Für ein besseres Leben

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Grenzziehung. Es gibt eine rege Nachtclubszene in Ramallah. Im Gegensatz zu früher sieht man hier nur noch selten Israelis. Und die Palästinenser, die man hier antrifft, wurden als Kinder von der zweiten Intifada geprägt. © Jordi Ruiz Cirera/picturedesk.com

Es gab Zeiten, da sind Israelis abends gerne nach Ramallah in die neuen Bars und Jazzclubs gefahren. Das war kurz nach Oslo, als große Aufbruchsstimmung herrschte. Das ist, wie man weiß, nun schon eine ganze Weile her. Die junge Generation – auf beiden Seiten – kann sich das kaum vorstellen. Die Realitäten haben sich verändert. Wer heute nach Ramallah kommt, trifft auf Palästinenser, deren Kindheit von der Zweiten Intifada geprägt ist und für die Kontakte mit Israelis verpönt sind.

Sie bilden längst die Mehrheit in diesem Gemeinwesen, das einem Embryostaat gleicht, stecken geblieben in der Entwicklung. Siebzig Prozent sind unter dreißig. Sie haben noch nie politisch mitbestimmen dürfen. Die letzte Präsidentschaftswahl fand 2005 statt. Seither ist Mahmud Abbas an der Macht. Ließe er Wahlen zu, würde er sie wohl verlieren. Einer Umfrage nach wünschen sich 52 Prozent der Palästinenser im Westjordanland (in Gaza sind es sogar 78 Prozent) seinen Rücktritt. Die Hälfte sieht in der Autonomiebehörde eine Bürde für das Volk, drei Viertel halten die Bedingungen sogar für schlechter als vor Oslo. Als korrupt und immer autoritärer wird das Regime kritisiert.

In Ramallah hat sich die junge gebildete Schicht
auf ihre eigene Art in den Verhältnissen eingerichtet.
Sie ist global vernetzt und isoliert.

Von Trump geht gewiss keine Hoffnung aus. Im Gegenteil: Die Mehrheit ist gegen eine Wiederaufnahme der seit dem Umzug der Botschaft nach Jerusalem aufgekündigten Kontakte zu Washington. Viele wollen sich nicht einmal anschauen, was der amerikanische Präsident als Vorschlag auf den Tisch legen könnte. Was also dann?

In Ramallah hat sich die junge gebildete Schicht auf ihre eigene Art in den Verhältnissen eingerichtet. Sie ist global vernetzt und isoliert. Die jungen Menschen träumen davon, einfach ans Mittelmeer fahren zu können, das nicht weit weg ist, ohne dafür Genehmigungen beantragen und Checkpoints passieren zu müssen oder den Tel Aviver Flughafen für das Reisen zu nutzen. Manchmal begegnen sie Israelis virtuell im Cyberspace und stellen dann überrascht fest, dass es auch dort tiefsitzende Ängste und Vorbehalte gibt. Aber davon redet man lieber nicht laut.

In ihrem Berufsalltag ist die junge aufstrebende Elite häufig in einem jener brandneuen Gebäude anzutreffen, deren Namen noch kein GPS-System kennt. Die 22-jährige Lama arbeitet an so einem Ort: in einem der ersten Coworkingbüros in Palästina. Sie zapft die Diaspora an, um soziale Projekte zu finanzieren, die „einen Unterschied machen“. Keine großen Summen, sagt sie, auch mit wenig Geld ließe sich manchmal schon viel erreichen. 130.000 Dollar kosteten die bisher 23 Projekte. Das Grenzgebiet wurde so mit Erste-Hilfe-Kästen versorgt, weil dort nach Zusammenstößen mit der israelischen Armee die Ambulanz oft erst zu spät kommt. Gerade kümmert sie sich um die Ausstattung eines Therapieraums für autistische Kinder in Ramallah. Sie nennt es, „etwas für Palästina tun“, auf innovativere Weise als die vorherigen Generationen.

