„Dank meiner Mutter“

Schoschana Rabinovicis Zeugnis überlebt die Überlebende

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© Christian Michelides/Burgtheater

„Jidn gejt rechtß, gejt rechtß!“ Schreiend warnen drei junge Leute tausende panisch drängende Menschen vor der linken Seite des Tores, denn nur rechts geht es ins Leben. Dann sind Schüsse zu hören. Die drei fallen tot von der Mauer des Friedhofs, auf dem die letzten Juden aus dem Ghetto von Wilna zusammengepfercht vor der Selektion stehen. Es ist Ende September 1943. Susie Weksler ist noch keine elf Jahre alt.
Hinter ihr liegt die Zeit, in der sie als verwöhntes Einzelkind in Wilna aufwuchs, bis sie ihr rosa Mädchenzimmer verlassen muss und mit ihrer Familie ins Ghetto und dort in immer engere Behausungen umzieht, um sie herum Menschenjagden, Pogrome und Ausrottungsaktionen, Hunger und Angst. Doch das war erst der Anfang.
Wer Schoschana Rabinovici 2013 auf der Bühne des Burgtheaters als eine der „Letzten Zeugen“ erlebte, wird ihre würdevolle und elegante Erscheinung genauso wenig vergessen wie die Szene aus ihrem Buch, die eine Schauspielerin dort vorlas. Darin beschreibt sie die „Maline“, einen von Juden geheim ausgehobenen Raum unter der Kanalisation, in dem es einigen Ghetto-Bewohnern gelang, sich vor einer Gestapo-Aktion zu retten. Um Sauerstoff zu sparen, durfte man nicht reden, ein Säugling, dessen Schreien sie zu verraten drohte, wurde von seinem Vater erstickt.

Raja wollte nicht reden, nicht erinnern,
Raja wollte leben.

Zeugnis abzulegen, davon zu erzählen, was gewesen ist, das empfand Schoschana Rabinovici wie viele Überlebende der Schoah als eine Pflicht, der sie aber erst nach dem Tod ihrer Mutter Raja nachkommen konnte. Denn Raja wollte nicht reden, nicht erinnern, Raja wollte leben.
Ihrem Lebenswillen, ihrer Disziplin und Strenge, ihren fast übermenschlichen psychischen und körperlichen Kräften, ihrer Geistesgegenwart in schicksalhaften Momenten, die über Leben und Tod entschieden, und ihrer absoluten Entschlossenheit, ihr einziges Kind über diese Zeit zu retten, an deren Ende sie fest glaubte, verdankt Susie, die sich in Israel Schoschana nennt, ihr Leben. Immer wieder umklammert Mutters harte Hand die ihre, richtet das Mädchen auf, macht es älter, zwingt es zu arbeiten. Nur kein „Muselmann“ werden, so nannte man diejenigen, die sich aufgegeben hatten.

Schoschana
Rabinovici:
Dank meiner Mutter.
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Fischer,
288 S., € 8,20

Aus dem Inferno. Dank meiner Mutter, die Aufzeichnungen aus dem Inferno von Wilna, Kaiserwald, Stutthof und den Todesmärschen, ist nicht nur ein Kaddisch auf diese angebetete Mutter. Es erinnert darüber hinaus an viele, viele Opfer, Familienmitglieder, Verwandte, Freundinnen, Mithäftlinge, mit denen die beiden enge Pritschen, harte Brotscheiben und Todesängste teilten und deren Namen und Geschichten niemand mehr kennt. Schoschanas Buch ist das einzige Zeugnis, dass es sie einmal gegeben hat und dass sie ermordet wurden.
„Mir gedenken ale ßojnim/mir dermonen ale frajnd“ ist als Motto dem Band vorangestellt, der demgemäß auch die Feinde, die ßojnim, nicht vergisst, auch sie beim Namen nennt. Franz Murer, als „Schlächter von Wilna“ bekannt, ist nur einer von ihnen.
Lange vor der Niederschrift war es bereits „fertig in ihr“, hat sie einmal berichtet. 1991 erschien es auf Hebräisch, 1994 in der wunderbaren Übersetzung von Mirjam Pressler. Daten und Fakten wurden von Yad Vashem ergänzt, sodass es sich nunmehr auch um ein historisches Dokument handelt, das aber vor allem auf berührende und erschütternde Weise „die Gedanken und Gefühle eines literarisch ungeschulten Kindes“ wiedergibt, wie ihr Sohn Doron anmerkte. Jiddische Gedichte, die dieses Kind in den Lagern schrieb, offenbaren jedoch durchaus einiges an naiver literarischer Kraft.
Am 2. August ist nun auch diese letzte Zeugin in Israel verstummt. Ihre Aufzeichnungen bleiben. Sie bleiben wichtig, und sie bleiben gültig.

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