„Wir wollten nicht noch einen Holocaustfilm machen“

Die Filmemacherinnen von Back to the Fatherland im Interview mit Anna Goldenberg über die dritte Generation zwischen Wien, Berlin und Israel.

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© backtothefatherland.com
Back to the Fatherland
Autoren: Anneliese Rohrer, Susan Korda
Produzenten: Kat
Rohrer, Matthias
Kress, Gil Levanon.
Österreich-Premiere:
12.10.2018, 20:45 Uhr, METRO Kinokulturhaus;
zweites Screening: 13.10.2017, 19:30 Uhr, METRO Kinokulturhaus
backtofatherland.com

Zu Beginn des Filmes sieht man zwei junge Frauen auf einem staubigen Dachboden. Aus einer Truhe entnimmt Katharina, genannt Kat, Rohrer eine Uniform. Es ist die Wehrmachtsuniform ihres Großvaters, eines bekennenden Nazis, der 1944 in Jugoslawien fiel. Daneben steht Gil Levanon. Ihr Großvater floh 1937 aus Deutschland nach Palästina. Gemeinsam haben Levanon und Rohrer nun einen Dokumentarfilm produziert, Back to the Fatherland, in dem sie sich der Frage annähern, was eine solche Vergangenheit aus der Enkelgeneration macht. Konkret: Warum ziehen junge Israelis nach Berlin oder Wien, jene Städte, aus denen ihre Großeltern einst grausam vertrieben wurden?

Die Filmemacherinnen haben charmante und in ihrer Vielschichtigkeit interessante Protagonisten gefunden: den Künstler Dan, Anfang 30, der seit einigen Jahren in Berlin lebt, weil er sich in Israel nie wohlfühlte. An der israelischen Politik lässt er kein gutes Haar. Zu seiner Großmutter Lea, ebenfalls eine Künstlerin, die aus Wien über Dänemark nach Palästina floh, hat er eine enge Beziehung. Und Guy, der für seine große Liebe Kathi von Israel nach Salzburg zog und mit enorm viel Selbstbewusstsein daherzukommen scheint. Möglicherweise hat er das von seinem Großvater Uri, einem geborenen Wiener, der das KZ Theresienstadt überlebt, mit Österreich aber stets verbunden blieb. Im Film folgen wir den Familien, wie sie neue und ehemalige Zuhause erkunden, über Identität und Zugehörigkeit diskutieren. Der Blick der Kamera ist unaufdringlich und unkitschig, viele Szenen berühren dennoch.

WINA traf Kat Rohrer, die zwischen New York und Wien pendelt, sowie Gil Levanon, die meist in Israel lebt, in Wien zum Gespräch über den Film,  der ab 12. Oktober im Metro Kino zu sehen ist.


Vielschichtige Protagonisten. Gil und Kat auf dem staubigen Dachboden. © backtothefatherland.com

WINA: Wie kam es zur Idee für den Film?

Kat Rohrer: Wir haben einander während des Studiums in New York kennengelernt und sind seitdem befreundet. Ich blieb in New York, Gil ging zurück nach Israel. 2012 hat mich Gil nach Israel eingeladen, und ich bin gemeinsam mit meiner Mutter und meiner Tante hingereist. Am Strand von Tel Aviv sah ich einen Israeli mit einem deutschen Schäferhund und war total erstaunt. Wie kann ein Israeli e

Lea malt ihren Enkel Dan, der lieber in Berlin als in Israel lebt. © backtothefatherland.com

inen deutschen Schäferhund besitzen! Für mich steht dieser Hund für Hitler und Konzentrationslager.

Gil Levanon: Für mich schien der Schäferhund gar nicht so seltsam. Ich bin froh, dass ich es nicht gesehen habe, aber sie schon.

Rohrer: Gil hat mir dann erzählt, dass sie es nicht verstehen kann, warum junge Israelis nach Wien oder

Guy zog für seine große Liebe nach Salzburg,
mit seinem Großvater
Uri besuchte er Wien noch einmal.© backtothefatherland.com

Berlin ziehen. Das ging mir genauso. Das war ungefähr 2014, die Zeit der so genannten Milky-Proteste. Viele Israelis sind wegen der hohen Lebenserhaltungskosten ausgewandert. Milky, einen israelischen Schokopudding, gab es in Berlin günstiger als in Israel. Gils Schwester lebte damals bereits seit acht Jahren in Berlin. Ich habe Gil gefragt, was ihr Großvater, der aus Deutschland floh, darüber dachte.

Levanon: Also haben wir uns mit meinem Großvater

Gil Levanon mit ihrem Großvater Yochanan. Seine Reaktion auf Gils Entscheidung, nach Berlin zu ziehen, schickt Gil und Kat auf die berührende Filmreise Back to Fatherland. © backtothefatherland.com

darüber unterhalten. Danach wussten wir: Wir wollen mehr wissen.

Rohrer: Wir haben Anzeigen in israelischen Zeitungen geschalten und Altersheime kontaktiert und gesagt, wir suchen Menschen aus Österreich und Deutschland, deren Enkelkinder dorthin ziehen. So haben wir Uri und Lea gefunden. In Uri haben wir uns verliebt. Er ist so Wienerisch. Seine Sprache – das Vokabular, die Struktur – ist in den Dreißigerjahren stecken geblieben.

Was war das Schwierigste an der Filmproduktion?

