„Planen hat immer etwas mit Zukunft zu tun“

Das Wiener Architekturzentrum zeigt noch bis 9. September die von Angelika Fitz und Elke Krasny kuratierte Schau Critical Care. Wie zeitgenössische „Architektur für einen Planeten in der Krise“ aussehen kann, beleuchtet die sensibel gestaltete Ausstellung anhand von rund 20 internationalen Projekten, die überraschen, berühren und zum Nachdenken anregen.

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An miteinander über den ganzen Raum verbundenen roten Fäden hängen die fragilen, beweglichen Recycling-Kartontafeln der Ausstellung Critical Care. © Az W/Lisa Rastl; Heritage Foundation of Pakistan; Martina Bo Rubino

Critical Care
Architektur für einen Planeten in der Krise
Ausstellung bis 9. Sept. 2019, tgl. 10 bis 19 Uhr
Architekturzentrum Wien (Az W),
Museumsplatz 1 1070 Wien
azw.at

Inzwischen spüren wir es alle – die extremen Schneemassen im Winter, die massiven Unwetter, die unerträgliche Hitze im Sommer: Das Klima in Europa verändert sich, wobei es sich hier nicht nur um eine ‚Veränderung‘ handelt, sondern eben um eine echte ‚Krise‘ “, erzählt Angelika Fitz, seit 2017 Direktorin des Wiener Architekturzentrums (Az W).
Betritt man die noch im Sommer laufende aktuelle Schau Critical Care, befindet man sich rasch in einem zugleich lose und doch stringent gewobenen kuratorischen System an ineinandergreifenden, korrespondierenden Themenfeldern. An roten Schnüren sind sie alle miteinander verbunden: die 21 in den letzten drei Jahren intensiver internationaler Forschungsarbeit von Fitz und Elke Krasny zusammengetragenen architektonischen und urbanistischen Projekte, die von Asien nach Europa, von Afrika nach Amerika führen und so beeindruckend vielgestaltig wie konsequent in ihrem Ansatz sind, der für alle einen gemeinsamen Nenner hat: unserem Planeten in der Krise mit Projekten, die Sorge tragen, ob in urbanen oder ländlichen Regionen, Perspektiven für eine lebbare Zukunft zu schenken.

Das von Emergency Architecture mit initiierte Projekt realisierte 100 Klassenräume für Kinder im Flüchtlingslager Za’atari Village in Jordanien. © Az W/Lisa Rastl; Heritage Foundation of Pakistan; Martina Bo Rubino

Den Titel haben die beiden Kuratorinnen aus der Medizin entnommen. „Critical Care heißt so viel wie Notaufnahme, Intensivstation. Und es ist in unseren Augen auch dramatisch, wenn wir so weitermachen wie bisher. Dann überlebt vielleicht der Planet, aber ohne uns und viele andere Lebewesen“, macht Fitz die Dringlichkeit des Ansatzes deutlich. Doch, verrät die Architekturexpertin, steckt im Titel auch die Lösung. „Denn dieses care, also das Sorgetragen, das seinerseits aus den Politik- und Sozialwissenschaften kommt und langsam auch in den Kulturwissenschaften Einzug gehalten hat, beinhaltet ja zugleich auch die Lösung für diesen Zustand der Krise.“
Den Begriff, der bislang für die Beziehung zwischen Menschen Verwendung fand, auch für Fragen zeitgenössischer Architektur und Urbanistik anzuwenden, ist ein weiteres innovatives Moment der Ausstellung und des begleitenden Forschungsprojektes. „Wir haben uns gefragt, ob es Architekturen, ob es ganze Stadtteile gibt, die Sorge tragen. Nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere, für die Natur – also in einem wirklich gesamtheitlichen Sinn.“
Mit der Ver- und Anwendung des Begriffes „care“ auf die Auseinandersetzung mit internationalen Projekten aus Architektur und Stadtplanung haben Fitz und Krasny in den letzten Jahren tatsächlich Pionierarbeit geleistet. Lose strukturiert wurden die 21 Projekte von den beiden Kuratorinnen anhand fünf Gruppierungen: Da ist die Frage des Sorgetragens für Wasser, Grund und Boden, für oft über Jahrtausende tradierte, vielfach verschwundene Kenntnisse und Fertigkeiten, für Produktion, aber auch für „Reparatur“ und den öffentlichen Raum.

»Es geht auch darum,
einen Ort neu zu sehen,
neu zu erfahren.«

Angelika Fitz

Gemeinsames Aushandeln von Interessen. Renommierte internationale Architekturbüros sind ebenso vertreten wie Einzelarchitekt*innen und für ein konkretes Projekt zusammengefundene Arbeitsgemeinschaften, international bereits bekannte, mit Preisen ausgezeichnete Projekte ebenso wie unbekannte. „Diese Mischung war uns sehr wichtig“, verrät Fitz bei einem Ausstellungsrundgang. Und dass es bei allen ausgewählten Projekten wichtig war, Sorgetragen in einem ganzheitlichen Sinne zu verstehen. „Was wir uns fragen, und hier sind wir nicht die einzigen: Dieses Anthropozän, also dieses ‚menschengemachte‘ Zeitalter, in dem wir leben: Wer ist dieser Mensch, wer sind diese Menschen? Ist alles, was Menschen tun, schlecht? Wir denken, nein – so einfach kann man es sich nicht machen. Es geht schon um eine bestimmte Art des Tuns, eine bestimmte Art des Wirtschaftens. Und das heißt, ich muss auch aussprechen, dass diese ökologische Krise eine Krise des Kapitalismus ist.“ Architektur und Stadtplanung, erläutert Fitz weiter, sind „als wesentliche Teile dieses Kapitalismus daher auch selbstverständlich Teile dieser Krise. Sie können aber eben auch Teile der Lösung sein.“ Wie das möglich sein könnte – und auch ist –, machen die versammelten Projekte deutlich: als ökologische „Reparatur“ der informellen Siedlungen mitten im Financial District am Matin-Pena-Kanal in Puerto Ricco, als erdbebensichere neue Formen von Dorfentwicklungen im chinesischen Sichuan, als flutbeständige Häuser in Lehm- und Bambusbauweise, wie etwa in Pakistan, oder als vielfältige öffentliche Räume, ob im Londoner Vorort Croydon, in São Paulo, Barcelona oder im belgischen Melle.

