Musik ist Leben und umgekehrt

„… sitzt ein ehemaliger Jeschiwa-Bocher* in einer Pfarrkirche vor einem üppig geschmückten Barockaltar und spielt Kammermusik …“: So könnte ein guter jüdischer Witz beginnen. Doch das geschah tatsächlich – und zwar im Sommer 2022 beim Kammermusikfest im burgenländischen Lockenhaus.

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Laurence Dreyfus ist nicht nur gefeierte Musiker und Ensemble-Gründer, sondern auch vielbeachteter Musikhistoriker und Autor. ©Reinhard Engel

WINA: Sie wurden in Boston in eine traditionelle Musikerfamilie hineingeboren und lernten von Ihrem Vater, der Geiger im Philadelphia Orchestra war, und Ihre Mutter, einer Opernsängerin, Notenlesen, noch bevor Sie Englisch lesen konnten. Als Kind spielten Sie Klavier und Cello. Aber Ihre musikalische Karriere machten Sie mit Viola da Gamba**, dem großen Repertoire an hochvirtuosen Solostücken aus dem Barock sowie Kammermusik aus der Renaissance. Und mit dem von Ihnen gegründeten und vielfach preisgekrönten Gamben-Ensemble Phantasm. Wie kam es dazu?
I Laurence Dreyfus: Der wahre Grund dafür liegt in meinem Jüdischsein. Ich war seit frühester Jugend interessiert daran, meine jüdischen Wurzeln zu entdecken. Meine Eltern waren zwar säkular, aber von meiner Großmutter, deren Familie aus dem westlichem Teil der Ukraine stammt, konnte ich einiges erfahren. Als ich 17 Jahre alt war, konvertierte ich fast über Nacht zum Chabadnik.*** Da ich aber während meines Cellostudiums bei Leonard Rose an der Juilliard School in New York auch Gründungsmitglied des späteren renommierten Emerson String Quartet war, konnte ich das wegen Schabbes und anderer jüdischer Feiertage nicht mehr machen. Ob Sie es glauben oder nicht: Der Lubavitcher Rebbe gab mir die Genehmigung, an die Yeshiva University in New York zu gehen – daher musste ich meine Musikstudien aufgeben.

Aber glücklicherweise nur für kurze Zeit?
I Ja, denn ich habe gefühlt, dass ich einen Weg zurück finden muss. Daher habe ich nach meinem Bachelor an der Yeshiva University ein Studium in Musikwissenschaften an der Columbia University begonnen – und so musste ich nicht an den „verbotenen“ Abenden spielen. Im ersten Studienjahr habe ich meine Notizen an der Universität noch in Hebräisch und Jiddisch gemacht – und auf jeder Seite ein Boruch Hashem (B’H die Abkürzung für „G-tt sei gelobt“) hingekritzelt.

Laurence Dreyfus: Parsifals Verführung. Faber & Faber, 219 S., € 24,70

Empfanden Sie die Musikwissenschaft nicht als etwas trockene Materie, nachdem Sie ja schon viel musiziert hatten?
I Nein, ganz im Gegenteil, ich habe mich in das Fach verliebt, denn es beinhaltet so viel Musikgeschichte. Außerdem hatte ich das große Glück, dass der berühmte Johann-Sebastian-Bach-Forscher Christoph Wolff mein Doktorvater wurde und mich immer wieder zum Musizieren ermunterte. Dabei entdeckte ich die Gambe und begann mir das Spielen darauf selbst beizubringen. Ich bin diesem Instrument richtig verfallen, und daher habe ich nach meiner Promotion am Königlichen Konservatorium in Brüssel beim Spezialisten Wieland Kuijken in zwei Jahren noch zwei Diplome gemacht.

