Vom goldenen Wienerherz

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Susanne Scholl erzählt in ihrem neuen Roman Emma schweigt über Klischees, die der Wirklichkeit sehr nahe kommen. Von Anita Pollak

Sie hat sich ganz wohlig eingerichtet in ihrem Pensionisten-Dasein. Zwar ist ihr der Ehemann abhanden gekommen, als er sich neuen „Herausforderungen“ in Frauenform gestellt hat, dafür ist er aber jetzt im Pflegeheim, wo sie ihn wieder besuchen kann. Für Sohn Hansi, der wunschgemäß Arzt geworden ist, darf sie gelegentlich ihren Schweinsbraten machen, wenn er nicht gerade mit seiner Neuen, einer Türkin, vorbei- kommt. Die isst so was genauso wenig wie Sarema, eine tschetschenische Asylantin, die ihr irgendwie zugelaufen ist, als Emma sich den Fuß gebrochen hat, blöderweise gerade vor der „Nicht-Hochzeit“ Hansis mit Emine. Dass die ihr einen „Türkenbankert“ als Enkel bringen wird, nachdem sich schon die Ex-Schwiegertochter mit Enkelin Luzie nach Italien vertschüsst hat, ist natürlich ein schwerer Schlag für die ganz durchschnittlich fremdenfeindliche Wienerin. Grund zum Raunzen findet Emma daher immer und nur manchmal geht’s ihr richtig gut mit ihrer Katze, mit Sarema und mit Schamil, deren Sohn, dem sie bei den Hausaufgaben hilft, weil er noch nicht so richtig Deutsch kann. Abends gehen die beiden dann wieder zurück ins Asylantenheim, und woher sie wirklich kommen und warum, das will Emma gar nicht so genau wissen.

Aus einer Welt von Opfern und Tätern, von Mächtigen und Machtlosen.

Asylantenschicksal
Susanne Scholl: Emma schweigt. Residenz Verlag; 180 S., € 19,90
Susanne Scholl: Emma schweigt.
Residenz Verlag;
180 S., € 19,90

Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten, führt Susanne Scholl irgendwo im kleinbürgerlichen Wien schicksalhaft zusammen. Das heißt, ein wirkliches Schicksal ist es nur für Sarema, die schwerst traumatisiert aus Grosny geflohen ist, wo ihr Mann ermordet wurde, ein Sohn starb und eine noch namenlose Tochter und sie auf der Suche nach ihrer Schwester von einem allmächtigen Handlanger des „grausamen Präsidenten“ vergewaltigt wurde.

Wie ein Paradies erscheint ihr Wien, und warum Emma das nicht so sieht, bleibt ihr unergründlich. Hansis ehemaliges Kinderzimmer wäre für sie und ihren Sohn eine Zuflucht, doch soweit lässt es Emma nicht kommen.

Tschetschenien kennt die ehemalige ORF-Korrespondentin in Moskau Susanne Scholl aus eigener langjähriger Erfahrung, sie hat dort Freunde, und Menschen wie Emma scheinen ihr vertraut zu sein, ja, man meint zuweilen fast, solche Frauen selbst zu kennen. Scholl fühlt sich ein in deren doch recht kleinkarierte Gedankenwelt, in ihre Vorurteile und Klischees. Dass Emma dabei selbst zum Klischee wird, entschuldigt die Tatsache, dass manche Klischees eben der Wirklichkeit sehr nahe kommen. Von Saremas Lebenswelt, eine Welt von Opfern und Tätern, von Mächtigen und Machtlosen, von armen Frauen und meist brutalen Männern, erfährt man im österreichischen Alltag, und das macht Scholl deutlich, nur sehr wenig. Illusionen vermittelt sie keine, aus einer Emma wird wohl nie ein Ute Bock, aber etwas mehr Empathie, etwas weniger Schweigen, das würde manchmal schon reichen.

© picturedesk.com/Christian Hofer   

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