Büro mit Aussicht

Ein junger israelischer Unternehmer erfindet die Kibbuz-Erfahrung neu – diesmal in Kombination mit modernen Arbeitsplätzen für „Digital Nomades“.

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Café im Kibbuz (hier Bluma im Kfar Blum) oder im Garten mit Naturblick: mögliche Arbeitsstätten für Gather-Teilnehmer. © Almog Gurevich

Sie arbeiten überall und nirgends, auf Parkbänken, von zu Hause und in diversen Hotelzimmern im Ausland. Und in Tel Avivs Kaffeehäusern sind sie zu beinahe jeder Tageszeit mit ihren Laptops anzutreffen. Ebenso wie ihre internationalen Kollegen sind Israels digitale Nomaden auf keinen festen Arbeitsplatz angewiesen, sie brauchen nur ihren Computer, ein Handy und eventuell noch einen Internetzugang, um ihren Job zu machen.

Laut Wikipedia ist ein digitaler Nomade ein Unternehmer oder auch Arbeitnehmer, der fast ausschließlich digitale Technologien anwendet, um seine Arbeit zu verrichten, und zugleich ein eher ortsunabhängiges beziehungsweise multilokales Leben führt.

Omer Har-Shai, Mitgründer von Gather, ist selbst digitaler Nomade. © Almog Gurevich

So jemand wird auch als Internet-Nomade, Büro-Nomade oder urbaner Nomade bezeichnet. Es geht also um ein städtisches Phänomen, doch Omer Har-Shai, selbst so ein digitaler urbaner Nomade, hat beschlossen, seinesgleichen eine Erfahrung am Land zu ermöglichen und sozusagen aus den Stadtmäusen für jeweils einen Monat lang Landmäuse zu machen: „Ich war selbst monatelang im Ausland unterwegs und habe von dort meine Kunden betreut. In Tel Aviv habe ich dann von meinem Stammcafé oder von zu Hause gearbeitet“, erzählt der 30-jährige Unternehmer, der zuvor in Filmverleih, Marketing und Hightech tätig war. „Aber auf die Dauer war es doch irgendwie einsam und auch manchmal langweilig, und auch das viele Sitzen war unangenehm. Und man will ja auch Teil von etwas sein.“ In Südkorea war er erstmals auf die internationale Community der Urban Nomades gestoßen und hatte erlebt, dass das Arbeiten in der Gemeinschaft neue Kontakte und fruchtbare Interaktionen bringt, denn nach und nach schießen weltweit Initiativen wie Remote Year oder WiFi Tribe aus dem Boden, die diesem neuen Arbeitstrend gerecht werden wollen. Also suchte Har-Shai nach seiner Rückkehr nach einem Modell, das anderen Unternehmern, Bloggern, Designern, Hightechleuten und allen, die nicht an einen festen Arbeitsplatz gebunden sind, genau das in Israel bietet: eine neue Umgebung und die Vorteile, in einer Gemeinschaft arbeiten zu können. Wichtig war ihm dabei auch, dass es zum Ausgleich für die digitale Arbeit und das viele Sitzen auch handwerkliche oder körperliche Betätigungsfelder geben sollte.

»Bei Gather kann jeder seine Stunden frei einteilen
und sich aussuchen, ob, wo und wie viel
er sonst noch im Kibbuz
mitarbeiten will.«

