„Das Theater verschwindet, die Oper wird überleben“

Mit der Krimikomödie Ladykillers an den Kammerspielen beweist der italienische Regisseur Cesare Lievi erneut seinen Humor und seine Poesie.

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Cesare Lievi Der 1952 in Gargnano am Gardasee geborene Regisseur, Autor und mehrfach ausgezeichnete Übersetzer deutscher Dramatiker ins Italienische promovierte in Philosophie mit einer Arbeit über Trotzki und den Surrealismus. Lievis Inszenierungen von Goethe, Hölderlin, Hofmannsthal, Strindberg, Ionesco, Pirandello, Beckett und Botho Strauß waren in Heidelberg, Hamburg, Berlin und Basel zu sehen. Am Wiener Burgtheater war er acht Mal als Regisseur tätig. Thomas Bernhard inszenierte er zuletzt am Theater in der Josefstadt. An der New Yorker Met und in Zürich erarbeitete er u. a. Opern von Rossini und Offenbach. © Reinhard Engel

Wina: Sie sind unter den viel beschäftigten europäischen Regisseuren eine Ausnahme, denn Sie arbeiten in sehr unterschiedlichen Genres: Derzeit ist Ihre Inszenierung der britischen Krimikomödie Ladykillers an den Wiener Kammerspielen zu sehen. Darauf folgt eine Don Carlos-Operninszenierung in Tiflis, Georgien. Und vor Kurzem konnte man Ihre wunderbare Inszenierung des Thomas-Bernhard-Stücks Am Ziel mit Andrea Jonasson am Theater in der Josefstadt genießen. Wonach entscheiden Sie bei einer Regiearbeit, ob es Oper, Komödie oder ein Krimi wird?
Cesare Lievi: Ich habe zwar beim Schauspiel angefangen, aber dazwischen immer auch Oper gemacht. In Italien ist das gar nicht anders vorstellbar. Aber heute entscheide ich oft spontan nach meinem momentanen Interesse. Da ich 14 Jahre als künstlerischer Direktor des Teatro Stabile di Brescia viele deutsche und französische Klassiker realisiert und auch eigene Stücke aufgeführt habe, kam jetzt der Vorschlag aus der Josefstadt, erstmals eine Komödie zu machen. Vielleicht ist mit 66 Jahren die Zeit gekommen, um endlich zu lachen.

Sie haben dem Theater in der Josefstadt schon einige erfolgreiche Inszenierungen beschert. Macht Ihnen die Komödie jetzt Spaß?
❙ Die Arbeit an einer Komödie ist ganz anders: Die Figuren brauchen starke Konturen, das Tempo ist schneller, der Text muss pointiert kommen. Da muss es sehr präzise sein, aber man darf am Ergebnis die Arbeit dahinter nicht merken.

Sie wurden im idyllischen Gargnano am südwestlichen Ufer des Gardasees geboren. In was für einem Elternhaus sind Sie aufgewachsen, dass es Sie überhaupt zum Theater zog?
❙ Heute gibt es da kein Theater, früher gastierten noch Tourneetheater bei uns. Meine Eltern haben nichts beigetragen, aber zwei Tanten, die bei uns lebten. Eine war die Cousine meines Vaters, und die hat uns die Liebe zur Musik vermittelt. Wir haben in ihrem Zimmer gespielt, und sie hat uns Opernlibretti als Geschichten erzählt. Mein Bruder Daniele und ich haben dann mit viel Phantasie versucht, das szenisch darzustellen. Die andere Tante, mit schönen jüdischen Gesichtszügen, hatte einen Tabakladen: An Sonntagen hat sie uns mit großer Vorliebe alle Arien aus La Traviata vorgesungen. Am Ende hat sie dann immer geweint; wir saßen am Sofa und haben gewartet bis sie – endlich – weint.

 

 »Da gibt es zwei verrückte Italiener,
die Hofmannsthal in Heidelberg inszenieren.«

Thomas Bernhards Empfehlung, Cesare
und 
Daniele Lievi für die Burg zu engagieren.

 

Zu welchem Zeitpunkt wurde aus Levi dann Lievi?
❙ Wahrscheinlich vor drei Generationen. Denn die Großeltern meines Vaters sind die ersten Lievis im Pfarrbuch von Gargnano – und davor gibt es keinen Hinweis auf irgendwelche Vorfahren mit diesem Namen. Ich habe in Rom und Mailand in den Telefonbüchern immer nach Lievi gesucht, aber nichts gefunden. Soviel ich weiß, gab es früher in Salò, das liegt nur 15 km von Gargnano entfernt, eine jüdische Gemeinde.

