Namenlose Sumpfleichen

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„Stein. Papier“. Über Tomer Gardis unbequemes Buch der Fragen. Von Anita Pollak   

Woher die Steine für einen Museumsbau kommen, ist meist gar nicht wichtig. Wenn dieses Museum für Geschichte und Natur allerdings aus den Steinen eines zerstörten Dorfes errichtet wurde und genau dessen Geschichte verschweigt, dann beginnt die Sache verstörend zu werden. Tomer Gardi, der als Kind auf der Treppe vor dem Museum Beith Ussischkin gespielt hat, wittert, dass unter dessen Steinen aus dem palästinensischen Dorf Hounin noch mehr verborgen liegt. „Eine Spurensuche in Galiläa“ nennt der 1974 im Kibbuz Dan aufgewachsene Autor sein erstes Buch, das alles, nur keine unbeschwerte Reise in die Vergangenheit ist. Was es ist, ist schwerer zu beantworten. Zu aller erst ein Buch der Fragen in unterschiedlichsten literarischen Formen. In Essays, Märchen, Parabel, Poesie, Reportagen und Dokumenten sucht Gardi auch eine Sprache für das Verschwiegene, das Verdrängte.

„Die Sümpfe der Vergangenheit blubbern munter vor sich hin.“ Tomer Gardi

Tabubrüche
Tomer Gardi:  Stein, Papier. Eine Spurensuche in Galiläa. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Rotpunkt Verlag;  296 S., € 27,50
Tomer Gardi:
Stein, Papier. Eine Spurensuche in Galiläa. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke.
Rotpunkt Verlag;
296 S., € 27,50

Nach über 60 Jahren werden die Mythen der Staatsgründung hinterfragt, und eine Generation von kritischen Israelis scheut vor Tabubrüchen nicht zurück. So war Tomer Gardi Herausgeber einer Zeitschrift, die sich mit der Vertreibung der arabischen Bevölkerung 1948 befasste, und um dieses Schicksalsjahr geht es vor allem bei den Recherchen, die zu seinem Buch führten. In Archiven stößt er etwa auf Protokolle einer Aktion in Tel Aviv, bei der Wehrdienstverweigerer gejagt wurden, auf Dokumente, in denen Namen ausgeixt sind. Namenlos sind in den Archiven der Haganah auch die arabischen Opfer einer Vergewaltigung.

Welche Rolle spielen Archive überhaupt für die Geschichte des Landes, wer hat die Deutungshoheit, die Macht der Zensur, was sollen Museen, und warum werden eigentlich Sümpfe trockengelegt? Ging es bei den Sümpfen der Chule-Senke um die Ausrottung der Malaria oder um Grundstückspekulationen? Natürlich ist der Sumpf eine beliebte Metapher, von der Gardi ausgiebig Gebrauch macht bis hin zum Fazit: „Die Sümpfe der Vergangenheit blubbern munter vor sich hin.“

Ganz konkret geht es ihm genau um diese und um so manche Sumpfleichen in seinem provokanten Buch der Fragen. Es sei ein Buch für Israelis, hat er in einer Diskussion betont. Die ausgezeichnete deutsche Übersetzung nimmt darauf mit Erklärungen israelischer Interna Rücksicht, dennoch bleibt über weite Strecken das Gefühl, Familienstreitigkeiten in fremden Wohnungen zuzuhören. Doch gibt es auch – im wahrsten Wortsinn – märchenhafte Kapitel von universeller Bedeutung, Prosa eines belesenen, kultivierten Autors, der sich freizügig aus den Bausteinen der europäischen Literatur von Shakespeare bis Thomas Mann bedient, ohne damit ein neues Museum zu errichten. Zwei Jahre hat Gardi übrigens in Wien die Internationale Schule besucht, und sein nächstes Buch will er auf Deutsch schreiben, um sich einmal auszudrücken „wie ein Immigrant“.

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