Auf jüdischen Spuren durch Südfrankreich: Mehr als Lavendel!

Die Departements der Provence laden neuerdings Touristen ein, sich vor Ort mit der jüdischen Geschichte der Region auseinanderzusetzen. Wer dabei koscher essen und trinken will, tut dies am besten in den überaus bunten jüdischen Küchen von Marseille.

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1939

Lavendelfelder, Ockerbrüche, Calanques – das verbindet man mit Südfrankreich. Aber wer weiß eigentlich, dass diese Region einen ganz besonderen Bezug zum Judentum hat? Mit der Broschüre Histoire et Patrimoine Juif en Provence (Geschichte und jüdisches Erbe in der Provence) will man Touristen auf eine Route locken, an der 13 Städte und Dörfer mit ausgeprägter jüdischer Vergangenheit und teilweise auch Gegenwart liegen – Letzteres allen voran natürlich Marseille, die quirlige alte Hafenmetropole am Mittelmeer mit ihren 44 Synagogen bei etwa 75.000 jüdischen Einwohnern (in Paris gibt es sieben Synagogen bei rund 220.000 jüdische Einwohnern!).

Inmitten der Provence. Frankreichs älteste Synagoge in Carpentras, eine Rokoko-Juwel auf Fundamenten aus dem Mittelalter.
Inmitten der Provence. Frankreichs älteste Synagoge in Carpentras, eine Rokoko-Juwel auf Fundamenten aus dem Mittelalter.

Wir beginnen unsere Reise im Hinterland – dort, wo die provenzalisch-jüdische Geschichte zu einer so eigenen wurde. Carpentras ist ein auf einer sanften Anhöhe gelegenes Städtchen südlich des Mont Ventoux, dieses einsam aus den Voralpen ragenden Kolosses, zu dem man von hier aus gut hinüber sieht. Auf der Ringstraße um die kleine Altstadt tobt der Verkehr, viele Fahrzeuge haben ausländische Kennzeichen, halten aber meist nur vor den Supermärkten an der Peripherie, bevor es weiter geht zu den notorisch als pittoresk bezeichneten Dörfern am Fuß des windigen Bergs.

Eine breite und steile Treppe führt uns vom Ring hinauf zu einem Torbogen und dem dahinter gelegenen Stadtkern, wo es angenehm ruhig ist. Die einst ringsum von einer Mauer geschützten Straßen und Gassen sind kreisförmig zu einem perfekten Labyrinth angeordnet. Wer sich lange genug darin verliert, stößt irgendwann auf die Place Maurice Charretier mit dem pompösen Rathaus und ein paar unprätentiösen Cafés und Restaurants. Wüssten wir es nicht, wir würden an dem hellgrauen, zwischen zwei anderen Gebäude in ein Eck gedrängten Haus höchstwahrscheinlich vorbeigehen, ohne es weiter zu beachten – es ist die älteste Synagoge Frankreichs.

Für die jüdische Bevölkerung aus den angrenzenden Gebieten wurde der Kirchenstaat immer wieder zum Zufluchtsort.

Carpentras war Hauptstadt des Comtat Venaissin, das bereits seit dem 13. Jahrhundert und bis zur Französischen Revolution in päpstlichem Besitz war und heute zum Vaucluse gehört. 1305 wurde mit Clemens V. zum ersten Mal ein Franzose zum Papst gewählt, der zudem seinen Sitz vom Tiber an die Rhône verlegte. Bevor mit dem die Stadtsilhouette Avignons bis heute dominierenden Bau des dortigen Papstpalastes begonnen wurde, war von 1306 bis 1309 Carpentras die offizielle Residenz von Clemens V. Sieben Päpste in Folge residierten hier im südlichen Rhônetal und machten ihre eigene, von den französischen Königen abweichende Asylpolitik. Für die aus den angrenzenden Gebieten vertriebene jüdische Bevölkerung wurde der Kirchenstaat so immer wieder zum Zufluchtsort – man sprach von „les juifs du Pape“, den Juden des Papstes. Überbewerten braucht man das allerdings nicht, denn der Schutz war nicht durchgängig, auch hier gab es zeitweilige Vertreibungen, Handels- und Berufsverbote.

Unscheinbar. Die Außenfassade verrät wenig über die Pracht der Synagoge im Inneren.
Unscheinbar.
Die Außenfassade verrät wenig über die Pracht der Synagoge im Inneren.

Wir stehen quasi mitten im ehemaligen Getto von Carpentras, wo – eben mit Unterbrechungen – über Jahrhunderte eine bisweilen stattliche jüdische Gemeinde wohnte. Im 19. Jahrhundert hat man die Häuser gegenüber der Synagoge zugunsten des Platzes abgerissen, deren Bau bereits 1367 urkundlich belegt ist. Erhalten ist er jedoch nicht in der Originalgestalt, sondern wurde 1741–1743, zur Zeit des Rokoko, res­tauriert.

