„Fragen Sie jemanden, der etwas davon versteht.“

In seinem Buch Die Wahrheit ist stellt sich der prominente israelische Autor Eshkol Nevo oft und nie gestellten Fragen seiner internationalen Leserschaft.

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Eshkol Nevo: Die Wahrheit ist. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. dtv 2020, 432 S., € 22,70

Ein Schriftsteller, ein israelischer, auf Lesereise, sagen wir durch Deutschland oder Österreich. Er lauscht seinem Text in einer fremden Sprache, anschließend stellt er sich dem Publikum. Bereits vor der Buchpräsentation hat ihm die Pressedame des Verlags Interviews mit Journalisten organisiert. Was werden sie ihn fragen?
Eshkol Nevo weiß es bereits. Und er kennt auch seine Antworten. Aber wie ehrlich ist er da?
Gegen den offenbar in solchen Situationen aufgestauten Frust, dem immer gleichen Fragen-Antwort-Ritual, versucht er es nun mit der Wahrheit und füllt damit gleich ein ganzes Buch.
Ein Onelineredakteur soll ihm einen Katalog von User-Fragen gemailt haben, und weil er gerade zu nichts Besserem Kraft hat, macht sich der Autor an die Antworten. Soweit der fiktionale Rahmen der Geschichte, der vielleicht so fiktional nicht ist.
Denn wenn man Eshkol Nevo ein wenig kennt, vor allem durch seine Bücher, aber auch aus einigen persönlichen Begegnungen und Gesprächen, so weiß man, da wandert einer wieder einmal haarscharf an seiner eigenen Lebenslinie entlang und versucht gleichzeitig über 400 Seiten einer der häufigsten und wohl von allen Schreibenden am meisten gehassten Frage auszuweichen, die da lautet: „Wie autobiografisch sind Ihre Bücher?“

»Welche Aufgabe sollten im Exil lebende Juden Ihrer Meinung nach in Bezug auf Israel haben?«

Lebenskrisen. Eshkol Nevo, so heißt auch sein Autoren-Ich, befindet sich in einer mehrfachen Krisensituation. Seine Frau ist dabei, ihn zu verlassen, die älteste Tochter hat bereits das Weite gesucht, sein bester Freund liegt im Sterben, ein korrupter Politiker will ihn erpressen, und eine „Dysthymie, so eine ständige Traurigkeit, auf kleiner Flamme“, wirft ihn ganz auf sich selbst zurück. Da kommt ihm die auferlegte Wahrheitssuche fast gelegen.
Sogar auf so Bizarres wie „Warum kommen in Ihren Büchern überhaupt keine Japaner vor?“ vermag er vielseitig einzugehen, während er weit Persönlicheres oft nur mit einem lakonischen Satz pariert.
So disparat wie die Neugierde der Leser ist dabei das Spektrum der angerissenen Themen. Von innerisraelischen, politischen, seinem Verhältnis zu den Siedlern, bis hin zur Rezeption eines israelischen Autors im Ausland, so etwa in einem Dialog wie dem folgenden:
„Welche Aufgabe sollten im Exil lebende Juden Ihrer Meinung nach in Bezug auf Israel haben?“
„ Zu Treffen mit israelischen Schriftstellern kommen. Denn sonst kommt ja schon keiner mehr.“
Doch nimmt eher Privates bis Intimes den überwiegenden Teil der anekdotisch gestalteten „Antworten“ ein. Szenen einer Ehe, unendlich viele Liebeserklärungen an seine Dikla, die ihm zu entgleiten droht, Rückblenden auf einstige Lieben und wichtige Freundschaften, auf Schul- und Militärzeit, Auslandsreisen, Abenteuer und Abschiede, Verfehlungen, Schwächen, Jugend- und andere Sünden werden da bis zur Selbstentblößung gebeichtet.

„Geschichtenhändler“. Bereits in seinem vorigen Roman Über uns hatte der studierte Psychologe Nevo den Geständniszwang zu einem Leitmotiv seiner Episoden gemacht; nun betrifft dieser ihn selbst bzw. sein Erzähler-Ich, das sich von allen möglichen Seiten bespiegelt und beschaut. Und doch nie ganz zu fassen ist, denn auch in dieser raffinierten Interview-Spielform hat die sogenannte Wahrheit mehr als doppelten Boden und entzieht sich jeder Festlegung. Dennoch ergibt sich puzzleartig das Bild eines israelischen Erfolgsautors namens Eshkol Nevo samt seiner sehr persönlichen wie professionellen Probleme, das Selbstporträt eines leidenschaftlichen Vaters, Ehemanns und Freundes und eines „Geschichtenhändlers“, der überall Geschichten sucht, findet und erfindet, sich selbst sucht und erfindet. Die Wahrheit ist, so könnte man den Titel ergänzen, die Wahrheit ist eine Fiktion.
Da sein Kollege und Landsmann Nir Baram erst kürzlich mit seinem autobiografischen Buch Erwachen auch in die eigene Kindheit und frühe Jugend regrediert ist, mag die Frage auftauchen, warum zwei so renommierte israelische Autoren, übrigens beide aus prominenten Politikerfamilien, derzeit in eine intensive Nabelschau versunken scheinen. Frust auf verschiedenen Ebenen, wie er besonders bei Nevo durchaus spürbar ist, mag ein Grund für diese momentane Weltflucht sein. Und darüber hinaus seine fast sokratische Erkenntnis: „Ich weiß es nicht. Keine Ahnung. Fragen Sie jemanden, der etwas davon versteht.“

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