Levanon: Es war sehr schwierig, die Szene mit Uri in der Straßenbahn zu drehen. Uri erinnert sich an eine traumatische Begegnung mit einem Gestapo-Polizisten. Es ist eine Sache, darüber zu sprechen, und die andere, tatsächlich wieder in einer solchen Straßenbahn zu sitzen. Wir haben gemerkt, dass Uri auf einmal wieder der neunjährige Bub war, der Riesenangst hat.

Rohrer: Für mich war es schön, mit Lea und Dan und seinem Vater nach Wien zu reisen. Dan, der nun in Berlin lebt, und sein Vater hatten eine schwierige Beziehung. Sich der Familiengeschichte zu stellen, hat sie näher zusammengebracht.

»Wir haben gemerkt,
dass Uri
auf einmal wieder der neunjährige
Bub war, der
Riesenangst hat.«
Gil Levanon

Levanon: Es war so beeindruckend, Lea in ihrer alten Schule, heute das Wiedner Gymnasium, zu sehen. Sie war bei ihrem Besuch 92 Jahre alt und brauchte Hilfe beim Gehen. Kaum haben wir die Schule betreten, war sie wieder 14 Jahre alt und ging ganz allein die Stiegen hinauf.

Rohrer: Für mich war es während der Dreharbeiten immer schwierig zu sagen, dass mein Großvater ein Nazi war. Ich habe es mindestens ein Dutzend Mal zu verschiedenen Menschen gesagt …

Levanon: … und es wurde nie einfacher?

Rohrer: Nein, es wurde nie einfacher. Du hast immer Angst vor der Reaktion der Menschen und wie sich dich danach sehen.

Ihre Familiengeschichten werden im Film erwähnt, aber nicht prominent. Sind sie für Sie ein wichtiges Thema?

Rohrer: Meine Mutter und ihre Schwestern haben ihren Vater nie kennengelernt. Er fiel an der Front, als meine Mutter ein Monat alt war. Die Familie hat den Mann, einen glühenden Nazi, aus der Erinnerung verbannt. Und dann kam ich und war so, Entschuldigung, können wir bitte über den Nazi in der Familie sprechen? Vor einigen Jahren habe ich einen fiktionalisierten Kurzfilm über meine Familiengeschichte gemacht, The Search. Ich glaube, das war letztlich für alle sehr heilend.

Levanon: Als ich zwölf Jahre alt war, mussten wir für die Schule über die Lebensgeschichten unserer Großeltern schreiben. Ich wusste also schon früh, woher sie kamen und was sie erlebt hatten.

War das im Familienleben präsent?

Levanon: Wenn du gefragt hast, hast du eine Antwort bekommen.

Sie hatten bestimmt sehr viel Material. Welche Aspekte mussten Sie auslassen?

Rohrer: Wir zeigen recht wenig von der Familiengeschichte unserer Protagonisten. Das klingt furchtbar, aber wir wollten nicht noch einen Holocaustfilm machen. Der Film sollte über die dritte Generation sein.

Levanon: Es ist ein anderes, neues Genre. Wir wollten in die Zukunft blicken.

Was haben Sie von der dritten Generation gelernt?

Rohrer: Guy, der nun in Salzburg lebt, sagt, der Holocaust berührt ihn nicht, aber das stimmt nicht. Er ist ständig besorgt über Neonazis und Araber. Er ist sich unsicher, ob es eine gute Entscheidung war, nach Salzburg zu ziehen. Es ist sein Großvater, Uri, der es wunderbar findet. Uri sieht es nicht als Verrat; für ihn lebt Guy das Leben, das er hätte leben können. Das habe ich nicht erwartet.

Levanon: Manche der Enkelkinder fühlen sich in Deutschland und Österreich sehr zuhause. Das ergibt ja auch Sinn: Wir, das jüdische Volk, leben erst seit zwei Generationen in Israel und waren davor viele hundert Jahre in Europa. Jedes Mal, wenn ich in Wien in ein Kaffeehaus gehe, erinnert es mich an die Wohnung meiner Großmutter in Haifa. Diese Generation hat so viel aus Wien mitgebracht. Also fühlt sich Wien für mich wie zuhause an!

Rohrer: Mir ist aufgefallen, wie wenig ich über jüdische Kultur in Wien weiß. Es ist wichtig, dass wir in der Schule über die furchtbaren Jahre lernen, aber das Judentum war lange ein wichtiger Teil der Wiener Kultur. Bis vor Kurzem habe ich etwa nicht gewusst, dass Arthur Schnitzler Jude war. Man liest seine Werke, weiß aber nicht, aus welchem kulturellen Umfeld die Geschichten kommen.

Warum heißt der Film eigentlich Back to the Fatherland?

Levanon: Es ist einerseits der biblische Begriff für Israel und andererseits das Wort, das die Nazis für Deutschland benutzten. Sind es also die Enkelkinder oder die Großeltern, die ins Vaterland zurückkehren? Es ist ein bisschen von beidem und soll sich unangenehm anfühlen.

Im Film geht es viel um die Frage, ob ein ganzes Land schuldig sein kann.

Rohrer: In Österreich hieß es lange, wir seien die ersten Opfer der Nazis gewesen. Wir haben uns unseren Dämonen nie gestellt und zahlen noch immer dafür. Die Deutschen haben es besser gemacht.

Levanon: Ich weiß nicht, ob man einem ganzen Land vergeben kann, aber was wir mit dem Film zu sagen versuchen, ist, dass man darüber reden muss. Über die dritte Generation können wir wieder näher zusammenkommen und herausfinden, wie wir die schwere Last gemeinsam tragen können.

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