Über eine enorm überdimensioniert wirkende Treppe geht es hoch zum Betsaal. Welch ein Unterschied zur blässlichen Außenhaut! Hier drinnen summt es fast vor Heiterkeit, ist es bunt, glitzernd, leicht! Lüster und Leuchter verschiedener Art schmücken den Raum ebenso wie ornamentale Wandmalereien. Durch die teilweise bunten Fenster flutet angenehm viel Licht. Nun treffen wir doch auf Touristen – ein Ehepaar aus Brasilien besucht die Synagoge. Ihre jüdische Familie stammte aus Bessarabien, erzählen die beiden.

Das schöne hier ist – dieser uralte Versammlungsort ist kein Museum. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich wieder eine jüdische Gemeinde in Carpentras und den benachbarten Dörfern zusammengefunden, die die Synagoge ständig nutzt. Und seit 1999 lädt die kleine Stadt im Sommer zum Festival jüdischer Musik mit namhaften Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt, die den Ort für ein paar Tage mit ihren Klängen erfüllen.

Nur wenige Kilometer südlich von Carpentras passieren wir Pernes-les-Fontaines, wo wir im verschlafenen Ortskern zwar noch eine Place de la Juiverie finden – viel mehr als eine private Mikwe aus dem 16. Jahrhundert ist aber an jüdischen Spuren nicht zu entdecken. Weiter also in das noch einmal gut zehn Kilometer entfernte L’Isle-sur-la-Sorgue, die Insel über der Sorgue. Ist die Provence sonst weithin von Wassermangel geprägt, so ist L’Isle nicht nur von zwei kräftig strömenden Armen der Sorgue umfasst, sondern dazu ganz und gar durchzogen von Kanälen – „Venedig der Provence“ wird der Ort auch genannt.

Gedenkstätte. Die ehemalige Ziegelei in Camp des Milles in Aix-en-Provence, ein Ort der intellektuellen Auseinandersetzung.
Gedenkstätte. Die ehemalige Ziegelei in Camp des Milles in Aix-en-Provence, ein Ort der intellektuellen Auseinandersetzung.

Im Zentrum der Inselstadt steht die Collégiale Notre Dame des Anges. Das schmiedeeiserne Geländer vor dem Chor der Kirche stammt von der ehemaligen Synagoge. Wir gehen in das nahe quartier juif, das jüdische Viertel. Dort finden wir von der Sy­nagoge noch ein paar übriggebliebene Steine, und man braucht schon einiges an Vorstellungskraft, um sich von dem inzwischen als Parkplatz genutzten Gelände aus in die Vergangenheit hineinzudenken.

Unsere Reise führt nun tatsächlich vorbei an Lavendelfeldern und Ockerfelsen, unser nächstes Ziel ist Les Milles, ein ehemaliges Dorf etwas außerhalb von Aix-en-Provence, wo im September 2012 das „Camp des Milles“ vom französischen Verteidigungsministerium als Gedenkstätte eröffnet wurde. „Wir haben etwa hunderttausend Besucher pro Jahr“, sagt Universitätsprofessor Alain Chouraqui, den wir hier in seinem bescheidenen Büro über der ehemaligen Ziegelei treffen und dessen maßgebliche Initiative es war, diesen Ort zu erhalten und so zu gestalten, dass er hilft zu verstehen. Chouraqui will vor allem eines: die Intelligenz ansprechen. Er hat das Lager zu einem Ort der intellektuellen Auseinandersetzung gemacht. „Die Geschichte der Schoa“, sagt der Gelehrte, „ist ein starker Indikator für eine fehlgeleitete Moderne, aber auch für die Gesamtheit der sich wiederholenden menschlichen Mechanismen.“

Tausende „feindliche Subjekte“ und „Unerwünschte“ wurden in der als Internierungslager genutzten Fabrik zwischen 1939 und 1942 gefangen gehalten, über 2.000 Juden wurden von hier aus nach Auschwitz deportiert. Und doch ist es ein Anliegen von Chouraqui, dass die Besucher, ganz besonders die jungen, die Gedenkstätte nicht niedergeschlagen verlassen. Vielmehr sollen die Verkettungen, die zu Verbrechen führen, aufgezeigt werden.

Wir fahren nach Marseille zum jüdischen Kulturzentrum „JudaiCité“. Michêle Teboul, die Präsidentin des provenzalischen Crif (Conseil Représentatif des Institutions Juives de France), beantwortet uns die Frage, ob es für jüdische Reisende gefährlich sei, in die Provence zu kommen, mit einem klaren Nein. Wer sich koscher versorgen wolle, solle nach Marseille kommen und seine Touren von hier aus unternehmen, empfiehlt sie. Bekommen wir einen Tipp? Na klar, viele! Madame Teboul drückt uns eine weitere kleine Broschüre, die Agenda, in die Hand, mit sämtlichen Adressen jüdischer Einrichtungen der Stadt, unter „cashrout“ sind Restaurants, Traiteurs, Bäckereien, Konditoreien, Feinkostläden aufgeführt. Was, wo, wie wollen wir essen? Algerisch, tunesisch, marokkanisch, israelisch, italienisch, vielleicht französisch? Das ist Marseille – alle Küchen des Mittelmeers und darüber hinaus sind hier vertreten, auch koschere selbstverständlich. Wir gehen Richtung alten Hafen – wo sonst sollte man hier ankommen. Und nicht weit von hier sind ja auch die Calanques.

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