„Burlesque gibt Kraft und Selbstbewusstsein“

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1968

Sie ist die quirrligste und aufregendste amerikanische Sopranistin, die derzeit in Wien lebt und arbeitet. Rebecca Greenstein schafft den  schwierigen Spagat zwischen Oper und Burlesque, Musical und musikalischer Nachwuchsförderung. Im Gespräch mit Angela Heide erzählt sie über ihren Weg von Texas nach Wien.

wina: Wo wurden Sie geboren, und wie begann Ihre künstlerische Laufbahn?

❙ Rebecca Greenstein: Ich wurde in einem sehr kleinen Ort in Texas geboren, von dort sind wir dann in einen anderen kleinen Ort in Texas gezogen sind, eine Stadt mit knapp 2.500 Menschen. Nach meinem Highschool-Abschluss bin ich dann nach Paris – Texas, dort lebten immerhin schon 25.000 Menschen, um dort das Junior College zu besuchen, für das ich nicht weniger als fünf Scholarships hatte. Unter anderem für meine Band und für den Chor, aber auch für Biologie und eines vom College selbst, um überhaupt kommen zu können.

Sind so viele Stipendien nicht ungewöhnlich?

❙  Ja, aber ich bin schon mit drei Jahren zum ersten Mal auf der Bühne gestanden, als „Gretl“ in The Sound of Music, habe seit meinem 14. Lebensjahr gearbeitet, unter anderem in sozialen Einrichtungen unserer Stadt, so dass ich auch von dieser ein Stipendium erhielt; und ich war in der Schule sehr gut gewesen. Ich habe aber auch ein Talent, meine Arbeit und mich gut zu präsentieren.

„Es gab bei uns zu Hause nie eine Form der religiösen oder sonstigen Ausgrenzung.“

Sie wussten also schon sehr früh, dass Ihr Lebensweg in der Musik liegt?

❙ Ich denke ja. Schon meine Mutter war Sängerin gewesen, wurde dann aber Lehrerin. Und ich wollte unbedingt auch Sängerin werden, weil meine Mutter diese Karriere für die Familie aufgegeben hatte. Mein Vater war ebenfalls Lehrer – aber auch Interior Designer. Beide haben mehrere Instrumente gespielt und gesungen, und meine Mutter leitete den Kinderchor meiner Heimatstadt. Ich erinnere mich, dass ich dort schon mit drei Jahren den Kanon Dona nobis pacem mitsingen musste. Und was bei uns auch ganz besonders war: Wir haben wirklich alle Feiertage gefeiert, das heißt, wir haben zu Chanukka ebenso gesungen wie zu Weihnachten, und es gab nie eine Form der religiösen oder sonstigen Ausgrenzung, der Erwartungen oder des Karrieredruckes auf mich. Meine Mutter war einfach immer nur glücklich, dass ich glücklich bin … Meine Schwester hatte es da um einiges schwerer.

Konnten Sie sich am College bereits im Gesangsfach spezialisieren?

❙ Es war so, dass ich tatsächlich die doppelte Anzahl an Stunden meines Vollstudiums absolviert habe, denn ich musste sowohl für alle fünf Scholarships die jeweiligen Prüfungen ablegen, aber auch die normalen Pflichtfächer absolvieren – und natürlich habe ich sofort auf dem College mit zahlreichen Auditions begonnen. Das gehörte ebenfalls zu den Pflichten als Stipendiatin und war eine herrliche Übung in allen Bereichen: singen, tanzen, spielen …

Was war Ihre erste Audition?

❙ Das war für Carousel  ! Und tatsächlich wurde ich als Zweitbesetzung für die weibliche Hauptrolle ausgewählt und war natürlich bei allen Proben dabei – von da an wusste ich: Das ist es! Das will ich machen!

Wohin hat es Sie dann gezogen?

