Die ideale Stimme für Beethovens Frauen

An der Wiener Staatsoper als zweifache Marzelline und mit einer Lieder-CD huldigt die israelische Sopranistin Chen Reiss dem Jahresregenten.

0
287
Chen Reiss. Zu ihrer Familie nach Tel Aviv fährt Reiss mindestens fünf Mal im Jahr und absolviert dort auch zahlreiche Konzerte. © Michael Poehn

Das durchsichtige Manöver, Adolf Hitler als Deutschen auszulagern, dafür aber Ludwig van Beethoven als Österreicher zu vereinnahmen, ist verständlich – aber vergeblich. Zumeist ist es ohnehin bitter und sarkastisch gemeint. Auch wenn der Humanist und feurige Verfechter der Aufklärung 35 Jahre seines nur 57 Jahre währenden Lebens als musikalisches Genie in Wien verbrachte, wurde er in Bonn, der Stadt am Rhein, geboren.
Er war Migrant in Wien, schlimmer noch: ein Arbeitsmigrant. Den Mann mit dem wuchtigen Haarschopf zog es 1792 knapp 22-jährig hierher, um bei Joseph Haydn in die Lehre zu gehen – und er blieb, der Arbeit und des Geldes wegen. Sein 250. Geburtstag wird heuer weltweit mit einem Marathon an Aufführungen und Einspielungen begangen. Zurecht, denn mit Beethovens Schöpfungen ging das Zeitalter der Wiener Klassik zu Ende: Er wurde zum musikalischen Revolutionär und zum Wegbereiter der Romantik. Das komponierende Genie war ein Perfektionist, er schrieb nicht für seine Zeitgenossen, sondern für die Nachwelt. Immer wieder feilte er an seinen Werken, überarbeitete und korrigierte die Partituren. Beethoven hat rund 240 Werke hinterlassen, darunter Sinfonien, Klavierkonzerte, Streichquartette und eine Oper. Die Nachwelt dankt es ihm: Beethoven gehört heute weltweit zu den meistgespielten Komponisten – nicht nur im Jubeljahr 2020.
So wundert es kaum, dass große Dirigenten wie Herbert von Karajan, Leonard Bernstein und jüngst auch Adam Fischer alle neun Sinfonien nicht nur live gespielt, sondern auf diversen Tonträgern verewigt haben. Die größten Pianisten von Artur Rubinstein über Alfred Brendel bis Daniel Barenboim brillierten mit der Interpretation von Beethovens großartigen Klavierwerken. Einer der besten Pianisten unserer Zeit, Igor Levit, hat 2019 alle 32 Klaviersonaten des schwerhörigen Meisters aufgenommen. Der russisch-jüdische Tastenzauberer fühlt sich nicht nur musikalisch, sondern auch zutiefst menschlich mit dem Komponisten seelenverwandt: „Er hatte die Ziele der Französischen Revolution verinnerlicht und setzte sich für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ein.“ Auch Levit, der in Hannover lebt, kommentiert das öffentliche und politische Geschehen laufend: Zuletzt verlieh ihm das Internationale Auschwitz-Komitee die höchste Auszeichnung für sein Engagement gegen Antisemitismus und rechtsextremen Hass.

Eine Israelin auf der musikalischen Weltbühne. Beethovens Kompositionen für den Chorgesang sind beliebt und berühmt. Aber trotz seiner zahlreichen Liebesaffären hat er nicht viel für Frauenstimmen geschrieben, sieht man von den großartigen Partien der Leonore und der Marzelline in seiner einzigen Oper Fidelio ab. „Beethovens musikalische Sprache ist einzigartig und unverwechselbar, denn er treibt die Sängerinnen und Sänger an ihre Grenzen, er fordert einen extremen Stimm­umfang mit drastischen Höhen und Tiefen“, erzählt die Sopranistin Chen Reiss, die sich für ihre neue CD mit Beethoven-Arien zwei Jahre intensiv mit dem Liederwerk des Meisters befasst hat. „Ein Liederzyklus und eine geheimnisvolle unnahbare Geliebte führten zu einer Explosion der Produktivität in Ludwig van Beethovens reiferen Schaffenszeit.“ Während die Streichquartette und Klavierstücke teilweise sehr früh noch in Bonn entstanden, komponierte er erst mit 46 Jahren, 1816 in Wien, seinen Liederzyklus, der auch zum ersten der Musikgeschichte wurde.
Die Israelin Chen Reiss hat den Titel ihrer CD sehr bewusst Die unsterbliche Geliebte (onyx) gewählt: „Ich fragte mich, ob vielleicht die Musik seine wirkliche unsterbliche Geliebte war? Sie hat ihn nie enttäuscht. Aber er hat immer wieder seine Musik starken Frauengestalten gewidmet.“ Reiss, die an der Wiener Staatsoper als Rosenkavalier-Sophie 2009 debütierte und seither zahlreiche große Partien gesungen hat, ist seit ihrer umfassenden Beethoven-Recherche von seinen Frauencharakteren fasziniert: „Sein Frauenbild unterscheidet sich sehr stark von Mozarts Typen. Sie sind viel progressiver, sitzen nicht zu Hause und kochen, sondern sind mutig und entschlossen wie Leonore in Fidelio, die sich in Gefahr begibt, um ihren Mann zu retten“, begeistert sich die Sopranistin. „Oder etwa Leonore Prohaska, die Frau aus Beethovens Schauspielmusik, die ja wirklich gelebt hat und in Männerkleidern in den Krieg gegen Napoleon gezogen ist. Sie starb beim Versuch, einen verwundeten Kameraden zu bergen.“ Die Bedeutung Beethovens – auch für sich – sieht die Künstlerin in seiner revolutionären Fortschrittlichkeit: „Er war seiner Zeit und seinen Zeitgenossen weit voraus, er gehörte nicht in die Epoche, in der er lebte.“
In der zu Ende gehenden Ära von Dominique Meyer singt Reiss bis zum Saisonende sowohl die Marzelline in der Urfassung des Fidelio (Leonore), die im Februar 2020 in einer Neuproduktion von Amélie Niemeyer Premiere hatte, wie auch in der Letztversion (die dritte). Diese wohl bekannteste Fassung in der Regie von Otto Schenk befindet sich bereits seit 1970 im Repertoire der Staatsoper und wurde von Reiss mehrfach gesungen, sie kommt im April unter dem Dirigat von Adam Fischer wieder. Die aktuelle Interpretation durch die deutsche Regisseurin wurde nicht gut aufgenommen, aber die Marzelline der Chen Reiss war laut Standard „glanzvoll“. Die Sängerin muss sich für die zwei unterschiedlichen Fassungen immer wieder umstellen. „Ein Stück, das man schon so oft gesungen hat, umzulernen, ist viel schwieriger, als neue Stücke zu lernen“, lacht die Mutter von Ariel (6) und Noa (4), die beide in London eingeschult werden, wo auch ihr Lebensmittelpunkt mit Ehemann Charles ist.

