„Groß in Uniform“ – manchmal werden Wunder wahr

Ein Programm zur Integration von jungen Menschen mit Behinderungen in die israelische Armee.

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Bei der Armee zu dienen, hat in Israel noch immer einen sehr hohen Stellenwert. Eliteeinheiten stehen hoch im Kurs, und viele Jugendliche kämpfen darum, rekrutiert zu werden, auch wenn sie sich eigentlich untauglich schreiben lassen könnten. Zu diesem Ziel werden oft Gründe, die einen disqualifizieren oder das Profil herabsetzen könnten, verschwiegen. Der „Zaw Rischon“, der Einberufungsbefehl, den man für gewöhnlich mit 17 bekommt, ist für die meisten israelischen Familien ein wichtiger Moment, ab dem dann eine gewisse Einheit oder Laufbahn angepeilt wird, die später oft zum Sprungbrett für das Berufsleben werden kann.

Auch für viele der jungen Männer und Frauen mit speziellen Bedürfnissen ist es wichtig, den Armeedienst zu absolvieren und damit ihren Teil für die Gesellschaft beizutragen. Sie fühlen sich übergangen, enttäuscht und minderwertig, wenn sie ihren Beitrag nicht leisten dürfen, besonders, wenn sie sehen, wie eines ihrer Geschwister eingezogen wird und welchen Stellenwert dieser Lebensabschnitt für die ganze Familie hat.

„Bevor ich eingerückt bin, konnte ich mich nicht
einmal selbst im Auto anschnallen.“
Erez Tedsky

Lihi Lapid erinnert sich an ihre Trauer und daran, wie sie in Tränen ausbrach, als dann der von so vielen ungeduldig erwartete Brief auch für ihre Tochter Jael ins Haus flatterte. Es schien völlig unmöglich, dass ihr schwer autistisches Kind diese so wichtige und prägende Erfahrung jemals teilen würde Können. Doch dann geschah ein Wunder – mit Hilfe des Vereins „Gdolim beMadim“ („Groß in Uniform“), wurde der Traum wahr: Jael, mittlerweile Anfang zwanzig, nahm an der Angelobungszeremonie teil, bei der den jungen Rekruten und Rekrutinnen ihr Barett verliehen wurde.

„Wir haben vor Rührung Bäche von Wasser geheult“, erinnert sich die stolze Mutter und erzählt, wie Jael, die nicht sprechen kann, nach der Zeremonie das Handy ihres Vaters nahm und lange bei den Fotoalben suchte, bis sie das Foto von der Zeremonie ihres älteren Bruders Joav fand: „Sie hat uns das Bild so stolz gezeigt, so als würde sie sagen wollen: ‚Schaut, ich habe es auch geschafft, so wie Joav!‘“

Die Organisation „Groß in Uniform“ hilft jungen Männern und Frauen aus dem autistischen Spektrum, mit zerebralen Lähmungen oder anderen Einschränkungen, einen geeigneten Platz für ihren Dienst zu finden. Sie hilft dabei, die angehenden Soldat:innen auf die Zeit im Militär vorzubereiten, erleichtert die Integration und begleitet sie nach der Abrüstung oft noch bei der Suche nach einem passenden Arbeitsplatz.

Früher herrschte, vor allem bei vielen Kommandanten, die Meinung, dass diese Menschen eine Belastung für die Armee wären. Heute ist klar, dass sie eine enorme Bereicherung darstellen.

Das konnte man auch daran merken, wie die Routine einiger Einheiten völlig ins Stocken kam, als die Volontäre während der Corona-Lockdowns nicht zur Arbeit kommen konnten. „Sie sind so verantwortungsbewusste und engagierte Soldaten, und sie machen ihre Arbeit genauso ernsthaft, als würden sie einen Kampfjet pilotieren“, sagt Mendy Blinitzky, der CEO des Vereins: „Sie haben so viel Motivation, das ist richtig ansteckend, und ihre Arbeit ist signifikant.“

Oft sind es monotone, aber wichtige Tätigkeiten, die im Rahmen dieses speziellen Militärdiensts verrichtet werde. Aber auch Eliteeinheiten, wie beispielweise Okez, wo Hunde für spezielle militärische Einsätze ausgebildet werden, können von den Volontären profitieren und vice versa. So konnte Erez Tedsky in der Armee bei einem Hundetrainerkurs mitmachen, der ihm die Arbeit im Hundezwinger dieser Eliteeinheit ermöglichte und vielleicht später einmal einen Job bei der Polizei oder bei den Sicherheitskräften.

Bei einem Fernsehinterview über „Gdolim beMadim“ erzählt er: „Zu Anfang habe ich mich sehr gefürchtet, aber ich war froh, ein Teil dieser Einheit zu sein und das gab mir Zuversicht. Bevor ich eingerückt bin, konnte ich mich nicht einmal selbst im Auto anschnallen. Heute bin ich viel unabhängiger.“

Und ein Soldat, der seinen Dienst in der Armeemusikgruppe gemacht hat, berichtet: „Die von ,Groß in Uniform‘ haben mich unterstützt und alles nur Menschenmögliche für mich getan. Und ich habe dafür alles, was ich nur konnte, zurückgegeben. Meine Familie war so stolz auf mich, auf meine Auftritte und darüber, dass ich in der Armee volontiert habe. Ich habe auch noch viele Freundschaften aus dieser Zeit, die anderen Soldaten mochten mich sehr, und ich habe einen Kameraden, der mit mir rekrutiert wurde und für mich heute wie ein Bruder ist.”

Mit Hilfe dieser Volontärorganisation können sich jährlich viele hunderte Menschen mit Behinderungen um noch ein Stückchen mehr gleichwertig mit ihren „normalen“ Altersgenossen fühlen. Und auch die Gesellschaft selbst könne sich, durch dieses Zusammentreffen und das gemeinsame Arbeiten verändern, meint Lihi Lapid, Präsidentin der Dachorganisation für Menschen mit Behinderungen: „Der Soldat, der mit Jaeli gemeinsam die Gasmasken verpackt hat, wird vielleicht einmal, wenn er ein Unternehmen führt, kein Problem damit haben, einen Mitarbeiter mit einer Behinderung aufzunehmen. Denn er hat gesehen, wie engagiert sie arbeitet, auch wenn sie um vieles langsamer ist als die anderen.“

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