Das war der erste Sprung nach Europa?
I Eigentlich schon: Durch meinen großartigen Lehrer Wolff war ich bereits ein Bach-Jünger geworden, und dann habe ich gleichzeitig zwei Stipendien für die Forschung in Berlin und Leipzig bekommen, dort, wo sich die umfassendsten Archive zu Bachs Leben und Werk befinden: Eines vergab der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) für Westberlin, das zweite vergaben die Ostdeutschen an Amerikaner für Ostberlin und Leipzig. Da durfte ich auch auf den Original-Bach-Instrumenten spielen.

Eines Ihrer jüngsten Bücher trägt den englischen Titel Wagner and the Erotic Impulse. Sie argumentieren darin unter anderem, dass Wagners Hörerschaft im 19. Jahrhunderts weniger über seine politischen und antisemitischen Ansichten empört war, sondern viel mehr Wagners ungezügelte Sinnlichkeit im Leben und in seiner Musik als skandalös und aufregend empfanden. Unter anderem beschreiben Sie seine Vorliebe für seidene Frauen-Dessous. Darf ich Sie – als einen von „Jiddischkeit“ erfüllten Menschen – fragen, wieso die Faszination mit Bach Sie auch gleich zum tieferen Verständnis von Richard Wagner führte?
I Als Student habe ich nicht nur viel Wagner-Musik gehört, sondern auch gespielt. Wagner war von Bachs Technik und Werk regelrecht besessen, nahm gelegentlich auch Anleihen bei ihm. Für mich als Wissenschaftler haben die beiden Komponisten doch einiges, das sie verbindet – und zwar ein tiefes Verständnis für menschliches Leid. Das mag bei Wagners widerlichem Antisemitismus manchen jüdischen Menschen nicht offensichtlich sein, aber weder jüdische Musiker noch jüdische Wagnerianer seiner Zeit konnten sich ein späteres Vernichtungslager Auschwitz vorstellen. Sie nahmen seinen Judenhass damals als notorische „Narrischkeit“ in Kauf und frönten seiner Musik.

 

»Im ersten Studienjahr habe ich meine Notizen
an der Universität noch in Hebräisch und Jiddisch gemacht.«

 

Zahlreiche Bücher befassten sich schon mit Wagners antisemitischen Schriften. Konnten Sie das bei all der erotischen Schlüpfrigkeit auslassen?
I Natürlich nicht, ich widme diesem Thema ein ganzes Kapitel. Ich recherchierte ausgiebig über die jüdischen Wagnerianer, vor allem wie sie mit all diesen Schwierigkeiten und Ambivalenzen umgingen. Aber bitte stellen Sie sich auch diese Szene vor: Der Gießener Rabbiner des Großherzoglich hessischen Landkreises geht in die koscheren Suppenküche in Bayreuth, bevor er die Vorstellung auf dem Grünen Hügel besucht, wo sein Sohn, Hermann Levi, den Parsifal dirigiert. Einer Anekdote nach traf Vater Levi Richard Wagner danach, und der meinte: „Also Sie sind der Vater meines Alter Ego.“ Es ist doch alles viel komplizierter und etwas nuancierter.

Sie spielen auf Ihr druckfrisches Buch an, das soeben im Verlag Faber & Faber erschienen ist: Parsifals Verführung, ein Roman, in dem Sie das Leben und Wirken des jüdisch-deutschen Dirigenten Hermann Levi (1839–1900) im Umfeld von Richard und Cosima Wagner, aber auch seine enge Freundschaft mit Johannes Brahms ungemein plastisch und spannend nacherzählen und dank Ihrer langjährigen akribischen Recherchen zudem mit Originalbriefen anreichern. Nach mehreren akademischen Publikationen führt uns Ihr Romandebüt nach Bayreuth im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Sie sparen weder die von Hermann Levi erlittenen Erniedrigungen noch die Privilegien aus, wie zum Beispiel die Uraufführung des Parsifal auf persönlichen Wunsch des Komponisten. Levi hatte seine Gewissensbisse?
I Selbstverständlich, er schrieb wortwörtlich an seinen Vater: „Das war bei Wagner kein kleinliches Risches (Jiddisch: Bosheit, Antisemitismus). Trotzdem fühlte sich Hermann Levi dem Kampf gegen die Kommerzialisierung der Kunst verpflichtet.


