Der Sammler

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© Andreas Pessenlehner

Ende März wird die Sammlung „Musik in der Synagoge“ von Robert Singer an die Universitätsbibliothek Augsburg übergeben. Und damit auch ein Stück Kulturgeschichte.  Von Alexia Weiss

Kantorenmusik ist Robert Singer seit Kindertagen vertraut. Nicht nur, dass sein Vater chassidischer Rabbiner war, der beim Satmarer Rebben gelernt hatte. In der Budapester Wohnung trafen sich jeden Sonntag die Kantorenfreunde des Vaters, um bei Kaffee und Kuchen gemeinsam zu musizieren. „Eigentlich waren das ja konspirative Treffen. Da waren Orthodoxe und Neologen –  und in Wirklichkeit waren sie dickste Freunde.“

An einem Sonntag fehlte einer, an einem anderen zwei der Freunde – und am Ende wanderte 1965 auch die Familie Singer aus, „ganz legal, mit einem Visum nach Israel, aber eigentlich wollten wir zur Verwandtschaft nach Kanada“. Am Ende wurde es zunächst Antwerpen, wo der Vater, der in Ungarn hauptberuflich Direktor einer Textilfabrik gewesen war, als Textilfachmann Arbeit fand. Eineinhalb Jahre später lud die Misrachi den Vater ein, als Rabbiner in Wien tätig zu sein. „Das war der Exodus der Singers“, sagt der Sohn heute mit einem Schmunzeln.

Phänomenales Melodiengedächtnis

Hier ging er ins Lycée Français, hier ging er aber auch täglich in die Synagoge und hörte weiter dem Vater beim Singen zu. „Mein Vater hatte ein phänomenales Melodiengedächtnis.“ Ende der Fünfzigerjahre fiel Robert Singer die erste Schallplatte mit einer Kantorenaufnahme in die Hände. Rückblickend war dies der Beginn seiner Sammlung. Damals begründete diese eine Scheibe das Interesse, andere Aufnahmen zu finden – und später auch selbst aufzunehmen. Am Schabbat, in der Synagoge. „Das war natürlich verboten, aber ich habe einfach mitgeschnitten.“ Später, als er den Kantoren davon erzählt habe, zeigten sie sich zunächst entrüstet, „aber dann hat jeder von ihnen gesagt: Lass hören.“ Und es war ihm keiner böse.

Klassischer Gesang

Nach der Matura zog es Singer selbst zum Kantorengesang. Doch in Europa gab es keine Kantorenschulen mehr. So wandte er sich dem klassischen Gesang zu, studierte bei Edvin (Professor am Konservatorium der Stadt Wien) und Hedda Szamosi. Und dann spielte der Zufall mit herein: denn Edvin und Hedda Szamosi waren die Enkel von David Hartmann, einem der berühmtesten orthodoxen Oberkantoren Budapests.

Seit den Hohen Feiertagen 1974 ist Singer nun regelmäßig als Kantor im Einsatz, in den verschiedensten Gemeinden von Cannes bis Brüssel und von Mainz bis Berlin. Hauptberuflich hat er sich allerdings für etwas anderes entschieden: Seit 30 Jahren ist er als Versicherungsmakler im Bereich Industrie tätig. „Ich habe sehr genau den Werdegang meines Vaters verfolgt. Und ich wollte kein Berufsjude sein“, sagt er nüchtern. „Berufsjude“, klingt das nicht ziemlich abwertend? „Nein, das sind jüdische Berufe, wie Rabbiner, Kantor, Tempeldiener, das ist ein sehr spezifisches und ein sehr schwieriges Umfeld.“ Mithineingespielt hat dabei allerdings auch, dass er sich, obwohl orthodox aufgewachsen, innerlich nie orthodox gefühlt hat – und heute auch nicht orthodox lebt. „Man kann nicht sein Leben lang schauspielern.“

Dennoch ist ihm seine jüdische Identität wichtig – und auch dass seine beiden Kinder, die heute beide studieren, seine Tochter in Wien Rechtswissenschaften, sein Sohn Mathematik und Philosophie in Oxford, ihre Wurzeln kennen und ihre Identität leben. Einen guten Grundstock hat dazu die Volksschulzeit in der Zwi Perez Chajes-Schule gelegt, ist Singer überzeugt. Seinen Sohn hat er übrigens persönlich auf dessen Bar Mitzwa vorbereitet.

Noch ein Zufall

Singers Jüdischkeit bahnt sich vor allem über die Kantorenmusik ihren Weg ins Freie, und über das Sammeln, dem er mittlerweile seit fünf Jahrzehnten frönt. Dass er hier einen wahren kulturhistorischen Schatz zusammengetragen hat, wurde ihm erst bewusst, als er bei einer Internetrecherche auf die Sammlung Marcel Lorand, die heute in der Bibliothek der Uni Augsburg liegt, stieß. Lorand war ein Freund seines Vaters gewesen und da wollte er sich dann doch genauer ansehen, was da so in Augsburg liegt.

Und staunte. Denn seine eigene Sammlung war wesentlich umfangreicher. Die Kontaktaufnahme mit der Hochschule zog wiederum das Interesse der Uni an Singers Sammlung mit sich. „Wieder ein Zufall“, resümiert er heute. Und gab es kein Interesse in Österreich? „Ich bin kein Bittsteller. Und ich habe bisher nirgendwo ein Interesse entdeckt.“

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Die Uni Augsburg wird nun seine Sammlung „Musik in der Synagoge“ digitalisieren – und hat dabei eine Menge Arbeit vor sich. Drei Arten von Materia­lien umfasst die Sammlung: an die 200 gedruckte Werke, vorrangig Noten, die den Nusach, also die Melodien, die im Gebet in der Synagoge eingesetzt werden, festhalten, dazu an die 1.000 Tonaufnahmen (Schallplatten, CDs und Kassetten) von Kantorengesang („darunter viele Weltunikate, nämlich all das, was ich selbst hier und dort in der Synagoge am Schabbat aufgenommen habe“) und schließlich über 2.000 Seiten handschriftlich notierter Melodien, darunter auch eigene Kompositionen. Er habe Melodien, die sein Vater, aber auch andere Kantoren aus dessen Generation,  gesungen haben, schriftlich festgehalten, betont Singer. Der Wert dieser Arbeit wurde ihm erst nach und nach bewusst.

Der Großteil der europäischen Kantoren ist in der Schoa umgekommen. Da die Melodien meist nur mündlich tradiert wurden, ging so auch wertvolles Kulturgut unwiederbringlich verloren. Heute lebt fast keiner jener mehr, die vor dem NS-Regime als Kantoren tätig waren. Um wenigstens ein bisschen dieser Tradition zu bewahren, möchte Singer nun jene vielen Melodien, die er handschriftlich notiert hat, auch gedruckt herausbringen. Und er weiß: Da hat auch er sehr viel Arbeit vor sich.

Zur Person
Robert Singer,  geb. 1955 in Budapest als Sohn eines orthodoxen Rabbiners und Textilexperten und einer Volksschullehrerin. 1965 wanderte die Familie über Antwerpen nach Wien aus. Matura am Lycée Français, Gesangs- und Musikstudium bei Edvin und Hedda Szamosi (Stimmlage: Tenor). Kantorale Tätigkeiten seit den Hohen Feiertagen 1974 in Vevey, Cannes, Saarbrücken, Brüssel, Mainz, Göteborg und Berlin. Hauptberuflich seit 30 Jahren als industrieller Versicherungsmakler tätig. Singer ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

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