Aus anderer Perspektive

Seit 2016 lebt der Israeli Itai Gruenbaum in Wien. Das Leben hier gefällt ihm gut, dennoch möchte er eines Tages wieder zurück in seine Heimat gehen. Am liebsten wäre ihm ein Mix beider Welten.

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Itai Gruenbaum lebt observant, was hier nicht immer ganz einfach ist. Zurück in Israel will er beide Lebensweisen behalten. © Daniel Shaked

Österreich lag so gar nicht auf seinem Radar. Schon längere Zeit wollte Itai Gruenbaum für ein paar Jahre nach Europa ziehen. Vorgeschwebt war ihm dabei etwa Deutschland oder Großbritannien. Doch dann reihte sich Zufall an Zufall, und so landete er schließlich 2016 in Wien.
Da waren zunächst die Österreicher, die er im Kuba-Urlaub kennenlernte. Sie luden ihn nach Wien ein, von hier aus reiste er nach Budapest, nach Berlin. Auf einem Flug hörte er, wie sich Israelis, die in Wien lebten, miteinander unterhielten, nach der Landung kam er mit ihnen ins Gespräch. Sie erzählten ihm von der Facebook-Gruppe „Israelis in Wien“, dort postete er, dass er auf der Suche nach einem Job sei. Kurz darauf bekam er ein verlockendes Angebot bei Emarsys, einem von einem Israeli gegründeten Wiener Anbieter von Marketing-Software.
Itai Gruenbaum ist mehr als technik-affin. Nach seinem Armeedienst studierte er sowohl Mathematik wie auch Industrial Engineering. Für seinen ergänzenden MBA wählte er einen Managementstudiengang mit Spezialisierung auf IT. Noch während des Studiums arbeitete er bei Intel, nach seinem Abschluss bis zu seinem Aufbruch nach Europa war er sieben Jahre in Israels Hightechbranche tätig, war im Produktmanagement tätig, unterstützte den Aufbau neuer Unternehmen und half, neue Einnahmequellen zu erschließen.
In Europa wollte er sich die hiesige way of life ansehen. Ihn interessierten aber zunehmend auch der Consulting-Bereich und die Start-up-Branche. Er entwickelte sich dabei dennoch in eine andere Richtung: Heute stehen NGOs und Start-ups im Sozialbereich, aber auch generell Unternehmen, die auf einer soliden Basis stehen wollen, bei ihm im Fokus. Ihnen möchte er mit Hilfe von Technologie helfen, sich langfristig selbst finanzieren und damit nachhaltig agieren zu können. „Oft ist es so, dass NGOs über Projektfinanzierungen arbeiten. Das heißt dann aber auch, dass ein Projekt nicht fortgeführt werden kann, wenn das Funding endet.“ Er trennte sich von Emarsys, wurde zunächst selbstständig und ist heute Partner der Consulting-Agentur freims.

»[In Israel] weiß rasch jeder alles über den anderen. Das mag manchmal grenzüberschreitend sein, dafür hilft man einander auch.«
Itai Gruenbaum