Omer Har-Shai

Vormittags Programmierer, nachmittags Schäfer oder Tischler. Der Kibbuz bot sich da als ideale Infrastruktur an. Jede dieser etwa 270 ländlichen Gemeinschaftssiedlungen in Israel hat immer noch ihren legendären gemeinsamen Speisesaal, Landwirtschaft, einen Swimmingpool und andere Sportanlagen, ein kleines Café oder Pub, einen Mini Market sowie Wäscherei, Post und andere für das tägliche Leben nötige Einrichtungen. Die kleinen Wohneinheiten haben meist eine Kochmöglichkeit, Dusche und WC. Es ist also für alles gesorgt, und man muss sich kaum um tägliche Hausarbeiten und Erledigungen kümmern. Har-Shai wollte das Phänomen der Volontäre wiederbeleben, die in den 60er- und 70er-Jahren zu Tausenden aus aller Welt in die Kibbuzim kamen, um in der Landwirtschaft mitzuarbeiteten und diese spezielle Lebensweise kennenzulernen. Sie bekamen dafür Kost und Quartier und einen Einblick in den Kibbuz und in den jungen Staat. Das bedeutete, mit den Hühnern aufzustehen, um noch vor der großen Hitze die Arbeit auf den Feldern, auf den Orangenplantagen oder in den Lagerhäusern zu verrichten. Aber das war es wert, wenn man das Leben in diesen einzigartigen Gemeinschaften erfahren wollte. Damals kamen laut Har-Shai jährlich etwa 3.000 Volontäre in die Kibbuzim, heute sind es nur noch an die 500. Mit seinem Projekt Gather, der Name stammt von der englischen Übersetzung der Wortwurzel von „Kibbuz“, will Omer Har-Shai diese Erfahrung wiederbeleben und die Gegebenheiten der Kibbuzim nutzen, diesmal mit einem etwas anderen Konzept: „Jeder Kibbuz hat etwas Besonderes, ein pastorales Setting im Grünen oder in der Negev-Wüste.

Café im Kibbuz (hier Bluma im Kfar Blum) oder im Garten mit Naturblick: mögliche Arbeitsstätten für
Gather-Teilnehmer. © Almog Gurevich

Und bei Gather kann jeder seine Stunden frei einteilen und sich aussuchen, ob, wo und wie viel er sonst noch im Kibbuz mitarbeiten will.“ So kann man zum Beispiel morgens am Laptop recherchieren und dabei ins Grüne schauen und nachmittags Ziegen hüten oder sich in der Tischlerei nützlich machen. Oder man kann zeitig in der Früh Orangen ernten und dann bei Sonnenuntergang im Freien programmieren und dabei Gazellen oder Schafe vorbeiziehen sehen. Jeder Teilnehmer bestimmt selbst, in welchem Ausmaß er sich in den Kibbuzbetrieb einbringen will, dafür kostet der Aufenthalt an die 2.000 Dollar im Monat, inklusive Kost, Quartier, Office Space und Infrastruktur. Diese Ausgabe sollte, wie Har-Shai denkt, kein Hindernis sein: „Es gehen ja kaum Arbeitstage verloren, und die ‚Volontäre‘ können ihre Wohnungen inzwischen untervermieten und damit die Kosten wieder hereinbekommen.“

Bedingung für die Teilnahme an diesem Programm ist ein Aufenthalt von einem Monat, denn der Initiator will keine Touristen: „Es soll kein Urlaub sein, sondern es geht darum, die Arbeit im Job mit der Kibbuzerfahrung zu verbinden und dabei auch neue Kontakte zu schließen.“ Jeder potenzielle Teilnehmer muss einen Fragebogen ausfüllen und ein kurzes Aufnahmegespräch führen, damit gewährleistet ist, dass er in das Konzept und in die Gruppe passt.

Kfar Blum. In dem wunderschönen Kibbuz im Norden, an den Ufern des Jordan, startet im Dezember der erste Durchgang für eine neue Generation von digitalen Nomaden. © Almog Gurevich

Im Dezember geht der erste Durchgang mit 25 Teilnehmern in Kfar Blum los, einem wunderschönen Kibbuz im Norden, an den Ufern des Jordan. Im Januar startet dann eine Gruppe in Tuval in Galiläa, laut Har-Shai ein junger, ruhiger und pastoraler Ort, an dem auch viele Künstler wohnen. Im Februar soll es dann in die Arava im Süden des Landes gehen. Der junge Unternehmer ist mit vierzig weiteren Kibbuzim in Verhandlungen: „Jeder Kibbuz ist eine Welt für sich, und alle sind sehr interessiert und positiv, denn viele vermissen die Volontäre, die ein spezielles internationales Flair in die Kibbuz­atmosphäre gebracht haben. Aber es ist nicht immer einfach, denn nicht alle haben die passenden Zimmer und Facilities.“ Neben dem Logis und dem gemeinsamen Büroraum will Har-Shai auch sportliche Aktivitäten, Ausflüge und Treffen mit den Kibbuznikim, den Einwohnern des jeweiligen Kibbuz, anbieten. Und sollte jemandem das Landleben doch zu viel werden, gibt es ja immer noch die Möglichkeit, kurz zum Shopping oder zur nächsten Party nach Tel Aviv zu pendeln …

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