Animieren und Bewegen

Im neuen Le Studio – ehemals Studio Molière – gestalten zwei Franzosen ein anspruchsvolles, aufregendes Programm.

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Führungsduo. Lise Lendais war zuvor Kostümbildnerin, Pierre-Emmanuel Finzi Filmkritiker und Filmverleiher. © Reinhard Engel

Der Saal ist komplett abgedunkelt. Plötzlich konturieren Scheinwerfer drei Köpfe im finsteren Irgendwo. Ein Mann und zwei Frauen blicken uns aus Schiffsbullaugen an? Nein, weit gefehlt: Sie starren aus ihren Urnen und streiten immer noch, während sie uns Details aus ihrer unseligen und verzwickten Ménage-à-trois erzählen. Absurdes Theater vom Feinsten aus der Feder von Samuel Beckett bietet das neue Wiener Le Studio – eher bekannt als Studio Molière – zum Auftakt seiner neuen Bestimmung.
Denn nach dem Spiel von Beckett und der musikalisch-choreografischen Installation Wry Smile Dry Sob der italienischen Regisseurin Silvia Costa wird sich – nach einer einstündigen Erholungspause – die Bühne schnurstracks in eine Kinoleinwand verwandelt haben. Genau diese Kombination aus Theater und Film liegt dem neuen Konzept des Le Studio zugrunde. „Das, was in der Geschichte dieses Hauses zumeist getrennt oder in der Abfolge nacheinander geschah, wird jetzt zusammengeführt“, erzählt Pierre-Emmanuel Finzi, der gemeinsam mit Lise Lendais die Ausschreibung für die Neuausrichtung gewonnen hat. Das Studio Molière, das zum Lycée Français de Vienne gehört und von den Schülerinnen und Schülern viele Jahre als Theater genutzt wurde, ist aufwendig renoviert worden und wird jetzt vom Verein Le Studio für Bühne und Film gleichwertig bespielt.
Denn das Haus hat auch eine Vergangenheit als Kino: Die ehemalige Fürstlich-Dietrichstein’sche Reitschule in der Liechtensteinstraße 37 diente von 1842 bis 1900 dem österreichischen Bildhauer Theodor Friedl als Atelier. Danach war das Fliegerkino fast 60 Jahre hier beheimatet. Erst 1971 wurde daraus das dem benachbarten Lycée angegliederte Studio Molière. „Wir haben versucht herauszufinden, ob das Kino arisiert wurde, aber bis jetzt ist uns das leider nicht gelungen“, berichtet der Franzose mit dem von Sofia bis Sarajevo bekannten sefardischen Namen Finzi. Laut dem neuen Standardwerk von Klaus Christian Vögl* wird es in der Liste der „arisierten“ Kinos als zu 80 Prozent arisiert ausgewiesen, aber ohne nähere Angaben, wer der Besitzer oder Konzessionär war.
So neu wie das Konzept für das Le Studio ist auch die Zusammenarbeit der beiden verantwortlichen Leiter: Die Bühnen- und Kostümbildnerin Lise Lendais, Jahrgang 1983, hat in Paris und Lyon studiert, dann in Brüssel gearbeitet; in den vergangenen zehn Jahren war sie hier in der freien Szene tätig. Vor elf Jahren brachte sie die Liebe nach Österreich: In Salzburg war die Französin engagiert, als sie dort den Vater ihres Sohnes kennenlernte. Mit Pierre-Emmanuel Finzi war sie in literarischer Freundschaft verbunden: „Wir haben auf einer Buchmesse gleichzeitig zu einem Tagebuch des französischen Comiczeichners Joann Sfar gegriffen. Danach haben wir nur Bücher getauscht.“

»Da wir internationale Produktionen zeigen werden, sprechen wir ein aufgeschlossenes,
neugieriges Publikum an.« 
Lise Lendais

Unterschiedliche Sprachen. Lendais, die für die monatlichen Theatergastspiele verantwortlich ist und auch das Eröffnungsstück vom Bregenzer Landestheater geholt hat, beschreibt das Zielpublikum für Le Studio: „Da wir internationale Produktionen zeigen werden, sprechen wir ein aufgeschlossenes, neugieriges Publikum an, das sowohl gerne ins Theater wie auch ins Kino geht.“ Man zielt aber nicht nur auf das frankophone Publikum ab. „Bei allen unterschiedlichen Aufführungssprachen wird es deutsche oder englische Übertitel geben.“
Der 1975 im nordfranzösischen Valenciennes geborene Finzi studierte in Wien und Berlin Geschichte, arbeitete in Kunstgalerien und als Filmkritiker, bevor er mit Gleichgesinnten die Filmzeitschrift Tausend Augen gründete – frei nach dem gleichnamigen Kriminalfilm von Dr. Mabuse. Auch er kam vor rund 12 Jahren der Liebe wegen nach Wien: „Meine österreichische Frau und ich bekamen Zwillinge, daher übersiedelten wir hierher.“ Er arbeitete u. a. im Stadtkino, bis er sich vor zweieinhalb Jahren mit seinem Verleih Filmgarten selbstständig machte. „Ich habe plötzlich meinen Traum gelebt: Tagelang Filme anzuschauen und die, in die ich mich verliebe, dem Publikum anzubieten.“
Als Kurator des Filmprogramms kann Finzi jetzt im 242 Plätze fassenden Le Studio weiter seiner Leidenschaft frönen, denn „das Kino stirbt nicht, schon gar nicht in Zeiten der Streaming-Anbieter“, befindet Finzi. „Die Menschen wollen animiert, leidenschaftlich bewegt werden, das ist ein gesellschaftliches Elementarbedürfnis.“ Das Le Studio wird als Verein von der Stadt Wien (MA 7), vom BKA (Film) und vom Bezirk Alsergrund gefördert und muss dem Lycée nur eine symbolische Miete zahlen. Daher besteht für die Doppelleitung kein finanzieller Druck: Finzi und Lendais können sich ihrem anspruchsvollen Programm­angebot voll und ganz widmen.

* Klaus Christian Vögl: Angeschlossen und gleichgeschaltet: Kino in Österreich 1938–1945. Wien et al.: Böhlau 2018.


Theater-tipp:
ANKUNFT.HEUTE.HEDY LAMARR 
Zum 105. Geburtstag einer außergewöhnlichen Diva.
Hedwig Eva Maria Kiesler, hübsche Tochter aus jüdischer Bankiersfamilie in Wien bricht aus wohlbehüteten Verhältnissen aus, um zum Film zu gehen, entfacht dann den wohlgrößten Filmskandal ihrer Zeit mit ihrem Erotikfilm Ekstase, heiratet und flüchtet dann vor den Nazis in die USA. Dort erobert sie als Hedy Lamarr Hollywood und wird zur schönsten Frau der Welt gekürt. Ihre Erfindungen, die sie im Zweiten Weltkrieg im Dienste der US Navy zu entwickeln begann, werden als frühe Vorläufer der Bluetooth- und WLAN-Technologie angesehen.
13.11.–5.12.2019
Palais Schönburg, Rainergasse 11, 1040 Wien
bertazuckerkandl.at | kunstspielerei.com

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