❙ Von Paris, Texas, ging es mit 20 Jahren nach San Marcos, Texas, eine kleine Stadt, die zwischen Austin im Norden und San Antonio im Süden liegt, und an die heutige Texas State University. An der Universität musste man sich für ein Stipendium entscheiden, ich musste also zwischen einer Musik- und einer Theater-Scholarship wählen und habe mich für die Musik entschieden. Es ist härter, vom Theater zur Musik zu wechseln, und fast genauso hart ist es, vom Musical zur Oper zu wechseln. Also hat mir mein Studienberater, der auch für die Stipendienvergabe verantwortlich war, den klugen Tipp gegeben: „Sag nie, dass du Musical machen willst, sondern immer, dass du Oper machen willst. Dann bekommst du die besten Lehrer.“ Und da ich das Junior College statt der normalen zwei Jahre drei Jahre besucht hatte, akzeptierte die Universtität alle bereits dort absolvierten Prüfungen zur Gänze, und so konnte ich mich hier nun wirklich gänzlich auf meine Musikausbildung konzentrieren. Ich habe in den folgenden drei Jahren wirklich alles gelernt: von Theatergeschichte über Operngesang und Schauspiel bis Regie. Am Ende hatte ich einen „Abschluss in Musiktheater mit einem Schwerpunkt in Gesang“. Eigentlich zwei volle Universitätsabschlüsse!

„Wenn ich nur guten Gesang hören will, kann ich auch ins Konzert gehen.“

Fühlten Sie sich damals immer noch dem Musiktheater näher als der Oper?

❙ Mir war von Anfang an klar, dass ich Oper nur machen würde, wenn sie neu und für die Themen unserer Zeit relevant sein würde. Die Oper war in den 1980er- und 1990er-Jahren in einer sonderbaren Situation: Mit wenigen Ausnahmen, wie etwa die wunderbare Beverly Sills, machten die meisten SängerInnen das, was wir „park and bark“ nennen, also sich ohne jede schauspielerische Ambition auf der Bühne „aufstellen“ und singen. Das wollte ich nie!

Führte der nächste Schritt also zum Musical?

❙ Nach ein paar Monaten zu Hause in Paris, Texas, zog ich nach Austin, Texas, und arbeitete in den folgenden zwei Jahren hauptsächlich für die Violet Crown Players. Meine erste Rolle hatte ich in einer Musical Comedy, die hier wohl kaum bekannt sein wird, in den USA aber sehr populär ist: Dracula – A Musical Nightmare! Daneben spielte ich noch für weitere Companys, unter anderem in Westside Story und Oklahoma. Tagsüber arbeitete ich aber auch in anderen Funktionen, etwa als Kulturmanagerin und Art Consultant für ein Galerie. Und dank dieses Jobs bin ich dann auch am 31. Mai 2001 nach New York gekommen.

Sie hatten von Jugend an immer parallel mehrere Jobs gehabt – auch in New York?

❙ Ja. In Amerika ist das Gewerkschaftssystem nämlich derart streng, dass es in vielen Fällen besser ist, wenn man langsam Punkte für die volle Mitgliedschaft bei der Union sammelt und erst in New York dann ein volles Mitglied wird. Bis dahin hat man nämlich noch die Freiheit, auch Engagements anzunehmen, die keine gewerkschaftliche Absicherung haben, einem aber Spaß machen; ist man einmal volles Mitglied, kann man diese Jobs kaum noch annehmen. So aber konnte ich auch größere Rollen spielen, die mir Freude bereiteten, und hatte durch den festen Tagesjob die existenzielle Absicherung, die mir bis heute wesentlich ist.

Können Sie sich an Ihre erste Audition in New York erinnern?

❙ Oh ja! Es war gleich im Sommer 2001, und es wurde für eine lokale Show in Queens, wo ich lebte, gecastet. Ich wurde zur ersten Runde eingeladen, ich wurde zur zweiten Runde eingeladen – und dann hieß es plötzlich: „Bitte kommen Sie morgen zur Step-Audition!“ Steppen! Von allen Dingen hatte ich das nicht gelernt. Ich habe einfach nicht das Talent dazu. Und warum sollte ich auch als Opernsängerin steppen? Aber ich sagte ja, und am nächsten Tag absolvierte ich tapfer in der Gruppe die Audition – und bekam eine recht kleine Rolle, bei der ich singen und spielen konnte und mir keine Gedanken über das Steppen machen musste. Und dann war der „September 11“ …

Inwieweit hat dieser Tag Sie verändert?

Oper burlesque. Mit ihrer eigene Kompanie L’Opera Burlesque ist Greenstein heute auf dem Erfolgskurs.
Oper burlesque. Mit ihrer eigene Kompanie L’Opera Burlesque ist Greenstein heute auf dem Erfolgskurs.

