„Unsere Einzigartigkeit bringt uns zusammen“

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Gibt es junge jüdische Kunst aus Wien? Eine Ausstellung mit sechs Künstlern beim Festival der jüdischen Kultur soll diese Frage mit einem klaren „Ja“ beantworten. Warum sie sich auf die Räumlichkeiten im Brick-5 besonders freut und was ihre eigenen Erfahrungen zum Konzept beitragen, erzählt die Kuratorin Aline Rezende im Interview mit Anna Goldenberg.

Wina: Wie haben Sie die Werke ausgewählt?

Aline Rezende: Ich habe jeden der sechs Künstler einzeln in ihren Studios getroffen und mit ihnen gemeinsam jene Werke ausgewählt, die sie gemacht haben, weil sie es wollten. Viele der Künstler fertigen auch Auftragsarbeiten an. Ich habe ihnen aber gesagt, lass uns deinen Selbstausdruck präsentieren. Die Werke der Künstler sind sehr unterschiedlich, aber sie vervollständigen einander. Man spürt, dass sie alle Teil einer Gruppe sind. Aber man muss nicht gleich sein, um das Gleiche zu fühlen.

„Man muss nicht gleich sein,
um das Gleiche zu fühlen.“

Wie werden die unterschiedlichen Werke zusammenpassen?

 Der Fokus liegt auf der Einzigartigkeit und Verschiedenheit innerhalb der Gruppe. Wir haben alle gemeinsam, dass wir in Wien arbeiten. Die Künstler haben gemeinsam, dass sie jüdisch sind, aber die Religion spielt in ihren Werken kaum eine Rolle. Anstatt sich darauf zu versteifen, was wir gemeinsam haben, richte ich den Blick auf die Unterschiede. Unsere Einzigartigkeit trennt uns nicht, sie bringt uns zusammen.

Die Künstler wurden also ausgewählt, weil sie jüdisch sind, obwohl die Ausstellung selbst ihr Judentum kaum behandelt?

Ich denke, es ist ein einmaliger Zugang und ein bisschen radikal. Auch wenn es in der Ausstellung nicht hauptsächlich um Judentum gehen wird, ist sie doch Teil des jüdischen Festivals. Die Kulturkommission will zeigen, was zeitgenössische, junge jüdische Künstler machen – bevor sie jüdisch sind. Sie haben mich als nicht-jüdische Kuratorin eingeladen. Ich habe ihnen gleich gesagt, dass Religion ein sehr sensibles Thema ist, insbesondere, wenn es nicht die eigene ist. Für eine Ausstellung da-rüber wäre ich nicht die richtige Person. Sie sagten, dass sei der Grund, weshalb sie mich ausgewählt hatten.

Fanden Sie es eine Herausforderung, dass die Kulturkommission die Künstler schon zuvor bestimmt hatte?

Es ist ein ungewöhnlicher Zugang zum Kuratieren. Normalerweise würde ich zuerst über das Konzept nachdenken und dann über die möglichen Künstler. Aber die Ausstellungsvorbereitung verläuft nicht immer linear. Die Kulturkommission hat die Künstler mit gutem Grund ausgewählt. Das Thema des Festivals ist Österreich, und es ist ein jüdisches Festival. Wir haben die Auswahl diskutiert und sind zu dem Schluss gekommen, dass sie als Gruppe gut funktioniert.

Die dreitägige Ausstellung findet im Veranstaltungszentrum Brick-5 statt, eine ehemalige Erbsenschälfabrik und vor dem Krieg ein jüdisches Kulturzentrum. Das ist keine klassische Galerie. Ist das ein Vor- oder Nachteil?

Für mich haben so genannte Offspaces nur Vorteile. Wir sind so gewohnt, Kunstwerke in einem Museum zu sehen, wo es strikte Regeln gibt und man die Dinge zum Beispiel nicht anfassen kann. Hier hingegen kann ich mit dem Raum spielen und zum Beispiel entscheiden, ob man Musik spielt, und kreativ darin sein, wie man die Werke platziert. Man kann Wein trinken, wenn man will. Kunst anzusehen, ist nie passiv, sondern aktiv. Man vergleicht die Werke, fragt sich, warum ist das hier, warum ist das Kunst. In einem Offspace kann man mit dieser Erfahrung mehr spielen.

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Wie empfanden Sie die Arbeit in großen Museen?