Für seine Tätigkeit bei Emarsys ist er im Rückblick dankbar, sie ermöglichte einen guten Start in Wien. Er hatte aber das Gefühl, dass das dort englischsprachige Umfeld auch seine Bemühungen torpedierte, gut Deutsch zu lernen und sich in die hiesige Gesellschaft zu integrieren. Er besuchte Deutschkurse und freut sich heute, es bis zur B1-Prüfung geschafft zu haben.
Er hatte zudem das Bedürfnis, die neue Sprache auch mehr in seinen Alltag integrieren zu wollen. So kam der Sport ins Spiel.
Im Kindesalter hatten seine Eltern ihn zum Judotraining geschickt. „Judo lehrt dich Disziplin, macht dich stärker, schult die Koordination und sorgt für Kondition. Judo macht dich aber auch mental stärker. Meine Eltern wollten, dass ich sportlicher und selbstbewusster werde. Mich hat der Sport insgesamt stärker gemacht.“
Das kam ihm bei seinem Armeedienst zugute. Dort war er zunächst Fallschirmspringer. Nach seiner Ausbildung zum Offizier arbeitete er als Verbindungsoffizier zu den palästinensischen Behörden. Dabei half, dass er gut Arabisch spricht. Dieses lernte er in der Schule. Zu Hause wurde es nicht gesprochen, obwohl seine Mutter – sie kam als 18-Jährige aus dem Irak nach Israel – arabischsprachig ist.
In Wien beschloss er, wieder mit dem Judotraining anzufangen, und suchte sich einen Verein. Dort wurde seinem Bedürfnis, auf ein Ziel hin zu trainieren, entsprochen. Was Gruenbaum an Österreich schätzt, dass es hier eine Wettbewerbskultur auch für über 30-Jährige gebe. Seit einigen Jahren nimmt er an den internationalen österreichischen Meisterschaften des Judoverbandes teil. 2019 errang er in der Klasse 40 bis 44 Jahre und bis 81 Kilo Platz eins. Das spornt den Kampfgeist auch für das heurige Jahr an.
Im Judoverein kam er aber auch mehr mit Deutsch Sprechenden in Kontakt als in seinem ersten Wiener Arbeitsumfeld. Man lerne eine Sprache nur gut, wenn man sie auch im Alltag anwende, ist er überzeugt. Im Verein freundete er sich aber auch mit einem syrischen Flüchtling an, der damals weder Deutsch noch Englisch, sondern nur Arabisch sprach. Inzwischen haben der Mann und seine Familie Asyl, und er arbeitet in seinem Beruf als Automechaniker.
Itai Gruenbaum erzählt, dass er gerne mit Menschen ins Gespräch kommt – auch über Israel. Syrer hätten allesamt von klein auf Israel als Feind vermittelt bekommen, so seine Erfahrung. Dann gebe es die einen, die sagen, wir sind in diesen Konflikt geboren worden, es ist aber nicht unser Konflikt und schon gar nicht, seitdem wir hier in Österreich ein neues Leben angefangen haben. Es gebe aber auch die anderen, die ihren Hass auf Israel weiter pflegen. Bei ihnen sehe er auch die Differenzierung zwischen Israel und Juden allgemein nicht.
Gerne würde Itai Gruenbaum ein positiveres Israel-Bild vermitteln. Er bedauert, dass sein Land nur dann in die Schlagzeilen komme, wenn es zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit Palästinensern komme. Das sei auch das Erste, worauf ihn Österreicher ansprechen würden. „Immer wieder werde ich von Menschen gefragt: Ich würde so gerne Urlaub in Israel machen, aber ist es nicht sehr gefährlich dort?“

Relaxtes Wien. Angesprochen darauf, dass es ja tatsächlich ein höheres Anschlagsrisiko in Israel gebe als in Österreich, meint Gruenbaum: Das stimme. Aber es komme auch darauf an, in welchem Teil Israels man sich aufhalte. Er meint allerdings, dass das wiederum ein gutes Beispiel dafür sei, wie mit zweierlei Maß gemessen werde, wenn es um Israel gehe. „Hier in Österreich kann sich keiner vorstellen, wie es ist, mit Raketen angegriffen zu werden.“ Vor dieser Gewalt fürchte man sich. Gleichzeitig werde Israel aber von vielen verurteilt, wenn es sich gegen solche Angriffe wehre.
Was Gruenbaum an Österreich schätzt, ist der gut ausgebaute Sozialstaat. Dinge wie den guten öffentlichen Verkehr, fünf Urlaubswochen, die Babykarenz würde er sich auch für Israel wünschen. Andererseits funktioniere hier vieles viel langsamer als in seiner Heimat: von der Lieferfrist für Möbeln bis hin zu Leistungen der Stadtverwaltung. Er ortet darin auch den Grund, dass viele Menschen hier in Bezug etwa auf den Wechsel eines Telekomanbieters recht träge seien. „Dinge sind teils zu kompliziert und dauern zu lange.“ Ideal wäre eine Mischung der Lebensweise in Österreich und Israel, meint er – und natürlich vermisst er das Meer und das gute Essen in Tel Aviv.
Anderes sieht er in Österreich ambivalent. Menschen seien hier relaxter – aber oft eben schon zu relaxt. Und: Es werde hier sehr viel Wert auf den Schutz der eigenen Privatsphäre gelegt. Das sei durchaus positiv, aber oft schon zu stark ausgeprägt – dann etwa, wenn selbst Nachbarn einander nicht kennen. „Das gibt es in Israel nicht. Dort weiß rasch jeder alles über den anderen. Das mag manchmal grenzüberschreitend sein, dafür hilft man einander auch.“
Itai Gruenbaum lebt observant – das sei in Israel leichter als in Österreich. „Wenn ich in Wien koscher leben möchte, muss ich strikter sein.“
In nicht allzu ferner Zukunft möchte Gruenbaum wieder zurück nach Israel gehen. Begleiten wird ihn seine Freundin, die er hier kennengelernt hat und die sich schon auf das Leben in Israel freue. Für sich mitnehmen möchte Itai Gruenbaum ein wenig von der „European way of life“, der europäischen Lebensweise. Die hat er ja zur Hälfte auch in seinen Genen: Sein Großvater väterlicherseits floh aus Deutschland vor den Nazis, von ihm hat er auch seinen Familiennamen. Seine Großmutter stammte aus Italien.

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