❙ Ich wohnte in Flushing, Queens, und das bedeutete täglich eine Stunde Fahrt bis zu Sea Port, zirka sechs Blocks entfernt vom World Trade Center, wo die Galerie war, für die ich arbeitete. Am 11. September 2001 hatte ich meinen freien Tag, und so war es mein Boss, der gerade aus der U-Bahn stieg, als das erste Flugzeug einschlug. Er war so klug, ganz rasch wegzulaufen, und konnte dann auch einer Reihe von Menschen Schutz in seiner Galerie anbieten. Währenddessen rief mich meine Schwester an, ich hatte ja noch geschlafen, und von da an verfolgte ich wie alle anderen die Ereignissen auf dem Fernseher. Zuerst dachten wir alle ja, dass es ein schrecklicher Unfall wäre …

Als klar war, dass es sich um ein Attentat handelte, versuchte ich sofort, meinen Boss in der Galerie zu erreichen. Und in den folgenden Stunden fungierte ich quasi als Informationskette, denn ich rief nach der Reihe zahllose Personen an, um ihnen mitzuteilen, dass ihre Familienmitglieder in der Galerie und in Sicherheit seien. Es brannte bis Oktober … Wir selbst konnten für zwei Wochen nicht mehr in die Galerie. Und dann gab es keine Kunden mehr – wer kauft nach so einem Ereignis schon Kunst? Das heißt, wir arbeiteten noch bis Dezember und mussten die Galerie dann schließen.

Und Ihre künstlerische Arbeit?

❙ Ich hörte auf zu singen. Für mich bedeuteten die kommenden Monate, ja, zwei Jahre: überleben! Ich nahm jeden Job an, den es gab, Sekretärin, Buchhalterin, alles, um einfach nur meine Miete zahlen zu können. Ich glaube, es war 2003, als ich zum ersten Mal wieder an Musik dachte; und 2004 begann ich für ein riesiges Unternehmen in der Bauindustrie zu arbeiten, vorerst nur vorübergehend, doch daraus wurden zehn Jahre – bis ich 2014 nach Wien gezogen bin. Und mit diesem festen Job nach so langer Zeit hatte ich auch wieder die Kraft, an meine Musikkarriere zu denken. 2006 erhielt ich diese unglaubliche Chance, am Dicapo Opera Theatre in Susannah von Carlisle Floyd aufzutreten, ein ganz fantastisches Musikdrama, das in Amerika zu den meistgespielten Werken des 20. Jahrhunderts zählt. Zuerst war es nur im Chor, doch von da an ging es bergauf und ich habe an diesem kleinen New Yorker Theater wirklich eine ernstzunehmene Gesangskarriere beginnen dürfen. Dafür bin ich heute unendlich dankbar. 2007 folgte Der Schauspieldirektor, und der Regisseur versetzte die Handlung in die Dreißigerjahre und machte aus Mozarts „Madame Goldentrill“ eine Burlesque-Rolle, „Fifi La-Fleu“! Mir war richtig schlecht bei dieser ersten Begegnung mit dieser Kunstform – und ich spielte dennoch. Und wurde schrecklich krank und musste monatelang ausscheiden. Mein Immunsystem hat richtiggehend revoltiert. Und dann kam die Euphorie! Und das Wissen, dass das mein Weg ist – Oper und Burlesque zu vereinen.

Was ist für Sie die Kunst der Burlesque?

❙ Das Verständnis von Burlesque hat sich in den letzten Jahren stark verändert, und es gibt eine Reihe von unterschiedlichen Ausprägungen. Für mich ist es eine wunderbare alte Kunstform, vor allem mit den herrlichen Vintagekostümen, den riesigen Fächern, den herabfallenden Perlengehängen, den zahllosen exquisiten Schichten, die man offenbart, den Highheels – und es ist eine Kunstform, die absolut „empowering“ ist, Kraft gibt und Selbstbewusstsein. Und das jeder Frau!

Wann haben Sie Ihre erste eigene Produktion realisiert?

