Gefährliche Machtkämpfe

Der Konflikt zwischen der schiitischen Schutzmacht Iran und dem sunnitischen Königshaus von Saudi-Arabien hat längst die gesamte Region erfasst. Betroffen davon ist auch Israel. Das hat Vor- und Nachteile.

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Generalstabschef Gadi Eisenkot spricht sich für eine Allianz mit Riad gegen den Iran aus. © Falsh 90/Miriam Alster

Wer bisher immer noch an der fixen Idee festhielt, der israelisch-palästinensische Konflikt sei die Mutter aller Konflikte im Nahen Osten, den müssten die jüngsten Entwicklungen spätestens jetzt endlich eines Besseren belehrt haben. Schiiten und Sunniten ringen seit 1.400 Jahren um die Vorherrschaft in der Region. Was sich derzeit zwischen Teheran und Riad abspielt, ist nur eine Fortsetzung davon. Ihr Machtkampf wird auf spektakuläre Weise in fremden Gefilden ausgetragen.

Immer schon schwebte den Iranern ein durchgängiger Landkorridor vor. Von Teheran bis an das Mittelmeer und vom persischem Golf bis zum Roten Meer – ein „schiitischer Halbmond“. Noch nie waren sie diesem Traum so nahe. Ihr Einflussbereich erstreckt sich heute über den Irak, Syrien, Libanon, den Jemen und mittlerweile auch bis fast an die Grenze zu (dem erklärten Erzfeind) Israel.

Syriens Präsident Baschar al-Assad ist der wichtigste Vasall Irans. Auf dessen Staatsgebiet, das mit Russlands Hilfe nun wohl auch in Zukunft unter seiner Herrschaft verbleibt, wird massiv in Infrastruktur investiert. Benjamin Netanjahu warnt vor dem Bau eines iranischen Flughafens in der Nähe von Damaskus, einem iranischen Hafen im (libanesischen) Mittelmeer und iranischen Militärstützpunkten in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Golanhöhen. Bisher hat sich Israel so gut es ging aus dem syrischen Bürgerkrieg herausgehalten. Nur Waffenlieferungen an die Hisbollah wurden regelmäßig unterbunden. Und jetzt? Muss man mit größeren Gefechten rechnen?

Die schiitische Miliz verfügt
über mehr als 100.000 Raketen im
Süden Libanons, abschussbereit
in Richtung Tel Aviv.

Die Hisbollah-Kämpfer im Libanon sind die konkreten Handlager Teherans und längst die wahren Machthaber im Land. Diese Schieflage erklärt, warum der sunnitische Premierminister Saad Hariri im November nach Riad zitiert wurde, wo er sichtlich unter Druck seinen Rücktritt erklärte. Den Saudis missfiel, wie der politische Flügel der Hisbollah die Regierungskoalition in Beirut immer mehr dominierte. Sie sähen gerne einen anderen in der Verantwortung, einen, der sich traut, die Konfrontation aufzunehmen. Wobei sich die Frage stellt, ob Israel dann nicht dafür den Preis bezahlen müsste. Die schiitische Miliz verfügt über mehr als 100.000 Raketen im Süden Libanons, abschussbereit in Richtung Tel Aviv.

Das aber ist nur eine Front, an der sich die Temperaturen gerade erhitzen. Es gibt noch eine zweite, und sie ist ebenfalls ein Spielball weitreichender Interessen.

Keine Ahnung, was ist, wenn diese Kolumne erscheint. Das Niederschreiben passiert jedenfalls, nachdem eine Batterie des Raketenabwehrsystems Iron Dome im Großbereich Tel Aviv aufgestellt wurde. Damit fühlt man sich sicherer und verunsichert zugleich. Wird es als Reaktion auf die Sprengung eines Tunnels, der in Khan Younis in Gaza-Stadt seinen Anfang hatte und bereits bis unter israelisches Territorium vorgedrungen war, zu einem Angriff des islamischen Dschihad kommen? Dass dabei zwölf seiner Kämpfer umgekommen sind (fünf davon befinden sich in Israels Händen) erhöht die Plausibilität eines Angriffs. In einem solchen Fall, und das haben die israelischen Militärs klargestellt, würde jedoch auch die Hamas in Gaza mit zur Verantwortung gezogen werden.

Die Hamas wiederum, die innen- und außenpolitisch stark unter Druck geraten ist, versucht sich gerade intern mit der Palästinenserbehörde auszusöhnen. Sie muss beweisen, dass sie an einer Eskalation mit Israel nicht interessiert ist. Aber auch da haben sich jetzt die Saudis eingemischt. Sie zitierten Präsident Mahmud Abbas nach Riad und erteilten ihm klare Direktiven. Solange die Hamas mit Teheran flirtet, bitte keine Annäherung. Zudem soll sich Abbas im Namen der palästinensischen Flüchtlinge im Libanon offen zu Saudi-Arabien bekennen, falls der Konflikt dort eskaliert.

Saudische und israelische Interessen sind heute in vieler Hinsicht identisch. Was aber nicht bedeutet, dass Riad plötzlich seine Liebe zu Israel
entdeckt hat.

Die Saudis möchten verhindern, dass der militärische Flügel der Hamas, der mittlerweile von Katar nach Beirut umgezogen ist, in den Flüchtlingslagern das Kommando über die bewaffneten Kräfte übernimmt und sie in den Dienst der „iranischen Machtachse“ überstellt. Außerdem soll die Hamas in Gaza sich nicht zu einer zweiten Hisbollah-Miliz entwickeln.

Saudische und israelische Interessen sind heute in vielerlei Hinsicht identisch. Was aber nicht bedeutet, dass Riad plötzlich seine Liebe zu Israel entdeckt hat. Es ist vielmehr geleitet von der Angst vor einem übermächtigen Iran. Dennoch findet gerade eine präzedenzlose Annäherung zwischen beiden Ländern statt. Saudi Arabien, das keine offiziellen Beziehungen zu Israel unterhält, ist zu einem der wichtigsten Partner mutiert. Eine saudische Zeitung veröffentlichte erstmals ein Interview mit niemand Geringeren als Israels Generalstabschef Gadi Eisenkot. Dieser sprach von der „Gelegenheit, eine neue internationale Koalition in der Region“ gegen den Iran zu schmieden, und zeigte sich bereit, dafür sogar wertvolle Informationen seiner Nachrichtendienste zu teilen.

Offen ist, was aus dieser Allianz in Zukunft wird. Würde sich Riad bereit erklären, Israel anzuerkennen, könnte dies zu einer größeren Friedensinitiative der sunnitischen Staaten führen. Gerüchte über einen erneuten amerikanischen Vorstoß in diese Richtung halten sich jedenfalls hartnäckig.

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