Vom diskreten Charme der Dekadenz

Der „Kultur.Sommer.Semmering“ setzt erfolgreich auf bezaubernde Schauplätze, Nostalgie und Vielfalt.

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Das Südbahnhotel konnte als zweite höchst attraktive Spielstätte gewonnen werden. © Schrotthofer Fotomuerz

Der Genius Loci spielt ohne Zweifel die Hauptrolle beim jungen Kulturfestival am traditionsreichen Zauberberg der Wiener. Wo einst die jüdische Bourgeoisie wochenlang Luft schnappte, wo jüdische Literaten Inspirationen suchten und fanden, soll jetzt ein bisserl was vom kreativen Geist des Fin de Siècle sommerlich wiederbelebt werden.

Beseelt vom Prinzip Hoffnung hat das Künstlerpaar Florian Krumpöck und Nina Sengstschmid vor nunmehr vier Jahren die Herausforderung an- und das noch nicht wirklich etablierte Festival mit viel Elan, Engagement und „positiv thinking“ übernommen.

Dass das Hotel Panhans im Vorjahr, wo bereits ein Zyklus stattfinden sollte, überraschend seine Pforten schloss, erwies sich letztlich als Glücksfall. Denn das seit Jahren im viel zitierten Dornröschenschlaf schlummernde Südbahnhotel konnte als zweite höchst attraktive Spielstätte gewonnen werden. Nun setzt man dort ganz auf den Charme der gepflegten Dekadenz.

Der Semmering lebt von der wach gehaltenen Erinnerung an seine glanzvolle Vergangenheit.

„Das Südbahn übt auf Künstler und Gäste eine unerhörte Faszination aus, und das Publikum ist ganz beglückt, dass es nun wieder betreten werden darf“, schwärmt Nina Sengstschmid, die umtriebige Geschäftsführerin des Festivals, von der „Magie der Räume“. Ihr Partner, Intendant Florian Krumpöck, setzt als Pianist seine im Vorjahr gestartete „Pilgerfahrt zu Beethoven“ mit weiteren Klaviersonaten, jeweils begleitet von einer Künstlerpersönlichkeit, im Südbahnhotel fort. Autoren wie Arthur Schnitzler, Stefan Zweig und Peter Altenberg, die selbst häufig zu Gast waren, wird mit prominenten Interpreten wie Herbert Föttinger, Sandra Cervik, Karl Merkatz und Karl Markovics im Zyklus Literarische Sommerfrische nostalgisch gedacht, wie überhaupt der Nostalgiefaktor nicht zu übersehen ist.

Belle Èpoque. Das ist auch gut so, denn der Semmering lebt, wo er noch lebt, von der wach gehaltenen Erinnerung an seine glanzvolle Vergangenheit, und das meist nicht mehr ganz junge Publikum schätzt neben der dramatischen Gebirgskulisse genau dieses Feeling.

Mit allen Sinnen darin eintauchen kann man in einem „Menu à la Belle Époque“, ein kulinarisches Highlight im immer noch eleganten Originalspeisesaal des Hotels, wo der Hauben gekrönte Semmeringer „Seewirt“ nach den Vorstellungen ein musikalisch begleitetes historisches Festmahl auftischt.

Für den zweiten Schauplatz eigens kreiert ist die Theateruraufführung Sonntags 1918. Autorin Michaela Ronzoni schöpft mit der im Kurhaus spielenden Tragikomödie aus ihrer eigenen teilweise jüdischen Familiengeschichte. Besonders reizvoll wird bei diesem zeitreisenden Stationentheater für das Publikum der Gang durch das Jugendstiljuwel sein.

„Das Ambiente des Kurhauses ist bereits das Bühnenbild“, verrät Sengstschmid. Bei so viel atmosphärischem Lokalkolorit, allein der Blick von der Terrasse im Sonnenuntergang ist ein Schauspiel, muss das kleine, feine Festival die Konkurrenz im Raxgebiet nicht fürchten. „Es ist doch wunderschön, dass diese Gegend so traumhafte Orte liefert, die bereits vor 100 Jahren von den Künstlern gestürmt wurden, denen wir jetzt nachspüren.“

„Im Zeichen der Vielfalt“ werden aber auch Klassik, Jazz, Chanson und Klezmermusik im historischen Gemäuer widerhallen. Auch Claus Peymann, der schon im Vorjahr begeisterte, kommt gern wieder. „Der Vorverkauf läuft bestens, manche Termine sind schon ausverkauft“, freut sich die Geschäftsführerin. 

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