„Er [Beethoven] war seiner Zeit und seinen Zeitgenossen weit voraus, er gehörte nicht in die Epoche, in der er lebte.“ 
Chen Reiss

Nach Tel Aviv zu ihrer Familie fährt Reiss mindestens fünf Mal im Jahr, da absolviert sie auch zahlreiche Konzerte. „Das Abschiedskonzert von Zubin Mehta mit dem Israel Philharmonic Orchestra im Oktober 2019 war sehr emotional und berührend, denn Zubin ist auch für meinen internationalen Durchbruch verantwortlich.“ Mehta hatte ihr 2002 geraten, an der Bayerischen Staatsoper in München vorzusingen, da­raufhin bekam sie einen festen Dreijahresvertrag. Danach folgten Gastspiele an der Mailänder Scala, der Semperoper Dresden, der Deutschen Oper Berlin sowie an den Opernhäusern in Hamburg und Philadelphia. „Meine Mutter war selbst Opernsängerin und Gesangslehrerin. Mit 14 Jahren habe ich zu singen begonnen, damals habe ich schon längst Klavier gespielt.“ Erst für das Studium in New York verließ sie das beschützende Elternhaus, das ethnisch so bunt ist wie das ganze Land. „Meine Eltern wurden zwar schon in Israel geboren, aber meine Großeltern väterlicherseits kamen aus Ungarn, die Eltern meiner Mutter aus der Türkei und aus Syrien.“
Als Dominique Meyer sie 2010 als Nannetta in Verdis Falstaff am Théâtre des Champs-Elysées in Paris hörte, engagierte er sie sofort für seine erste Spielzeit. Und genau diese Partie wird sie auch bei der Abschiedsvorstellung des Direktors am 30. Juni an der Wiener Staatsoper singen. Bis dahin ist sie weltweit gut ausgelastet: „Ich bin glücklich, dass ich 2020 noch viel Beethoven singen werde, aber ich freue ich mich auf Alcina von Händel an der Semperoper in Dresden. Ich brauche die Balance zwischen Oper und Konzert. Ich liebe die sakrale Musik von Bach und Händel.“ Im Frühjahr 2020 wird Chen Reiss außer an der Wiener Staatsoper noch am Royal Opera House in London, in Dresden und in Rom auftreten. Mit dem Rotterdam Orchester unter seinem Chefdirigenten Lahav Shani und mit den Prager Philharmonikern unter der Leitung von Semjon Bytschkow arbeitet sie zum ersten Mal. In Nürnberg, Köln, Barcelona, Paris, Istanbul und Moskau wird sie ebenso singen wie beim Edinburgh und Richard Strauss Festival in Garmisch-Partenkirchen, wo Reiss auch eigene Meisterkurse abhalten wird.
Trotz dieses dichten Arbeitsprogramms findet Chen Reiss noch Zeit für den Verein der Freunde des Israel Philharmonic Orchestra in Österreich, den sie gemeinsam mit Joram Hess gegründet hat. „Heuer finanzieren wir zum Beispiel Instrumente und den Unterricht in zwei Schulen im Norden Israels, wo jüdische, arabische und christliche Kinder aus sozial schwachen Schichten keine Mittel dafür haben. Mitglieder des Orchesters kümmern sich um diese begabten Kinder, damit sie in dem politisch aufgeladenen Land friedlich miteinander leben und musizieren können.“
Dass Beethovens Musik auch ohne Text ein Kommentar, sogar ein Appell zur politischen Lage sein kann, zeigte der Pianist Igor Levit. Bei der populären Konzertreihe Night of the Proms in London spielte er 2016, im Jahr des Brexit-Referendums, eine Klavierversion der Ode an die Freude, die seit 1972 auch Europa-Hymne ist.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

*

code