Ihre ersten Regieerfolge im deutschsprachigen Raum feierten Sie u. a. am Schauspiel Frankfurt, an der Schaubühne Berlin, dem Burgtheater Wien oder dem Thalia Theater Hamburg. Woher kommt die Affinität zur deutschen Sprache?
❙ In Gargnano, wo schon immer viele Deutsche Urlaub machten, hatte ich als Kind jeden Sommer viele Freunde. Daher wollte ich Deutsch lernen, und mein Vater hat mir einen Privatunterricht ermöglicht. Zweimal die Woche fuhr ich nach Riva zu meiner rothaarigen Lehrerin, die mir wunderschöne deutsche Gedichte beigebracht hat.

Das scheint sich gelohnt zu haben, denn Sie haben nicht nur in Philosophie zum Thema „Trotzki und der Surrealismus“ promoviert, sondern auch zahlreiche deutsche Klassiker ins Italienische übersetzt und dafür Preise eingeheimst.
❙ Mein früh verstorbener Bruder Daniele und ich durften uns auf Wunsch unseres Vaters erst nach einem abgeschlossenen Studium dem Theater widmen. So landete ich bei der Philosophie und mein Bruder bei der Architektur. Gemeinsam sind wir durch Europa gereist und haben viele Festivals und Theateraufführungen besucht, u. a. in Berlin und Paris. Nach der Universität war uns klar, dass für eine richtige Karriere nur Rom oder Mailand in Frage käme. Da wir dort aber keine Kontakte hatten, kehrten wir nach Gargnano zurück und gründeten hier das kleine Teatro dell’Acqua. Hier führten wir Stücke auf, die ich aus dem Deutschen übersetzt hatte: Georg Trakls Blaubart-Fragment sowie Hölderlins Tod des Empedokles. Wir erregten damit Aufmerksamkeit und bekamen Besuch von berühmten Theatermachern, u. a. von Luc Bondy, Tankred Dorst und Hans Magnus Enzensberger. Bald darauf wurden wir nach Deutschland eingeladen.

Cesare Lievi. „Wenn ich etwas von heute erzählen will, dann schreibe ich ein Stück darüber.“
Hier mit WINA-Autorin Marta Halpert. © Reinhard Engel

Sie konnten mit einem Stipendium ein Jahr das Theaterleben in Deutschland beobachten und absolvierten auch die Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt. Wie kam es zu Ihrem Engagement an das Wiener Burgtheater?
❙ Claus Peymann hat mich 1988 für die Regie von Strindbergs Gespenstersonate engagiert. Da spielten noch die großen Alten mit: Fred Liewehr und Gusti Wolf, aber auch ganz junge Kollegen, Josephine Platt und Christoph Waltz, inzwischen ein Hollywood-Star. Aber eigentlich bin ich über Thomas Bernhard an die Burg gekommen. Er hat mich und meinen Bruder Daniele mit den Worten empfohlen: „Da gibt es zwei verrückte Italiener, die Hofmannsthal in Heidelberg inszenieren.“

In der Ära Peymann lieferten Sie sieben Regiearbeiten ab.
❙ Ja, da waren einige Highlights dabei: Heinrich IV. von Luigi Pirandello mit Michael Heltau, Die Zeit und das Zimmer von Botho Strauß mit Kirsten Dene oder Samuel Becketts Warten auf Godot mit Robert Meyer. Zum Gedenken an meinen Bruder Daniele hat Peymann am Lusterboden Georg Trakls Blaubart aufgeführt: Daniele wurde postum für die Bühnenbilder mit der Kainz-Medaille ausgezeichnet.

Sie werden oft als „Theaterpoet“ und „Bühnenzauberer“ beschrieben. Sehen Sie sich als werktreuer Regisseur, oder können Sie der derzeit so gehypten Form des „Stücke-Überschreibens“ a là Simone Stone etwas abgewinnen?
❙ Wenn ich etwas von heute erzählen will, dann schreibe ich ein Stück darüber. So wie die beiden Theaterstücke Fotografie eines Raums und Fremde im Haus, die bei der Theaterbiennale zu Gast waren. Aber ich kann die Figur des „Don Carlos“ nicht in heutiger Kleidung inszenieren, das funktioniert nicht. Die Figur gerät dann zu klein – ich muss deren Persönlichkeit auf Distanz halten, dann sehe ich viel mehr.

Sie inszenieren regelmäßig Opern, zuletzt an der Metropolitan Opera in New York und dem Opernhaus in Zürich. Vor einigen Jahren haben Sie an der Mailänder Scala die Saison mit Wagners Parsifal unter Riccardo Muti eröffnet. Was wird länger überleben, das Theater oder die Oper?
❙ Das Theater wird verschwinden, denn die Gesellschaft und vor allem der junge Mensch spiegelt sich da nicht mehr. Für das Tempo im Theater haben sie bereits jetzt keine Geduld. Sie denken fast nur mehr in Bildern, nicht in Sprache. Ich habe mir jetzt für meine Regiearbeit an den Ladykillers alte Hitchcock-Filme angesehen, die waren großartig. Für viele junge Menschen ist das langweilig. Die Oper hingegen kommuniziert über die Musik, berührt die Seele und trägt dich mit Emotionen auf eine Reise.

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