Ein Wiener rettet New York

Im Dezember 2019 starb der bekannte Investmentbanker Felix Rohatyn. Er war an zahlreichen großen Firmenübernahmen beteiligt, Mitte der 1970er-Jahre organisierte er die Sanierung der insolventen Stadtverwaltung der US-Metropole.

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© Brendan Mcdermid / Reuters / picturedesk.com

Eine Zigarette habe ihm einst das Leben gerettet, erzählte Felix Rohatyn. Die Zigarette zündete sich ein Deutscher Wachsoldat an und winkte abgelenkt das Auto seiner Familie durch, die im Jahr 1940 vom besetzten Paris in Richtung Marseille unterwegs war, von wo sie in die neue Welt flüchten wollte. Im Rückspiegel habe er gesehen, dass schon das nächste Fahrzeug wieder kontrolliert wurde.
Feliks Jerzy Rohatyn wurde 1928 in Wien als Sohn bürgerlicher jüdischer polnischer Eltern geboren. Er sollte in den USA eine beispiellose Karriere als Investmentbanker machen, die ihn auch in die höchsten politischen Kreise führte. Sein Meisterstück war die Rettung der Stadtverwaltung von New York, die 1975 an der Kippe zur Zahlungsunfähigkeit stand. Später wurde er noch US-Botschafter in Paris.
Sein Urgroßvater sei Rabbiner in einem polnischen Städtel gewesen, erzählte Rohatyn. Der Name leitet sich jedenfalls von einem Ort in Westgalizien her, der damals zur Donaumonarchie gehörte und in dem es eine jüdische Einwohnermehrheit gab. Sein Vater Alexander managte von Wien aus mehrere Brauereien, an denen die Familie Anteile hielt, in Österreich, Rumänien und in Jugoslawien. Felix wurde in ein Internat in der Schweiz geschickt, damit er eine solide Ausbildung erhalte und Französisch lerne.
Doch die Rohatyns konnten auch die politischen Zeichen der Zeit lesen. Schon 1935 übersiedelten sie vor dem Hintergrund zunehmender nationalsozialistischer Macht nach Paris. Als die Deutschen Frankreich im Blitzkrieg besiegt hatten und zunächst Paris und den Norden und Westen besetzten, entschloss sich die Familie zur Flucht. Dabei handelte es sich um Mutter, Großmutter und den Stiefvater von Felix – sein Vater blieb zurück und überlebte den Krieg als U-Boot in Orleans.
Nach dem knapp gelungenen Übertritt in das noch nicht besetzte Vichy-Frankreich sollten die Rohatyns noch einmal Glück haben. Sie standen auf den Listen des brasilianischen Diplomaten Luís Martins de Souza Dantas, der – entgegen den Anweisungen seines eigenen Außenministeriums – 800 Visa für Juden ausstellte und diesen damit die Schiffsreise über Casablanca auf den amerikanischen Kontinent ermöglichte (siehe Der vergessene Judenretter in WINA 2/19). Nach einer Wartezeit in Brasilien zog die Familie schließlich in die USA.

»Ich glaube, der Marktkapitalismus ist das beste
je erfundene ökonomische System.
Aber er muss fair sein, er muss reguliert sein,
und er muss ethisch sein.«

Felix Rohatyn

Felix ging in Manhattan zur Schule und studierte dann Physik im Middlebury College in Vermont. Allerdings interessierte er sich deutlich mehr fürs Skifahren als für die akademischen Angebote, schrieb er später in seiner Autobiografie Dealings. Um etwas anderes von der Welt zu sehen und eventuell seinem Vater beruflich nachzufolgen, kehrte er nach dem Krieg nach Frankreich zurück, wo dieser wieder als Brauer Fuß gefasst hatte. Felix schuftete in einer Brauerei, wurde aber von den kommunistischen Arbeitern als Sohn des Bosses schikaniert. „Ich sah bald, dass weder Bier noch Frankreich meine Zukunft sein sollten. Also kehrte ich zurück nach Middlebury und beendete mein Studium.“
Nach seinem Abschluss wusste er nicht so recht, was er machen sollte, da bot sich ihm durch Zufall ein Sommerjob in einer kleinen Privatbank an, bei Lazard Frères. Daraus sollten Jahrzehnte einer außergewöhnlichen Karriere werden.
Ein weiterer Zufall setzte Rohatyn innerhalb des Bankgeschäfts auf die zukunftsträchtigsten Geleise. Ursprünglich hatte er im Devisenhandel begonnen, sich dort eingearbeitet und auch schon recht ordentlich verdient. Doch der Vater einer Freundin, der Whiskey-Mogul und Gründer von Seagram’s, Samuel Bronfman, gab ihm den Rat, ins Investment Banking zu wechseln, dort spiele künftig die Musik. Er möge kurzfristig mit weniger Gehalt zufrieden sein und sich parallel dazu in Abendkursen ordentlich für diese Aufgabe vorbereiten. Rohatyn folgte diesem Rat, sein Chef, André Meyer, stimmte diesem Wechsel zu.