In Pakistan wurde das Projekt Sindh Flood Rehabilitation ins Leben gerufen, bei dem in traditioneller Lehm- und Bambusbauweise flutbeständige Häuser für die Menschen der Region gebaut werden. © Az W/Lisa Rastl; Heritage Foundation of Pakistan; Martina Bo Rubino

„Alle diese Projekte arbeiten in neuen Allianzen“, erläutert Fitz eines der wesentlichen Prinzipien, das vor allem zwei der zentralen Aspekte garantiert: Erfolg und Nachhaltigkeit. „Sie versuchen nicht nur neue ökologische, sondern eben auch neue ökonomische Modelle zu pflegen. Sie arbeiten mit NGOs, Bauherrn und gemeinwohlorientierten Stiftungen, sie arbeiten mit anderen Disziplinen zusammen.“ Ein Missverständnis gilt es dabei auch gleich aus dem Weg zu räumen, erläutert Fitz weiter: „Die Projekte verbinden Bottom-up-Prozesse mit Top-down-Strategien“, denn „mit ein bisschen Basteln werden wir den Planeten nicht retten. Es geht hier schon um großmaßstäbliche, prototypische Ideen.“ Das heißt nicht, dass alle präsentierten Projekte regionenübergreifend sind, wie etwa jenes im chinesischen Bezirk Songyang, in dem Architektin Xu Tiantian zahlreiche über die ganze Region verteilte nachhaltige Produktionsstätten für lokale Produkte wie etwa Tofu entworfen hat, die so, neben der Stärkung traditioneller Produktionsweisen, den internationalen wie auch den Binnentourismus wiederbeleben. Auch so kleine und schwer zu kopierende Projekte wie jenes von Anapuma Kundoo, bei dem in alter Lehmbautechnik Gebäude für obdachlose Kinder entstehen, oder jenes von Anna Heringer, die gemeinsam mit der Modemacherin Veronika Lena in einem Dorf in Bangladesch eine aus alten Saris entwickelte Modelinien entworfen hat, sind vertreten.
Nicht alle Projekte, die die beiden Kuratorinnen recherchiert und zu einem großen Teil auch vor Ort besucht haben, waren sich zuvor selbst ihrer „Care“-Perspektive oder gar ihrer nicht zuletzt durch die Schau deutlich gemachten globalen Pionierarbeit bewusst. „Doch wenn wir ihnen dann von unserem Konzept erzählt haben, konnten sich alle damit identifizieren.“
Auch ein Beitrag aus Wien ist Teil der Ausstellung, seinerseits von Krasny und Fitz gemeinsam initiiert und kuratiert: Bei dem 2017 begonnenen Projekt Care + Repair wurden sechs internationale Architekt*innen-Teams eingeladen, jeweils im Tandem mit lokalen Expert*innen aus Wien an der „Reparatur“ der „Freien Mitte“ zu arbeiten – jener „urbanen Wildnis“, die im Zuge der Bebauung des ehemaligen Wiener Nordbahnhof-Geländes in der Wiener Leopoldstadt, einem der größten Wiener Stadtentwicklungsprojekte der letzten und kommenden Jahre, entstand, oder besser: verblieben war. Das Leitbild der Masterplaner von Studio-VlayStreeruwitz war hier, wie bei nahezu allen Beispielen, „vom Vorhandenen auszugehen, statt Tabula rasa zu machen“, vorhandene „Qualitäten“ zu suchen, zu finden, zu erforschen und, im idealen Falle, auch nachhaltig zu nutzen.
Mit dem in Zusammenarbeit mit der TU Wien realisierten Forschungsprojekt Mischung: Nordbahnhof konnte hier in Wien ein Projekt entstehen, dass bereits auf weltweite Aufmerksamkeit stieß. Dieses „involved curating“, also das involvierende, teilhabende Kuratieren vor Ort schafft nicht nur ein mediales „place making“, sondern auch ein nachhaltiges Bewusstsein für die Qualitäten oft übersehener gewachsener „Wildnisse“ in stark wachsenden Städten. Mittels Teilhabe, Partizipation und eben auch: Fürsorge, gepaart mit Achtsamkeit und nachhaltiger „Pflege“, ist die Rettung der Welt, „1 Minute vor 12“, so die Hoffnung, die man am Ende des Ausstellungsbesuches mitnimmt, vielleicht doch nicht ganz unrealistisch.
„Partizipation bedeutet ein gemeinsames Versuchen, Tun und Umsetzen“, schließt Fitz ihre Ausführungen zum Wiener Projekt. „Es geht auch darum, einen Ort neu zu sehen, neu zu erfahren. Nicht nur: reden, reden, reden.“

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