„Gummisohlen- Antisemitismus“ und andere Spielarten

Zwei Kilo schwer, 1.167 Seiten stark. Allein diese Zahlen des neuen gewichtigen Bandes zeigen, dass es sich bei Antisemitismus in Österreich 1933-1938 um ein gewaltiges Phänomen handelte.

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Gertrude Enderle-Burcell, Ilse Reiter-Zatloukal (Hg.): Antisemitismus in Österreich 1933–1938. Böhlau Verlag, 1.167 S., € 83

Auch wenn sich der gegen Juden gerichtete Hass in österreichischer Manier in vielen Formen kaschierte, manchmal „subkutan“ oder auf „Gummisohlen“ daherkam, war der autochthone österreichische Antisemitismus keineswegs ein harmloser, gemütlicher, zu diesem Schluss kommen übereinstimmend alle 58 Beiträge des Bandes aus den verschiedensten Bereichen wie Politik, Religion, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft.
Wer galt als Jude und wie viele gab es wo? Auf die Bedeutung der Zahl als Gradmesser der „Verjudung“ in antisemitischen Diskursen weist Peter Melichar in seinem Beitrag Juden zählen hin. Ohne nüchterne Zahlen und aussagekräftige Statistiken kommt aber keine Untersuchung der einzelnen Mikro- oder Makrokosmen aus.

 »Praktischer Tat-antisemitismus ist wertvoller
als radikaler Wort-antisemitismus.«
Bürgermeister Richard Schmitz

Zum Beispiel „Zahnbehandler“. Schon um die Jahrhundertwende waren mehr als 60 Prozent der Wiener Zahnärzte Juden, während die Zahntechniker, die ein viel geringeres medizinisches Ansehen genossen, zum Großteil aus der christlichen Bevölkerung stammten. 1935 waren von den insgesamt 637 Zahnärzten in Wien bereits 429 „nichtarisch“, gleichzeitig hatte sich der Existenzkampf aller Zahnbehandler durch die schlechte wirtschaftliche Lage verschärft und mit ihm auch der Kampf zwischen den beiden Standesgruppen, der von Seiten der nicht akademischen Techniker zunehmend antisemitisch geführt wurde. Dieser spannenden Detailstudie Jüdische Zahnbehandler im Wettstreit mit christlichen Zahntechnikern widmet sich der Mediziner Otmar Seemann, während die Mitherausgeberin Ilse Reiter-Zatloukal den Antisemitismus in der gesamten Ärzteschaft untersucht. Der führte von der Eindämmung jüdischer Medizinstudenten über Berufsverbote bis hin zur totalen „Entjudung“ in den Spitälern. Jüdische Ärzte würden durch „skrupellose Übertretung des Abtreibungsverbots“ „systematisch auf die Ausrottung der christlichen Bevölkerung und gleichzeitig auf die Erhaltung und Vermehrung der jüdischen Bevölkerung hinarbeiten“, war nur eine der bizarren Anschuldigungen.
Schon lange vor dem „Anschluss“ verhinderten wirkmächtige antisemitische Cliquen wie das geheime Professoren-Netzwerk „Bärenhöhle“ in der Personalpolitik der Universitäten akademische Karrieren jüdischer Wissenschaftler, vom Einfluss der Burschenschaften ganz zu schweigen. Nur wenige Jahre später wurde die von Bürgermeister Richard Schmitz formulierte Parole „Praktischer Tatantisemitismus ist wertvoller als radikaler Wortantisemitismus“ fatal beim Wort genommen.
Wie hat man es übersehen, wie es ignorieren können, diese Frage drängt sich notwendigerweise auf, wenn man das gewichtige Buch auch nur auszugsweise liest, gab es doch offenkundig keinen Lebensbereich, in dem sich die antisemitische Fratze nicht schon viele Jahre vor der Katastrophe mehr oder minder deutlich offenbarte. Bereits 1921 rühmten sich manche „Sommerfrischen“ des schönen Alpenlands ihrer „Judenreinheit“, und so wurde Arnold Schönberg in Mattsee aufgefordert zu beweisen, dass er kein Jude sei. Angewidert verließ er den Ort, obwohl er nachweisen konnte, Protestant zu sein, schreibt Marie-Theres Arnbom in ihrem Streiflicht auf den Antisemitismus im Fremdenverkehr.
Dass der Judenhass erst 1938 spürbar geworden sei, wie es viele Überlebende behaupteten, erweist sich „im Lichte der historischen Daten“ als eine „Konstruktion ex post“, erklärt in seiner Betrachtung Doron Rabinovici.
Leider durchaus nicht historisch erinnerte der Dekan der Juridischen Fakultät Paul Oberhammer bei der Buchpräsentation an die antisemitischen Exzesse am Juridicum vor gar nicht langer Zeit. Die Ringvorlesung Jüdischsein in Österreich im Spiegel des Rechts läuft – aus gegebenem Anlass – dort bereits zum zweiten Mal.

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