Überlebt

In ihrem Buch Unfassbare Wunder dokumentiert die Journalistin Alexandra Föderl-Schmid, die derzeit als Israel-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung tätig ist, das Leben nach der Schoah, das Überleben. Sie porträtiert Menschen, die dem Grauen ins Gesicht sahen. Und fängt dabei auch deren Blick auf die Gegenwart ein.

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Alexandra Föderl-Schmid/ Konrad Rufus Müller: Unfassbare Wunder. Gespräche mit Holocaust-Überlebenden in Österreich, Deutschland und Israel. Böhlau 2019, 184 S., € 36

Ein letztes Mal. In Unfassbare Wunder spricht Alexandra Föderl-Schmid mit Holocaust-Überlebenden, und es ist so, als legte sie hier finale Porträts vor, aber auch finale Ein- und Aussichten. Konrad Rufus Müller bildete die betagten Zeitzeugen und Zeitzeuginnen in schwarz-weiß ab, so wirken sie wie in einer Zwischenwelt, Menschen zwischen dem Damals und dem Heute, aber auch zwischen dem Heute und der Vergänglichkeit.
25 Lebensgeschichten werden in dem gewichtigen Band dokumentiert, nicht alle der hier Gewürdigten sind inzwischen noch am Leben. Verstorben ist etwa Rudi Gelbard, der große Kämpfer gegen den Faschismus, der letzten Herbst in Wien seinem Krebsleiden erlag. Verstorben ist vor einigen Monaten auch Otto Stark, der dank eines Kindertransports von Wien nach Großbritannien überlebte und schließlich den Großteil seines Lebens in Berlin verbrachte, wo er viele Jahre das Kabarett Die Distel leitete.

25 Lebensgeschichten. In Unfassbare Wunder kommen Zeitzeugen zu Wort, die heute in Deutschland, Österreich oder Israel leben beziehungsweise bis vor Kurzem lebten. Darunter sind hier zu Lande so Prominente wie Arik Brauer und Marco Feingold. Darunter finden sich aber auch Menschen wie Mosche Frumin, der 1939 in Polen zur Welt kam, mit seiner Familie nach Usbekistan floh und heute als Künstler in Kiriat Bialik lebt. „Ich habe zwei Töchter und einen Sohn, sechs Enkelkinder. Das ist meine Botschaft an Hitler. Ich bin hier mit meiner Familie, ihn gibt es nicht mehr.“
Es sind vielfach bittere Erinnerungen, die hier nachzulesen sind. Aber alle haben sie den Ausblick hin zum Leben. Etwa auch dann, wenn Amnon Berthold Klein, 1928 in Wien geboren, der mit seiner Mutter nach Palästina flüchtete, aber schließlich auf Mauritius landete, schildert: „Meine Mutter hat man gezwungen, die Straße zu reiben. Als sie dann nach Hause gekommen ist, war sie so deprimiert, dass sie das Gas aufdrehen wollte. Aber ich habe angefangen zu weinen, deshalb hat sie es nicht gemacht.“
„Die noch Lebenden sind Zeitzeugen, ihre Lebensgeschichten sind einzigartig“, ist im Verlagsprospekt zu Unfassbare Wunder zu lesen. Es ist eine Einzigartigkeit, auf die alle hier Porträtierten wohl gerne verzichtet hätten. Es ist einmal mehr die Opferperspektive, die hier ausgebreitet wird. Allerdings haben alle Opfer ihr Opferdasein überwunden und ein erfülltes Leben gelebt und tun dies großteils bis heute. Die Porträts zeigen, dass das Erlebte sie alle geprägt hat – etwa, wenn Arik Brauer verrät, „ohne Hitler wäre ich überhaupt kein Jude. Ich war keinen Tag religiös.“ Oder wenn die Ärztin Helga Feldner-Busztin ein wachsames Auge auf die aktuelle Politik hat und konstatiert: „Diesmal geht es nicht gegen die Juden, sondern gegen die Zuwanderer.“

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