„Die Vergangenheit hat mich gedichtet …“

Zum 120. Geburtstag von Rose Ausländer am 11. Mai – eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerin der Nachkriegszeit.

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Rose Ausländer beschrieb sich selbst als Zigeunerin und ihre Heimatlosigkeit als selbstgewähltes Symbol des eigenen Lebens. © dpa / picturedesk.com

Es war ein langer, ruheloser Weg vom Geburtsort im beschaulichen Czernowitz 1901 bis zur ewigen Ruhestätte am jüdischen Friedhof von Düsseldorf 1988. Fast prophetisch scheint es, als ob ihr Nachname Ausländer schon der Programmtitel ihres Lebens sein würde. Eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerin der Nachkriegszeit beschrieb sich als Zigeunerin und ihre Heimatlosigkeit als selbstgewähltes Symbol des eigenen Lebens. In keiner der Städte, in denen sie lebte, richtete sie sich eine Wohnung ein, lebte bis auf die letzten Jahre immer in Pensionen und aus dem Koffer.

Mein Vaterland ist tot
sie haben es begraben
im Feuer
Ich lebe
In meinem Mutterland
Wort.

Rose Ausländer erträgt ihr Leben nur im Wort, in der Sprache, die sie auf ihrem entbehrungsreichen, unruhigen Lebensweg immer bei sich hat: Ähnlich wie der Czernowitzer Paul Clean, den sie 1944 im Ghetto der gemeinsamen Geburtsstadt kennenlernt, lautet auch ihr Motto: Schreiben ist Leben. Überleben. Das Schreiben ist für sie eine Strategie der Auseinandersetzung mit ihrer persönlichen Geschichte, der Bewältigung ihrer dramatischen Erlebnisse in der Schoah, verbunden mit dem unwiederbringlichen Verlust ihrer Heimat.
Die Melancholie wird zum heimeligen Ersatz: Alles, was sie erlebt, was sie mit ihren Sinnen und ihrem Intellekt erfasst, wird zu Dichtung, die sie als Dialog mit dem Leser versteht. „Ich schreibe für mich, aber publiziere für Leser. Und deren Echo ist Sonnenschein für mich, ohne den ich vielleicht nicht wachsen könnte.“ Doch sie ergibt sich nicht der Hoffnungslosigkeit, sondern schöpft immer wieder Kraft durch die Natur. Nachstehend ein Aufruf, die Umwelt zu schützen, der nicht aktueller sein könnte:

Vergesset nicht
Freunde
wir reisen gemeinsam
besteigen Berge
pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden
Vergesset nicht
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilt
ach die geteilte
die uns aufblühen läßt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen

Immer wieder formuliert sie die zerbrechliche Struktur ihrer inneren und äußeren Welt. Auch die Phantasie hilft ihr, in einer durch Missachtung und Fremdbestimmung zerrissenen Existenz Halt zu geben.
Konkrete Vorzeichen für dieses rastlose und kreative Leben gab es keine: Am 11. Mai 1901 – vor genau 120 Jahren – wurde die spätere Rose Ausländer als Rosalie Beatrice Scherzer in der österreichisch-ungarischen Bukowina geboren. Ihr Vater Sigmund Scherzer kam aus einem chassidisch-orthodoxen Haus in Sadagora (hier führte Israel Friedmann ab 1842 als der Sadagorer Rebbe seinen chassidischen Hof), war Prokurist in einer Import-Export-Firma, wo er auch seine Frau kennenlernte. Die Scherzers waren liberal und kaisertreu, führten aber ein koscheres Zuhause. 1916 floh die Familie vor der zweiten russischen Besetzung der Stadt im Ersten Weltkrieg nach Budapest. Von dort zog Rosalie mit ihren Eltern weiter nach Wien und absolvierte die einjährige Handelsschule der Wiener Kaufmannschaft. Als sie 1920 in das nun rumänische Cernui zurückkehrte, trat sie eine Stelle in einer Rechtsanwaltskanzlei an. Nach einem zweijährigen Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie an der Universität Czernowitz wanderte sie 1921 zusammen mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer in die USA aus. Das Paar heiratete 1923 und trennte sich bereits Ende 1926. In Amerika publiziert sie ihre ersten Gedichte und arbeitet u. a. als Redakteurin, Sekretärin und Bankangestellte. Sie erhält die amerikanische Staatsbürgerschaft, verliert diese aber wieder nach dreijähriger Abwesenheit von den USA.