Ich bin seit zehn Jahren als Kuratorin tätig, zumeist in Museen. Die Arbeit in großen Museen wie dem National Art Center oder dem MoMA in New York ist teuer und eingeschränkt, weshalb ich es genieße, jetzt in einem Offspace zu kuratieren. Zum Beispiel wurde in Tokio streng geregelt, wer in der Galerie sein darf, wenn die Werke geliefert werden. Die Kuratoren machten die ganzen Recherchen und Vorbereitungen, und meistens waren es dann nur die Chefs, die dabei waren, wenn die Werke kamen. Aber natürlich war es auch eine große Freude, mit berühmten Kunstwerken zu arbeiten! Picasso selbst lebt jedoch nicht mehr. Arbeitet man hingegen mit zeitgenössischen Künstlern zusammen, kann man die Ausstellung gemeinsam erstellen. Das finde ich sehr interessant.

Haben Sie das Bedürfnis gehabt, sich auf den jüdischen Aspekt vorzubereiten?

Ich fühle mich nicht anders als die Künstler. Ich liebe das. Ich frage Menschen nicht zuerst nach ihrer Religion. Ich habe einen katholischen Hintergrund, aber ich rede ja nicht die ganze Zeit über Jesus. Was du tust und wie du dich mit Menschen verbindest, ist wichtiger. Außerdem habe ich in New York gearbeitet, wo die Kunstszene sehr jüdisch ist. Ich habe mich dort nicht als Außenseiterin gefühlt. Und so sollte es auch sein. Deshalb habe ich Diversität als Thema für die Ausstellung ausgesucht. Wir sollten mehr in diese Richtung gehen, nicht nur in der Kunst.

Wie kann das gelingen?

Vor über zehn Jahren zog ich von Brasilien nach Japan, wo ich dann sechs Jahre lebte. Der Unterschied zwischen den beiden Ländern ist riesig. Dort musste ich mich anpassen, sonst hätte ich sehr gelitten. Das erste Jahr fühlte ich mich als Touristin, weil alles so neu war. Im zweiten Jahr war ich richtig müde von all den Adaptionen, die ich an mir selbst vornehmen musste, um Teil der Gesellschaft zu werden. Zum Beispiel berühren einander Menschen in Japan kaum. In Brasilien umarmt man sich die ganze Zeit, Japaner geben einander kaum die Hand. Und im dritten Jahr wurde ich zur Japanerin. Mein damaliger Chef sagte zu mir, es ist so seltsam, du bist eine weiße Person, verhältst dich aber wie eine Japanerin. Dann zog ich nach Europa, erst nach Lissabon und schließlich nach Wien. Seit ich in Wien lebe, habe ich hauptsächlich österreichische Freunde – obwohl mein Deutsch nicht so gut ist, wie ich es gerne hätte. So lebt man hier eben. Man muss offen sein.

Welche Rolle spielt bei Ihrer Einstellung, dass Sie in Brasilien aufgewachsen sind?

Vielleicht wäre ich anders, wenn ich nicht im multikulturellen Brasilien aufgewachsen wäre, sondern zum Beispiel in Japan. Wir sind so gemischt, Europäer, Nicht-Europäer, Muslime, Juden, Japaner und viele mehr. Wenn ich auf etwas von meiner Nationalität stolz bin, ist es das. Oft höre ich, dass ich nicht brasilianisch aussehe. Aber wie sieht eine Brasilianerin aus? Eine Sambatänzerin? Ein Fußballspieler? Das sind Stereotypen. Jeder Mensch könnte Brasilianer sein.

Finden Sie es manchmal schwierig, die Balance zwischen Anpassung und Bewahrung der Einzigartigkeit zu halten?

Nein. Ich höre nie auf, ich selbst zu sein. Zum Beispiel liebe ich Akzente. So viele Menschen wollen Englisch akzentfrei sprechen. Ich bin dagegen, denn wir haben Englisch als Sprache, um mit Menschen aus verschiedenen Ländern zu sprechen. Wir machen es zu einer internationalen Sprache und benutzen Redewendungen aus unseren Muttersprachen. Wir denken also alle unterschiedlich, aber wir sprechen in Englisch. Der Akzent ist deshalb oft das Einzige, das mir zeigt, dass du anders bist und wo du herkommst. Es ist ein guter Anfang für Gespräche. Wenn Franzosen das „H“ nicht aussprechen können, finde ich das super. Man strengt sich ein wenig an und trifft sich in der Mitte.


Aline Lara Rezende wurde in Brasilien geboren und studierte u. a. an der University of Tsukuba in Japan. Sie arbeitete u. a. für das Museum of Modern Art (MoMA) in New York, das Vitra Design Museum, das National Art Center sowie das Museum of Contemporary Art, beide in Tokio. Als Journalistin schreibt sie für Magazine, Zeitungen und Rundfunkmedien über Design und Kultur.

Bild: © Anna Goldenberg

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