Kinder

Auf den Spuren der Kindheit: Im Juli machten ehemalige Kindertransport-Kinder, teils mit ihren Partnern sowie Nachkommen von einst Geretteten, eine besondere Reise. Die in New York ansässige „Kindertransport Association“ organisierte eine Gedenkfahrt, die von Wien aus mit Zug und Schiff über Berlin und Amsterdam nach London führte.

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Ralph Mollerick (u.) Ilse Melamid (o.) und Eva Yachnes (u.). Die ehemaligen Kindertransport-Kinder kamen auf Einladung des Jewish Welcome Service nach Wien, aus der sie als Kinder vertrieben wurden. Von hier aus führte sie die Reise über Berlin nach London. © Daniel Shaked
© Daniel Shaked
© Daniel Shaked

Sie sind heute über 80 oder sogar 90 Jahre alt: In ihrem Selbstverständnis und in dem ihrer Söhne und Töchter sind sie aber immer noch „die Kinder“. Oder „Kinders“, wie Melissa Hacker, Präsidentin der „Kindertransport Association“ (KTA) sagt. Vier von ihnen besuchten diesen Sommer Stätten ihrer Kindheit, die teils mit positiven, teils auch mit sehr belasteten Erinnerungen besetzt sind. Eva Yachnes beispielsweise weiß noch genau, wie sie sich als kleines Mädchen so an ihrer Großmutter festkrallte, als diese sie in Wien in den rettenden Zug nach England setzte, dass man jeden Finger einzeln lösen musste. „Ich hatte so Angst, alleine zu sein.“ Die Eltern waren schon vor ihr geflüchtet.
Heute weiß sie, dass sie es besser haben sollte als andere Kindertransport-Kinder, die zwar gerettet werden konnten, aber Waisen wurden. Doch die Angstgefühle von damals haben sich in der Erinnerung eingebrannt. Denn als sie endlich in London angekommen war, sollte es noch eine Weile dauern, bis sie ihre Mutter wiedertraf. Ein anderes Mädchen, das denselben Namen trug und keine Eltern mehr hatte, sollte von einer Pflegefamilie aufgenommen werden. Durch eine Verwechslung landete die kleine Eva bei einem fremden Paar und versuchte, nicht des Englischen mächtig, darauf aufmerksam zu machen, dass es doch eine Mutter hatte, die inzwischen in Großbritannien als Dienstmädchen arbeitete. Eine Woche sollte es schließlich dauern, bis das Missverständnis aufgeklärt war. Im Rückblick empfindet Eva diese Woche bis heute „als Ewigkeit“.
Wenn man Eva Yachnes, aber auch den anderen „Kindern“, die an dieser Gedenkreise teilnahmen – Mark Burin, Ralph Millerick und Ilse Melamid – zuhört, merkt man, sie haben ihre Geschichten schon oft erzählt. Sie stehen am Ende eines langen Lebens, das sie dank eines Kindertransports leben konnten. Sprechen sie vor einer größeren Gruppe, steht die Rettung im Mittelpunkt der Erzählung. Hört man ihnen im privateren Gespräch, etwa mit Nachkommen anderer Kindertransport-Kinder, eine Weile zu, hört man aber auch die Brüche heraus, die so ein Leben mit sich bringt.

»Mein Mann hatte zwei Geburtstage. Seine Mutter schenkte ihm zwei Mal das Leben – als sie ihn zur Welt brachte und als sie ihn in den Zug setzte.« 
Witwe eines Kindertransport-Kindes

Ilse Melamid ist eines jener „Kinder“, das im derzeit in der Urania untergebrachten Museum „Für das Kind“ von Milli Segal mit einem Foto von Habseligkeiten, die sie von Wien nach England retten konnte, vertreten ist. Ilse, sie ist heute Vorstandsmitglied in der KTA, kam in Hietzing zur Welt. Mit einem Kindertransport konnte sie nach England flüchten, doch ihr weiterer Weg führte sie zunächst nach Australien und 1966 schließlich nach New York. 1969 kehrte sie erstmals wieder nach Österreich zurück. 1980 lebte sie dann mit ihrem Mann ein Jahr in Wien. Ihre Erinnerungen an diese Zeit sind ambivalent. Wenn sie erklärte, dass sie auch aus Österreich stammte, aber als Kind flüchten habe müssen, dann habe sie jedes Mal gespürt, „wie der Vorhang herunterging“. Die Menschen reagierten meist reserviert; „sie taten so, als ob sie nicht gehört hatten, was ich gesagt hatte.“

Gedenktour. In Wien gab es auch ein Zusammentreffen der heute in den USA lebenden „Kinder“ mit Hans Menasse, der in England überlebte, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aber nach Wien zurückkehrte. Er schilderte seine Erinnerungen an die Zeit in Großbritannien, aber auch sein erstes Zusammentreffen mit seinen Eltern zurück in Wien, denen er sich zunächst entfremdet fühlte, nicht zuletzt, da sein Deutsch, so schien es anfänglich, verschüttgegangen war. Er kam in England, wie auch andere der anwesenden Kinder, zunächst in Harwich an. Die Gedenktour wurde daher von der KTS so organisiert, dass die Fähre von den Niederlanden nach England diesen Juli in Harwich anlegte. Auch eine Besichtigung der englischen Hafenstadt stand auf dem Programm.
In Wien hatte sich die Gruppe zuvor am Kindertransportdenkmal am Westbahnhof versammelt, sich das Museum in der Urania und Ruth Beckermanns Film Waldheims Walzer angesehen sowie das Schoah-Mahnmal am Judenplatz und das Jüdische Museum besucht. Die Skulptur am Westbahnhof entpuppte sich nicht nur als willkommenes Fotomotiv für diverse Pressefotografen. Auch die „Kinder“ selbst wollten unbedingt in den verschiedensten Konstellationen vor dem Denkmal abgebildet werden – da wurden Mobiltelefone eifrig herumgereicht und jeder, der nicht zur Gruppe gehörte, gebeten, mit diversen Handys Fotos zu machen. Der Moment des Innehaltens wurde so vertagt. Wenn die „Kinder“, die inzwischen wieder zurück in den USA sind, nun die Fotos auf ihren Telefonen betrachten, können sie sich vielleicht von der Hektik des Gruppenbesuchs lösen und auf das konzentrieren, was die Reise in ihnen bewegte.
Melissa Hacker betonte, sie wollte diese Reise zu etwas ganz Speziellem, etwas Bedeutungsvollem machen. Es sollte eine Gedenkfahrt werden, die die Eltern ehrte, die ihre Kinder in Züge gesetzt hatten, die sie in Sicherheit brachten, welche aber auch den „Kindern“ Ehrerbietung zollte, die alleine in eine ungewisse Zukunft in einem fremden Land mit fremder Sprache aufbrachen. Die Witwe eines Kindertransport-Kindes habe einmal zu ihr gesagt: „Mein Mann hatte zwei Geburtstage, und seine Mutter schenkte ihm zwei Mal das Leben – als sie ihn zur Welt brachte und als sie ihn in den Zug setzte.“ Ihr selbst tut es heute leid, niemals ihre Großmutter – Alice Birnholz, sie stammte aus Wien – danach gefragt zu haben, wie es ihr ging, als sie ihre Tochter mit einem Kindertransport wegschickte. „Ich begann erst Fragen zu stellen, nachdem sie bereits verstorben war.“ kindertransport.org

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