Spurensuche

Juden und Jüdinnen haben die Wiener Moderne mitgestaltet. In dem nun im Böhlau Verlag erschienenen Band hat Herausgeberin Elana Shapira zahlreiche Beispiele zusammengetragen – in der Anthologie dokumentieren Kulturhistoriker, Kuratoren, Kunsthistoriker und Architekten den aktuellen Forschungsstand zum Thema.

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Die Atlanten am Palais Goldschmidt stellen jüdische Propheten dar, darunter Moses. © Wikipedia

Die Geschichten jüdischer Bauherren illustrieren auch Emanzipation. Erst 1867 wurden Jüdinnen und Juden in Österreich durch das Staatsgrundgesetz rechtlich gleichgestellt. Seit 1860 war es ihnen bereits erlaubt, Grund zu kaufen. Als die Ringstraße erbaut wurde, eröffnete das Möglichkeiten. Möglichkeiten, die genutzt wurden: 700 Parzellen standen in der Stadterweiterungszone um die Ringstraße zur Verfügung. 44 Prozent der privaten Käufer waren jüdisch, schreibt etwa Angelina Pötschner.

Elana Shapira (Hg.):
Design Dialog: Juden, Kultur und Wiener Moderne.
Böhlau Verlag, 475 S., € 36 €

Der Chefredakteur der Wiener Zeitung in den 1880er-Jahren, Friedrich Uhl, selbst jüdischer Herkunft, hatte damals festgehalten: „Reger Wetteifer ergriff die Bürger Wiens, und die reichen jüdischen Banqiers, welche durch die Emancipation endlich! das Recht erhielten, Menschen zu sein, ein eigenes Haus, ein eigenes Heim besitzen zu dürfen, setzten ihren Stolz darein, Prunkhäuser zu bauen. […] Sie ließen die Prachtbauten auf der Ringstraße von ersten Künstlern errichten, gleichsam um zu zeigen: Hier sind wir, hier bleiben wir. Hier ist es schön, hier wollen wir unsere Paläste bauen!”

Ins allgemeine Bewusstsein eingeschrieben haben sich die von Teophil Hansen erbauten Palais für die Familien Todesco, Ephrussi und Epstein. Hier bildete sich der Stil eines so genannten jüdischen Hellenismus. Im Inneren des Palais Ephrussi gibt es aber auch direkte jüdische Spuren: Das Deckengemälde im Festsaal zeigt einen Esther-Zyklus. Juden und Jüdinnen haben damit zur kulturellen Erneuerung Wiens beigetragen – und sich in das Stadtbild eingeschrieben, manchmal sogar auch in der Außenansicht sichtbarer, als es vielen bewusst ist.

Beispiel Palais Goldschmidt am Schottenring. Die Fassade ziert eine jüdisch geprägte Ikonografie. Karl Goldschmidt war Textilgroßhändler, das jüdische Textilviertel lag damals in unmittelbarer Nähe. Goldschmidt wandte sich nicht an den Architekten Hansen, sondern an Wilhelm Stiassny, selbst Jude, der an der Akademie der Bildenden Künste bei Friedrich von Schmidt Architektur studiert hatte. Beide, Goldschmidt und Stiassny, waren Kunstsammler, beiden war es wichtig, ein bewusstes Judentum zu vertreten, beide waren in der Kultusgemeinde aktiv.

»Sie ließen die Prachtbauten auf der Ringstraße errichten, gleichsam um zu zeigen:
Hier sind wir, hier bleiben wir!«
Friedrich Uhl, Chefredakteur Wiener Zeitung 1880

Sieht man sich die Fassade genauer an, tragen vier freistehende Atlanten den Balkon des Obergeschosses. Statuen dieser Art entsprachen damals durchaus dem Zeitgeist. Sie wirken auf den ersten Blick griechisch und setzen damit vermeintlich den jüdischen Hellenismus fort. Bei genauerer Betrachtung stellen die Figuren Stiassnys allerdings keine Persönlichkeiten aus der griechischen Mythologie dar. Der Architekt hatte sich vielmehr für jüdische Propheten entschieden, darunter Moses (mit Bezügen zum Vorbild von Michelangelo).

Palais Ephrussi. Der Stil des von Teophil Hansen erbauten Palais wird als jüdischer Hellenismus bezeichnet. © Wikipedia

Durch die Darstellung von Persönlichkeiten aus der jüdischen Geschichte zeigte sich das neu erwachte Selbstbewusstsein der jüdischen Bürger, schreibt Ursula Propkop in der Anthologie, „wobei die betonte Idealisierung zweifellos auch als Antithese zum gängigen antisemitischen Topos des ‚hässlichen Juden‘ intendiert ist.” Und dennoch: Auf eine allzu ostentative Darstellung jüdischer Symbolik hat man bei der Gestaltung der vier Figuren verzichtet. „Letztlich mussten Bauherr und Architekt den schwierigen Balanceakt vollziehen, neben der Demonstration der jüdischen Identität gleichzeitig auch die Eingebundenheit in die mehrheitlich christliche Gesellschaft zu demonstrieren”, erläutert Prokopp. Umgekehrt zeigt die Darstellung biblischer Figuren, dass im christlichen Umfeld nach und nach das im Judentum gepflegte Bilderverbot aufgegeben wurde – ein Akt der Assimilierung. Man fühlte sich im profanen Bereich, also bei nicht-sakralen Bauten, nicht mehr an das Bilderverbot gebunden.

Andere Beispiele zeigen stilistisch modernere und feministische Ansätze, wie etwa die Zusammenarbeit des Architekten Adolf Loss mit der Reformpädagogin Eugenie Schwarzwald oder der wechselseitige Einfluss des Künstlerpaares Nelly und Oskar Marmorek.

Er war Architekt (und entwarf etwa den Nestroyhof), sie Malerin. Bevor Oskar Marmorek seine Frau kennengelernt hatte, war er noch dem Historismus verpflichtet, dann wandte er sich jedoch der Moderne zu. Anfänglich arbeitete er im floralen, verspielten Jugendstil (wie eben beim Nestroyhof), doch nach und nach wurden seine Bauten schlichter, geometrischer, moderner.

Parallel dazu zeigten die Arbeiten von Nelly Marmorek einen hohen Grad an Abstraktion. Die Beziehung der beiden fand allerdings ein jähes Ende: Oskar Marmorek beging 1909 Suizid. 

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