❙ Im Sommer 2008, während die meisten KollegInnen auf internationalen Workshop-Programmen waren, habe ich meine erste eigene Produktion auf die Beine gestellt: Don Giovanni. Es war zugleich eine Produktion und ein New Yorker Sommer-Workshop, aber wir haben nichts verlangt, und es waren so viele Anmeldungen, dass wir die Oper in zwei unterschiedlichen Casts produzieren konnten. Und bei den Aufführungen wurden wir bereits in der Pause gefragt: Wann kommt eure nächste Produktion heraus? Wir waren einfach junge KünstlerInnen, die ihre Stimmen präsentieren wollten. Und so begann das Opera Manhatten Repertory Theater, mit dem ich jungen NachwuchskünstlerInnen die Chance gebe, Rollen einzustudieren und zu singen. Denn in Amerika bekommt man keine Rolle, wenn man sie noch nicht gesungen hat. Das heißt, bei uns konnten die SängerInnen Rollen singen und so ihre Chance erhöhen, bei Auditions Erfolg zu haben. Das waren also meine nächsten zwei Jahre: Tagesjob, eigene Gesangstätigkeit und Aufbau meines Nachwuchsprojekts. 2010 produzierte ich Erwartung, und aus dieser Arbeit entstand die Idee, mein eigenes Opernensemble aufzubauen, Opera Moderne. Und wieder ein Jahr später debütierte ich quasi mit einer ersten eigenen Opera burlesque – und zwar als Teil der Eröffnung der Ausstellung Beauty Contest im Austrian Cultural Forum of New York (ACFNY). Der kleine Veranstaltungssaal war zum Bersten voll,  die Menschen wollten wissen, wie sich Oper und Burlesque vereinen. Und es wurde ein Riesenerfolg!

Im Sommer desselben Jahres hatten Sie aber auch Ihre erste Show mit den Hotbox Girls?

❙ In diesem Jahr überschlugen sich die Dinge wirklich, ich hatte mit der Arbeit an L’Opera Burlesque begonnen, da riefen Green Productions die Hotbox Girls ins Leben, dann die Einladung des österreichischen Kulturforums …

„Wien wird in den kommenden Jahren mein Lebensmittelpunkt bleiben.“

2012/13 schließlich „Der Kaiser von Atlantis“ und Ihr Weg nach Wien.

❙ Ende 2012 wurde Der Kaiser von Atlantis von Viktor Ullmann als Produktion von Opera Moderne in der Bohemian National Hall des Czech Center in New York gezeigt. Regie führte Markus Kupferblum, mit dem uns Andreas Stadler, der damalige Leiter des ACFNY, zusammengeführt hatte. Der Erfolg war enorm, und ein Jahr später wurden wir mit dieser Produktion nach Wien eingeladen. Das hieß für mich, dass ich alle New Yorker Pläne fallen ließ und mich auf diese Produktion, die in der Sporthalle der Maria-Theresien-Kaserne zu sehen war, konzentrierte. Und an der Seite von Andreas Stadler bin ich dann auch in Wien geblieben.

Und wie sieht Ihr Leben in Wien heute aus?

❙ Am Tag unterrichte ich am International Business College, Mitte Oktober beginne ich an der I-Akademie mit dem Burlesque-Unterricht für ein breiteres Publikum, und parallel dazu baue ich weiter Opera Moderne und L’Opera Burlesque und die Hotbox-Girls-Show auf, für die ich in den kommenden Monaten kleinere wie größere Auftritte plane. Ich werde dann auch vermehrt zwischen den Städten pendeln, aber Wien wird in den kommenden Jahren mein Lebensmittelpunkt bleiben. Und ich freue mich sehr darüber.

ZUR PERSON
Rebecca Greenstein wurde in Texas geboren, wo sie auch studierte und zu arbeiten begann, ehe sie 2001 nach New York zog. Es folgten Engagements der Sopranistin an namhaften Opernhäusern, 2008 ihre erste eigene Produktion. Greenstein ist die Gründerin und Leiterin von Opera Modern, L’Opera Burlesque und der Hotbox-Girls-Show. Ab Oktober unterrichtet sie Burlesque-Tanz an der Wiener I-Akademie.

rebeccagreenstein.com loperaburlesque.com operamoderne.com hotboxgirls.com

© Rebecca Greenstein

1 KOMMENTAR

  1. Ich bin sehr stolz auf meine Schwester. Meine Berufung ist es, eine Mutter, GroBmutter, und eine Krankenschwester sein. Rebecca ist es, durchzufuhren. Ich liebe dich, Schwester! Xoxo

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