„Meine Bilder sind meine Kinder.“

Lisl Steiner wurde 1927 in Wien geboren. Kurz nach dem „Anschluss“ 1938 flüchtete ihre Familie nach Argentinien, wiewohl sie die Reise nicht als Flucht bezeichnet. Um 1960 zog sie nach New York City und fotografierte unter anderem für Time, Life, Newsweek und The New York Times. Heute lebt die 92-Jährige im Bundesstaat New York.

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© Ronnie Niedermeyer

WINA: 1938 flüchteten Sie mit Ihren Eltern von Wien nach Buenos Aires. Sicherlich wurde Ihnen als Elfjährige diese Notwendigkeit erklärt – doch wie nahmen Sie damals selbst wahr, dass Sie Ihre Freundinnen und Ihre gewohnte Umgebung nun verlassen müssen?
Lisl Steiner: Als Flucht habe ich das nicht wahrgenommen. Die Bilder, die man heute kennt – zertrümmerte Schaufenster, Gehsteig schrubbende Frauen im Pelzmantel – das kam erst, nachdem wir weg waren. Meine Familie war gut situiert, wir konnten bequem mit dem Zug nach Triest fahren. Von dort ging es dann per Schiff weiter. Warum wir Wien verlassen, wurde mir zu dem Zeitpunkt nicht erklärt. Da ich außerdem nicht so enge Freundinnen hatte, freute ich mich sogar auf das bevorstehende Abenteuer.

Was ist der bedeutendste Eindruck, den Sie von dieser Reise mitgenommen haben?
Als das Schiff an der afrikanischen Küste anlegte, schenkte mir jemand einen handzahmen Affen. Was später dann aus diesem Affen geworden ist, weiß ich nicht – jedenfalls hatte ich ihn nicht mehr, als wir in Südamerika ankamen. Witzig, was einem Kind so wichtig erscheint, während die Erwachsenen sicherlich ganz andere Sorgen hatten.

»Ein handzahmer Affe – das ist meine prägendste Erinnerung von der Schiffsreise nach Argentinien.«

Nun beschäftigt uns eine ganz andere Sorge: Das Corona-Virus hält die Welt in Atem. An welche Ereignisse erinnern Sie sich, die eine so grundlegende Veränderung des Alltags mit sich gebracht haben?
Eigentlich an gar keine. Die Schoah und den zweiten Weltkrieg habe ich in Argentinien nicht miterlebt, wir waren immer geschützt, und es ging uns gut. Als junge Frau ging ich auf Demos; manchmal sind Regimegegner von einen Tag auf den anderen verschwunden, aber niemand, den ich kannte. Nun merke ich, was ich im Leben für ein Glück hatte. Auch heute. Zwar bin ich wegen der Corona-Krise in meiner Wohnung eingesperrt, aber man kümmert sich um mich, und es fehlt mir an nichts.

Welche Bedeutung hat das Judentum für Sie?
Als Religion – kaum. Meine jüdische Mutter und mein nichtjüdischer Vater haben keinen großen Wert auf Tradition gelegt; ich bin weder fromm noch gläubig. Ob ich eine Synagoge betrete oder eine Kirche, mir ist beides fremd. An einem Seder-Tisch fühle ich mich ob der Rituale unwohl und störe mich an der Indoktrination der Kinder, die da meiner Meinung nach stattfinden kann. Daher nehme ich auch keine Einladungen zu jüdischen Feiertagen mehr wahr. Aber ich weiß, auch diese Einstellung ist typisch jüdisch!

Sie haben eine internationale Karriere als Pressefotografin hinter sich. Welchen Beruf würden Sie heute wählen, wenn Sie jung wären?
Eigentlich hätte ich Schauspielerin werden können. In Buenos Aires besuchte ich als junges Mädchen eine Theaterschule. Eines Tages trat ich vor Publikum auf; daraufhin meldete sich ein Zuschauer bei meinen Eltern. Er sei von der Comédie-Française und könnte mir ein Stipendium nach Paris beschaffen. Mein Vater lehnte ab. Heute würde ich diesen Traum verfolgen und mir das nicht verbieten lassen.

Für welches Foto, das Sie geschossen haben, möchten Sie besonders in Erinnerung bleiben?
Für alle! Gerade Sie als Fotograf können es sicherlich nachvollziehen, dass ich meine Bilder betrachte, als seien es meine Kinder.

1960 zogen Sie wegen einer Liebe nach New York. Nachdem Sie der Mann doch nicht heiraten wollte, spielten Sie mit dem Gedanken, sich vom Empire State Building hinunterzuwerfen. Was wäre das Schlimmste, das Sie heute eines Mannes wegen tun würden?
Inzwischen bin ich jedem Mann dankbar, der mich nicht heiraten will! Von der Institution der Ehe halte ich mittlerweile sehr wenig. Und mit dem Mann, der 1960 vor der Hochzeit kalte Füße bekam, pflegte ich noch lange eine gute Freundschaft.

Seit vielen Jahren kommen Sie jährlich nach Wien. Wie geht es Ihnen dabei?
Wunderbar, ich liebe es. Ich wohne immer im Hotel Kaiserin Elisabeth, und an der „Graphischen“ halte ich Vorträge über meine Arbeit. Unlängst bekam ich von einer dortigen Schülerin einen Brief – sie schrieb mir, dass ich ihr Leben verändert habe. Dass ich das noch schaffen würde …!

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