DAS GAMBENCONSORT PHANTASM

Das vielfach preisgekrönte Gambenensemble Phantasm wurde 1994 von Laurence Dreyfus gegründet und gilt heute als das aufregendste Gambenconsort im weltweiten Konzertleben. Zu internationaler Bekanntheit gelangte Phantasm bereits durch seine Debüt-CD mit Werken von Henry Purcell, die mit einem Gramophone Award für die beste instrumentale Barockeinspielung des Jahres 1997 ausgezeichnet wurde. Seitdem tourte das Ensemble durch die ganze Welt und konzertierte auf den jeweils bedeutendsten Kammermusikpodien in Städten wie London, Prag, Tokio, Istanbul, Helsinki, Berlin, New York und Washington, D.C. Die Teilnahme an Festivals der Alten Musik in Barcelona, Utrecht, Warschau, Stockholm, Brüssel und Wien gehört ebenso dazu. Der Schwerpunkt des breiten Repertoires liegt auf der englischen Musik der Renaissance und des Barock – mit Namen wie Purcell, Byrd, Gibbons, Locke oder Lawes –, doch auch italienische oder französische Gambenliteratur stehen auf den Programmen des Ensembles, ebenso wie Bachs Kunst der Fuge und Mozarts Bearbeitungen der Bach’schen Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier. Die bislang 20 eingespielten CDs haben zahlreiche Preise gewonnen. Seit Anfang 2016 ist das Ensemble, dessen Mitglieder aus Finnland, Großbritannien und Deutschland stammen, offiziell in Berlin zu Hause.


Wieso das?
I Levi macht in Leipzig die Erfahrung, dass seine Glaubensgenossen dort entweder von Schidduchim (Heiratsvermittlung) redeten oder vom Geldmachen. Daher versuchte er, wie viele andere Juden, die so dachten wie er, in ein weltlicheres Leben zu fliehen und sich dort zu behaupten. In meinem Wagner-Buch bringe ich das Beispiel von Theodor Herzl, der die Idee zum Judenstaat nach dem Besuch des Tannhäuser in Paris zu entwickeln begann. Er war ein glühender Wagnerianer und schrieb daher in Altneuland: „Das Einzige, was wir im Heiligen Land tun müssen, ist, deutsche Kultur hinbringen und Wagner-Opern spielen.“ Auch er sieht da überhaupt keinen Widerspruch, weil er nicht alles auf den Antisemitismus reduziert.

Was war Ihre Motivation, über Hermann Levi zu schreiben?
I Sein Leben und sein künstlerischer Werdegang boten zahlreiche persönliche und kulturelle Resonanzen, die mich unglaublich faszinierten. Nur ein Beispiel: Im Leo Baeck Institute in New York fand ich die Erinnerungen von Emanuel Kirschner (1857–1938), dem Kantor der Hauptsynagoge von München, in denen er eine bezaubernde Szene schildert: Er musste 1881 bei seiner Bewerbung für den Posten dem bereits berühmten Hermann Levi vorsingen. Nachdem dieser als musikalischer Berater der Synagoge sein O.K. gegeben hatte, kam er auch zum Schabbes-Gottesdienst, um Kantor Kirschner zu lauschen. Nicht gerade ein Paradebeispiel für einen selbsthassenden Juden, oder? Zur gleichen Zeit wurde er von Richard und Cosima Wagner bedrängt, sich vor dem Uraufführungsdirigat des Parsifal im gleichen Sommer taufen zu lassen; was er aber nie tat.