Im Übernahmekarussell. Rohatyn sollte tatsächlich die richtige Wahl getroffen haben. In den späten 1950er-Jahren begann sich das Übernahmekarussell in der US-Wirtschaft bereits zu drehen, und er war mitten drin. So mischte er bereits bei einem der ersten großen Takeovers mit, als ITT, bis dahin vor allem ein Telekomausstatter außerhalb der USA, eine große regionale Versicherung übernahm – und damit in Richtung branchenübergreifendes Konglomerat marschierte. Rohatyn sollte dann lange Jahre im Board von ITT sitzen und zahlreiche weitere Akquisitionen mit betreuen.
Doch bald kam eine erste öffentliche Aufgabe auf ihn zu. In Vertretung der kleinen, feinen Privatbank Lazard hatte er einen Direktorenposten bei der New Yorker Börse erhalten. Und dort standen die Zeichen auf Sturm. 1970 hatte sich eine ganze Reihe kleinerer Investmentbanken übernommen, sie hielten zu viel Risiko in den Büchern und drohten unterzugehen, dabei zahlreiche Investoren mitzureißen. Rohatyn gehörte zum engen Kreis an der New York Stock Exchange, der mit der Einrichtung eines Notfonds und dem Anstoß zur Übernahme wackeliger Marktteilnehmer dafür sorgte, dass keine größere Krise à la Lehman daraus wurde. Nach dieser Sanierung widmete er sich wieder seinen eigentlichen Geschäften, er war inzwischen Partner geworden und hatte es auch zu einem gewissen Wohlstand gebracht.
Doch die Herkulesaufgabe sollte noch kommen. 1975 stand die heimliche Welthauptstadt New York City vor dem finanziellen Kollaps. Dazu hatten mehrere Entwicklungen beigetragen. Einige Jahre schwacher Wirtschaftsentwicklung im Gefolge der Ölkrise ließen Unternehmen wie wohlhabende Privatleute abwandern, die Steuerbasis verkleinerte sich. Dem gegenüber weitete die städtische Bürokratie ihre Angebote aus, genau wusste niemand, wie viele Menschen für das Rathaus arbeiteten, aber es waren mehr als 300.000. Und schließlich wurde diese Service-Expansion alles andere als solide finanziert. Weil die Stadt keine langfristigen Anleihen mehr verkaufen konnte, holte sie sich immer wieder teure kurzfristige Gelder, konnte sie aber nicht zurückzahlen und brauchte weitere Kredite. Auf einmal sagten die Banken nein. Die Zahlungsunfähigkeit der Stadt stand unmittelbar bevor, und auch der Staat New York war bedroht.
Dessen Gouverneur, Hugh Carey, ersuchte Rohatyn, einen Notfallplan zu erarbeiten, um die Insolvenz kurzfristig abzuwenden, die unabsehbare Folgen haben könnte: Massenarbeitslosigkeit, im schlimmsten Fall eine nationale und internationale Wirtschaftskrise. Mittelfristig sollten die gesamten Finanzen der Stadt auf solide Beine gestellt werden.
Es wurde über Monate ein Tanz auf dem Vulkan. Die Grundidee war, eine Auffanggesellschaft des Staates New York zu gründen, die ihrerseits Anleihen ausgeben konnte, die der Markt und unterschiedliche Institutionen kaufen würden. Die Bundesregierung unter Präsident Gerald Ford verweigerte jede Hilfe, sowohl in der Form direkte Finanzierung wie auch als Garantien. Ford, ein Republikaner, nutzte die missliche Lage der Großstadt für politisches Kleingeld: Da sehe man, dass die linken Demokraten nicht wirtschaften könnten.