Rückblick
Schön der Mensch
Wer leugnets
Schön
Sein aufrechter Gang
Seine Augen geniale Maler
Sein Wortschatz
Gefühl aus Feuer und Eis
Helle und dunkle Gedanken
Helle und dunkle Absichten
Schön der Mensch
Wer leugnets
Sein Drang zu schaffen
Menschen zu schaffen
Menschen aus der Welt zu schaffen
Mit schönen Händen
Städte bauend
Häuser mit mächtigen Öfen
Wer leugnet
Dass der helle Menschenverstand stehnbleibt
Vor den mächtigen Öfen der schönen Menschen

Denn 1931 kehrte die Dichterin nach Czernowitz zurück, um die schwer erkrankte Mutter zu pflegen, Hier war sie als Lyrikerin, Journalistin, Übersetzerin und Englischlehrerin tätig. 1939 erschien durch die Vermittlung von Alfred Margul-Sperber ihr erster Gedichtband, Der Regenbogen. Von Freunden in den USA gedrängt, wegen der bedrohlichen politischen Situation in Europa nach New York zurückzukehren, reiste sie 1939 erneut ab, kehrte jedoch noch im selben Jahr nach Czernowitz zurück, weil es ihrer Mutter schlechter ging. Als Folge des Hitler-Stalin-Pakts besetzten im Juni 1940 sowjetische Truppen Czernowitz und die nördliche Bukowina. Rose Ausländer wurde als angebliche US-Spionin vom sowjetischen Inlandsgeheimdienst NKWD verhaftet, doch nach vier Monaten wieder entlassen. Sie arbeitete nun als Krankenschwester in einer Augenklinik.

1946 konnte Rose Ausländer als Vertriebene nach New York ausreisen. Dort arbeitete sie wieder als Fremdsprachenkorrespondentin und schrieb ihre Gedichte bis 1956 ausschließlich auf Englisch. 1957 traf sie Paul Celan in Paris wieder: Unter seinem Einfluss löste sie sich von ihrem klassisch-expressionistischen Ton und modernisierte ihren Stil – eine Entwicklung, die bereits in New York unter dem Eindruck der amerikanischen Moderne begonnen hatte. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion besetzten die mit Nazi-Deutschland verbündeten rumänischen Truppen Anfang Juli 1941 Czernowitz. Rose Ausländer wurde mit ihrer Mutter in das Ghetto der Stadt gesperrt und Rose zu schwerer Zwangsarbeit eingeteilt. Der Deportation aus dem Ghetto entging sie knapp und überlebte in einem Kellerversteck. Im Frühjahr 1944 marschierte die Rote Armee in Czernowitz ein, das nun wieder sowjetisch wurde, und befreite die wenigen überlebenden Juden.

MEIN ATEM
In meinen Tiefträumen
weint die Erde
Blut
Sterne lächeln
in meine Augen
Kommen Menschen
mit vielfarbnen Fragen
Geht zu Sokrates
antworte ich
Die Vergangenheit
hat mich gedichtet
ich habe
die Zukunft geerbt
Mein Atem heißt
Jetzt

Nach etlichen Kurzbesuchen in Europa zog Rose Ausländer 1964 nach Wien und 1965 nach Düsseldorf. Als Verfolgte des NS-Regimes bezog sie eine kleine Rente. Ihr zweiter Gedichtband Blinder Sommer (1965) war ihr literarischer Durchbruch und brachte ihr mehrere Auszeichnungen. Über 3.000 Gedichte hat sie verfasst; fast 2.400 sind publiziert und liegen u. a. in der Werkausgabe des Fischer Verlags vor. Ausländers Werk lässt sich in sechs große Kapitel einteilen, die alle eng mit der Biografie der Lyrikerin verknüpft sind: 1. die Gedichte über Bukowina, Kindheit und über das Verhältnis von Mutter und Tochter; 2. die Gedichte über das Judentum; 3. die Schoah-Gedichte; 4. die Exilgedichte 5. die Gedichte über Sprache als dichterisches Ausdrucksmittel, als Handwerk und als Heimat; 6. die Gedichte über die Liebe, das Altwerden und den Tod.

1972 zog sie in das Nelly-Sachs-Haus, das Altenheim der Jüdischen Gemeinde Düsseldorfs. Es war auch Rose Ausländer, die anregte, dass diese jüdische Einrichtung nach Nelly Sachs, ihrer Lyrik-Kollegin benannt wird. Im Spätsommer 1977 verschlechterte sich der Gesundheitszustand Rose Ausländers, so dass sie ihr Zimmer nicht mehr verließ und am 3. Januar 1988 starb. Der Nachlass ihrer Werke wird im Heinrich Heine Institut aufbewahrt.

Mutterlicht
Mai
mein Monat
da habe ich
meine Mutter geboren
Sie sang JA
zu mir
Maikäfer
tanzen noch immer
um ihr Licht
Als ich
aus der
Kindheit floh
erstickte
mein Glück
in der Fremde
Als ich
im Ghetto
erstarrte
erfror
mein Herz
im Kellerversteck
ich Überlebende
des Grauens
schreibe aus Worten
Leben

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