»Zuletzt  war ich zu Pessach bei Freunden in
New York, und das gemeinsame Essen und Reden
sind wichtig für mich, denn ich beschäftige mich mit meinem Jüdischsein.«
Laurence Dreyfus

 

Sie haben eine duale Karriere als Musikwissenschaftler und Gambist beeindruckend vereinen können. Sie lehrten als Professor an den Universitäten Yale, Stanford, Chicago, am King’s College London und zuletzt an der Universität Oxford und dem dortigen Magdalen College. Für Ihre Verdienste um die Bach- und Wagner-Forschung wurden Sie unter anderem mit der Mitgliedschaft in der British Academy belohnt. 1994 verwirklichten Sie sich einen Traum mit der Gründung des Gambenquartetts Phantasm, mit dem Sie heuer zwei Tage beim Kammermusikfest in Lockenhaus gastierten. Und seit 2013 haben Sie eine Wohnung in Berlin.
I Ja, ich habe eine Frühpensionierung als Universitätsprofessor angetreten und kann so öfter mit meinem Gambenconsort konzertieren. Ich lebe gerne in Berlin, wohne auch in einer jüdischen Gegend, nämlich Berlin-Wilmersdorf. Ich glaube, dass die deutsche Kultur Juden braucht, so trage ich etwas dazu bei. Meine Tochter, eine Germanistin, lebt auch in meiner Nähe.

Mit „Dreyfus“ tragen Sie einen historisch berühmten Namen, der an die berüchtigte Affäre Alfred Dreyfus erinnert. Und es gibt heute noch eine große Industriellenfamilie aus Mulhouse im Elsass mit diesem Namen. Stammt Ihre Familie auch aus dieser Gegend?
I Nein, ganz bestimmt nicht! Als mein Urgroßvater nach Amerika kam, trug er den schönen jüdischen Namen „Dreispitz“. Der Name gefiel der Familie dort nicht mehr, er war auch schwer ins Englische zu transkribieren. Dreyfus fanden sie schöner, und er drückte damals auch Selbstbewusstsein und jüdische Solidarität aus. Meinem Urgroßonkel gefiel es in den USA nicht, er kehrte zu seiner Familie in die Ukraine zurück. Alle wurden im Holocaust ermordet; nur einer seiner Söhne und ein Enkelsohn überlebten in der sowjetischen Armee. Einer von ihnen war unter den Befreiern von Berlin. Unglaublich, oder?

Außer im Herzen und in der Neshume (Seele) und als ehemaliger Chabadnik, sind Sie noch religiös?
I Ab und zu gehe ich noch in die Synagoge, ich liebe die Nigunim (Gebetsmelodien), aber es ist mehr Nostalgie als großer Glaube. Es war ein sehr wichtiger Abschnitt in meinem Leben. Zuletzt war ich zu Pessach bei Freunden in New York, und das gemeinsame Essen und Reden sind wichtig für mich, denn ich beschäftige mich mit meinem Jüdischsein, vielleicht schreibe ich auch bald darüber.

* Die Jeschiwa ist eine jüdische Hochschule, an der sich meist männliche Schüler (Bocher im Jiddischen für Burschen) dem Tora-und TalmudStudium widmen.

** Viola da Gamba (deutsch: Gambe, früher auch Knie- oder Schoßgeige) entsteht im 15. Jahrhundert, vermutlich in Spanien, und ist eine Sammelbezeichnung für eine Familie historischer Streichinstrumente. Es gibt sie in sämtlichen Größen und Stimmlagen, von der kleinen Diskantgambe über die Alt- oder Tenorgambe bis hin zur großen Bassgambe.

*** Chabad oder Lubawitsch ist als neochassidische Gruppierung, im späten 18. Jahrhundert in Belarus gegründet worden und wurde zu einer internationalen Bewegung mit Hauptsitz in New York und mit tausenden Zentren auf der ganzen Welt. Ihr Hauptanliegen besteht darin, anderen die Schönheit, Tiefe, das Bewusstsein und das Glück zu vermitteln, welches in einem Toratreuen Leben im Judentum liegt.

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