Dennoch war Rohatyn erfolgreich, nicht zuletzt, weil er die mächtigen Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes von seiner Seriosität überzeugen konnte, ihnen klar machte, dass ihre Zustimmung zu einem harten Sanierungskurs essenziell sei. Er brachte sie sogar dazu, mit ihren Pensionsfonds die neuen Anleihen zu zeichnen, trotz eines Personalabbaus von etwa 20 Prozent.
Von den Verhandlungen mit den Arbeiterführern berichtete Rohatyn später, man habe sich zu einzelnen Punkten oft rasch im kleinen Kreis geeinigt, musste aber der Basis harte nächtliche Verhandlungen vorspielen. Dabei habe man gemeinsam Fernsehen geschaut oder gepokert, in den frühen Morgenstunden traten dann alle erschöpft vor die Kameras und verkündigten die schwierig errungen Einigung. Ganz am Ende des Sanierungsprozesses gab es dann doch noch Hilfe aus Washington, europäische Regierungschefs wie Valerie Giscard D’Estaing und Helmut Schmidt hatten vor einer Eskalation gewarnt, und Ford gab nach. Letzten Endes dürfte ihn aber die harte Haltung die Wahl gekostet haben, der Demokrat Jimmy Carter zog ins Weiße Haus ein.
Rohatyn kehrte in seine Investmentbank zurück, war auch in einer neuen intensiven Phase von corporate takeovers immer wieder bei entscheidenden Deals führend dabei. Zu den bekanntesten gehörte die Übernahme von RJR Nabisco, einem Tabak- und Lebensmittelkonglomerat durch die Investmentbank KKR, oder jene der Unterhaltungsgruppe RCA (mit ihren Universal Studios) durch den japanischen Technologiekonzern Matsushita.
Doch Rohatyn war als seriöser, eher konservativer Banker nicht mit allen Entwicklungen einverstanden. So schienen ihm Junk-Bond-Finanzierungen oftmals unseriös und zu riskant, er beteiligte sich nur selten an feindlichen Übernahmen, kritisierte auch immer wieder die enormen Boni und Profite, die sich Manager bei den Deals selbst genehmigten, gleichzeitig aber die Firmen brutal auf Gewinn trimmten. „Ich bin ein Kapitalist. und ich glaube daran, Profite zu erzielen.“ Aber all zu oft habe er die andere Seite gesehen: Massenentlassungen, beschädigte Gemeinden, Umverteilung von den Arbeitnehmern weg. „Ich glaube, der Marktkapitalismus ist das beste je erfundene ökonomische System. Aber er muss fair sein, er muss reguliert sein, und er muss ethisch sein. Das habe ich in meinen fünfzig Jahren in der Finanzwelt und in der Politik gelernt.“
Rohatyn, politisch ein überzeugter Demokrat, stand mehrmals knapp vor einem Wechsel in die Politik, doch auch unter Bill Clinton sollte es weder mit dem Chefposten in der Weltbank noch mit einem Direktorenjob bei der Bundesbank Fed klappen. 1999 kehrte dann das ehemalige jüdische Flüchtlingskind aus Wien nach Europa zurück, als mächtiger amerikanischer Botschafter in Paris und Chef von 1.000 Mitarbeitern. Nach seiner Pensionierung engagierte er sich vor allem für eine Wiederbelebung der maroden US-Infrastruktur, argumentierte zäh für deren Modernisierung und Ausbau.
Eine Börsenkrise erwischte ihn dann doch noch persönlich. Rohatyn hatte für Lehman als Berater für europäische Märkte gearbeitet. Und wie viele andere auch, musste er die Investmentbank nach deren Zusammenbruch mit einem Karton in den Händen verlassen. Seine Expertise wurde aber schnell wieder nachgefragt, von seinem jahrzehntelangen Arbeitgeber Lazard. Rohatyn starb 91-jährig im Dezember 2019 in New York.

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