Es ist nicht überliefert, ob die Philosophen Manès Sperber und Ágnes Heller einander je getroffen haben. Ein Gespräch zwischen den beiden jüdischen Intellektuellen zu verfolgen, wäre sehr reizvoll gewesen. Wien wurde jedenfalls jüngst zu einem virtuellen Treffpunkt zwischen Sperber, der eine Zeit lang hier lebte, und Heller, die diese Stadt oft besucht. Auf die biografischen und ideologischen Parallelen zwischen den beiden verwies der Präsident der Manès-Sperber-Gesellschaft, Wolfgang Müller-Funk, als er die 89-jährige Preisträgerin des Jahres 2017 würdigte.

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„In Mitteleuropa hat in einem Jahrhundert eine Kette von Ereignissen stattgefunden, für die die Geschichte üblicherweise Jahrhunderte benötigt. In diese verdichtete, polyphone historische Konstellation gehört die Philosophin und Essayistin Ágnes Heller, die in Ungarn nur um Haaresbreite der Schoah, also der Vernichtung entkommen ist, ebenso wie der um eine Generation ältere ‚Altösterreicher‘ Manès Sperber.“

Biografische Parallelen. Als Sohn eines Rabbiners 1905 im ostgalizischen Zablotów geboren und religiös erzogen, übersiedelte Sperber 1916 mit seiner Familie nach Wien, wo er sich der zionistischen Jugendbewegung anschloss. Als Student und Meisterschüler des Begründers der Individualpsychologie, Alfred Adler, ging er 1927 nach Berlin und trat der Kommunistischen Partei Deutschlands bei. Seine politische Haltung führte 1931 zum Bruch mit Adler. Im März 1933 verhaftet, floh er nach seiner Freilassung über Österreich nach Jugoslawien und 1934 nach Paris, das später zu seinem ständigen Wohnsitz werden sollte. Dort wandte er sich 1937 unter dem Eindruck der stalinistischen Säuberungsprozesse vom Kommunismus ab.

»Ich war zu einem Zeitpunkt in die Partei eingetreten, in der ich von der Existenz des Gulag noch nichts wusste.
Später bin ich selbst zum Opfer geworden.«
Ágnes Heller

Ágnes Heller wurde 1929 in Budapest geboren, mit vierzehn Jahren überlebte sie mit ihrer Mutter im Budapester Ghetto die Schoah und knapp eine geplante Erschießung durch die faschistisch-antisemitischen Pfeilkreuzler. Ihr Vater und ein Großteil ihrer Verwandtschaft wurden verschleppt und ermordet. Ab 1947 studierte Heller Physik und Chemie an der Universität in Budapest, wechselte jedoch unter dem Eindruck einer Vorlesung von Georg Lukács zur Philosophie. 1955 promovierte sie bei Lukács, der in den 1960er-Jahren nicht nur in Ungarn, sondern auch im Westen zum theoretischen Hoffnungsträger einer Linken wurde, die den Einspruch gegen den Kapitalismus mit Kritik am „realen Sozialismus“ verband. Als seine Assistentin gehörte sie auch der „Budapester Schule“ an, einem oppositionellen Zirkel aus Intellektuellen und Philosophen. Schon früh wurden ihre Publikationen zum Protest gegen die totalitären Systeme, und sie geriet in Konflikt mit der herrschenden kommunistischen Partei. Es folgten Berufsverbot, Bespitzelung und schließlich die Emigration in den Westen: 1977 wanderte sie gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann Ferenc Fehér nach Australien aus, wo sie von 1978 bis 1983 eine Professur für Soziologie innehatte. 1988 wurde sie Hannah Arendts Nachfolgerin am Lehrstuhl für Philosophie an der New School for Social Research in New York, wo sie bis zu ihrer Emeritierung 2009 lehrte. Nach der Wende 1989 kehrte sie nach Budapest zurück.

»Wir alle sind auf Toleranz angewiesen
und haben sie zu gewähren,
weil niemand immer Recht hat.«
Manès Sperber

Hellers Erfahrungen mit dem Kommunismus waren eher „praktischer Natur“, daher wundert es nicht, dass „sie die inzwischen programmatisch autoritären gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrem Heimatland, aber auch andernorts, z. B. in Venezuela kritisiert“, sagt Müller-Funk. „Das gehört zum Bild einer Theoretikerin, die der Erfahrungsraum Mitteleuropa zu einer unbeugsamen Anhängerin einer offenen, auf Menschenrechten aufbauenden Gesellschaft gemacht hat.“

Der Wiener Publizist Wolfgang Kraus, der 1961 die Österreichischen Gesellschaft für Literatur gründete, hat sich sehr früh für die Dissidenten des Literaturbetriebs in Mittel- und Osteuropa eingesetzt. Seine enge Freundschaft mit Manès Sperber führte auch zur Entstehung der Gesellschaft im Jahre 1985, die seinen Namen trägt und den Preis verleiht. „Ich bin erst in den 2000-Jahren mit der Gesellschaft in Kontakt gekommen, obwohl ich Kraus und seine Nachfolgerin Marianne Gruber lange gekannt habe“, erzählt Müller-Funk. „Mein unmittelbarer Vorgänger als Präsident war der angesehene Germanist Wendelin Schmidt-Dengler.“ Die transnationale europäische Orientierung sowie das intellektuelle und zivilgesellschaftliche Engagement spielen bei der Vergabe des Preises eine wesentliche Rolle. Frühere Preisträger waren u. a. Péter Esterházy, Régis Debray, Claudio Magris, György Konrád, David Grossman und Michael Köhlmeier. 

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