»Lasst uns die Lebensqualität hier verbessern,
die Leute sollen Spaß haben dürfen,
ich hasse Politik, ich glaube daran, dass wir
unsere Fähigkeiten ausbauen müssen.«

Das sieht Nader, 30, ähnlich. Der Boxtrainer ist in Bagdad aufgewachsen, sein Vater hatte dort ein „Freiheitskämpferlager“ der PLO geleitet, bis er in den 1990er-Jahren mit seiner Familie in das Westjordanland zurückkehrte. Der Sohn blickt mit anderen Augen auf die Verhältnisse. Als er vor zwei Jahren in Ramallah seinen eigenen Club „Elbarrio“ gründete, vermied er bewusst einen arabischen Namen, weil ihm keiner einfiel, der nicht Assoziationen mit irgendeiner der palästinensischen Parteien hervorgerufen hätte. Diese alten Kategorien, Fatah, Hamas und was es sonst noch alles in ihrem Umkreis gibt, würden die junge Generation nicht voranbringen, nur die Risse in der Gesellschaft weiter vertiefen. Nader setzt auf den Sport. Der erlaube es einem, stolz zu sein auf die eigene Leistung, und zugleich könne man Palästina draußen in der Welt repräsentieren. Für das Land zu leben, sei besser, als dafür zu sterben. Die Frage nach dem „richtigen Beitrag“ zu Palästina wird kontrovers diskutiert. Während die Alten beklagen, dass die heutige Generation mehr damit beschäftigt sei, sich um das eigene Wohlergehen zu kümmern und in Cafés Shisha zu rauchen, statt sich solidarisch der nationalen Sache zu widmen, haben viele der Jungen diese Sache für sich umdefiniert. In gewisser Weise sind sie unpolitisch und radikaler.

Das Wort Israel nimmt diese heutige Generation nur selten in den Mund. Man redet neuerdings lieber von den „1948er-Gebieten“. Sie haben auch die Forderung des Rechts auf Rückkehr der Flüchtlinge für sich neu entdeckt. Dass dies ein absoluter Dealbreaker für jedes Abkommen mit Israel ist, stört dabei nicht.

Besonders unter den Jungen sei die Zweistaatenlösung alles andere als populär, sagt Jamil, 30. Die Leute sind wütend, erklärt er, sie haben so viele Tote begraben, da kann man doch jetzt nicht einfach Kompromisse machen, als wäre nichts gewesen. Seine Familie stammt aus Nablus, sie steht der Hamas nahe. Sein Vater ist im Gefängnis von Fatah-Leuten gefoltert worden, deshalb hat auch Jamil eine Vision von Politik ohne Parteien. Beruflich organisiert er Veranstaltungen, entwirft Freizeitkonzepte. Er will ein besseres Leben. Er würde sich wünschen, die noch jüngere Generation auf einen neuen Pfad zu bringen, der weniger emotional ist, sodass sie ihre Energien für und nicht nur gegen etwas nutzen. Aber so etwas sei nicht so leicht zu schaffen. Dazu müssten auch die Schulen und Moscheen mitmachen.

Als nächsten Präsidenten würde er sich jemanden wünschen, der weder der Fatah noch der Hamas angehört. Am besten ein Geschäftsmann. „Lasst uns die Lebensqualität hier verbessern, die Leute sollen Spaß haben dürfen, ich hasse Politik, ich glaube daran, dass wir unsere Fähigkeiten ausbauen müssen.“ Für Spaß steht der greise Abbas nicht unbedingt. Zu sehr symbolisiert er die Garde der alten Kämpfer, die immer noch an die Zugkraft der Parolen „Kampf“ und „Einigkeit“ in der Auseinandersetzung mit Israel glaubt. Doch davon ist man weiter entfernt denn je. Er selbst sitzt zwischen allen Stühlen. Zum einen macht ihm die Hamas die Führungsrolle streitig, weshalb Abbas oft auf radikale Rhetorik zurückgreift, um nicht als zu soft gegenüber Israel dazustehen; zum anderen sitzen ihm die sunnitischen Staaten, allen voran Saudi Arabien, im Nacken, die sich eine kompromissbereitere Haltung von ihm wünschen, damit der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern endlich Geschichte wird. Aus dieser Zwickmühle wird er sich nicht so schnell befreien können. 

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