem sie als Sechsjährige in Russland begonnen hatte, setzt sie in Tel Aviv fort – zuerst am Konservatorium, später an der Buchman-Mehta School of Music.

Klagenfurt. Die Geige brachte sie schließlich auch nach Wien. Hier studierte sie an der Konservatorium Wien Privatuniversität, erwarb zuerst den Bachelor, dann den Master. Während des Studiums spielte sie freiberuflich in den verschiedensten Orchestern und reiste viel. „Und irgendwann habe ich mir gedacht, ich will das nicht mehr. Ich will ein ruhigeres Leben und an einem Ort bleiben.“

Feste Engagements zu bekommen sei schwierig, erzählt Morgoulets. Orchester laden immer wieder zum Vorspielen, doch über die erste Runde hinauszukommen sei schwer. Es gebe so viele gute junge Musiker und Musikerinnen in Wien – und viel zu wenig Arbeit für sie alle. Als sie dann das Vorspielen für eine feste Stelle im Kärntner Symphonieorchester für sich entschied, ging sie nach Klagenfurt. Als Konzertmeisterin. „Es tut mir gut, Verantwortung zu haben. Ich kann es dann mehr auf den Punkt bringen.“ Als Konzertmeisterin sei sie ein Bindeglied zwischen Dirigent und Orchester. „Das ist nicht immer leicht. Aber es hält einen fit.“

Erst in Klagenfurt habe sie perfekt Deutsch zu sprechen gelernt, erzählt Morgoulets. An der Uni hätten die meisten Studierenden Englisch gesprochen. Im Kärntner Orchester komme sie aber nur mit Deutsch weiter. Die guten Deutschkenntnisse haben ihr auch das Tor zum Jiddischen geöffnet. „Meine Großtanten kommen aus dem Baltikum, aus Lettland. Ihre erste Sprache ist Jiddisch. Dann kommt Lettisch, und Russisch sprechen sie sehr schlecht. Und ich kann sie nun viel besser verstehen, wenn sie Jiddisch sprechen.“

Inzwischen ist Morgoulets auch mit einem Kollegen, einem Cellisten liiert, sie haben eine gemeinsame Tochter, Sarah. „Seine Familie ist sehr offen und hat mich willkommen geheißen.“ Ihre Tochter wächst zweisprachig mit Russisch und Deutsch auf. Später soll sie auch einmal Hebräisch lernen. Heiraten möchte die Geigerin nicht. „Das habe ich schon als Kind beschlossen.“ Sie sei mit ihrem Leben sehr glücklich, so wie es jetzt sei. Kürzlich hat sie auch die österreichische Staatsbürgerschaft beantragt.

Ob die Familie in Klagenfurt bleibt, steht in den Sternen. Denn nun, wo Anna Morgoulets einen ruhigen Ort gefunden hat, da zieht es sie wieder in die Ferne. „Jetzt würde ich wieder gerne mehr reisen. Man möchte immer das, was man gerade nicht hat.“ Als erster Schritt wäre ein Umzug nach Wien, wo sie immer wieder Konzerte gibt, ihr Ziel. Das hänge aber davon ab, ob Engagements zu bekommen seien. „Und wenn es so ist, dass ich bis 60 in Klagenfurt bleibe, dann ist es auch ok.“ Morgoulets ist bescheiden und will dennoch noch mehr vom Leben.

In Klagenfurt spielt sie auch in einer kleineren Formation sowie Duette mit ihrem Lebenspartner. Immer wieder nimmt sie sich dabei auch verfemter Musik an, wie kürzlich bei einem Konzert des Primavera Festivals in Wien. Fritz Kreisler spiele sie sehr gerne, aber auch Hanns Eisler. Von ihm gebe es Bekanntes, aber auch sehr viel Unbekanntes. Diese Stücke wieder zu spielen, mache besonders Freude.

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