Diplomatie als Matchmaking

An der israelischen Botschaft in Wien möchte die neue stellvertretende Missionschefin Karmely Sommer möglichst viele verschiedene Menschen und Bereiche miteinander verbinden.

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Karmely Sommer wurde 1979 als Tochter irakischer Einwanderer in Israel geboren und studierte an der Tel Aviv Universität. Nach ihrem Masters Degree im Bereich Zellforschung und Immunologie begann sie ihre diplomatische Ausbildung. Von 2011 bis 2016 war sie am israelischen Generalkonsulat in Chicago tätig und danach drei Jahre lang im Außenministerium in Israel vor allem auf die Beziehungen des Amerikanischen Kongresses zu Israel fokussiert. Seit vergangenem Sommer ist sie stellvertretende Missionschefin an der Botschaft Israels in Wien. Karmely Sommer ist verheiratet und hat ein Kind. © Konrad Holzer

Menschen vernetzen, Kontakte herstellen, das macht Karmely Sommer offenbar mit Leidenschaft. Als „Zweiter Mann“ an der Botschaft sieht die junge Frau dazu auch reichlich Gelegenheit. Seit vergangenem Sommer ist sie mit dem neuen diplomatischen Team und ihrer Familie in Wien und selbst ein gutes Beispiel für das moderne Israel, wie sie zu Beginn des Gesprächs erzählt.
„Meine Eltern kamen 1951 aus dem Irak nach Israel. Meinen deutschen Namen verdanke ich meinem Mann, dessen Großeltern aus Europa stammten. Das ist die aschkenasische Seite. Ich bin also ein Beispiel dafür, wie sich in Israel alles zu einer Gesellschaft vermengt. Einwanderer halten sich anfangs eher an ihre Wurzeln, aber in der nächsten Generation löst sich das auf, und ich gehöre dieser israelischen Generation an.“
Dass sie nach ihren erfolgreichen Anfängen als Naturwissenschaftlerin im Bereich der Zellforschung und Immunologie in die Welt der Diplomatie wechselte, entspricht durchaus dem veränderten Zeitgeist, findet sie.
„Heutzutage fürchten sich Menschen nicht vor Veränderungen und probieren gern verschiedene Dinge aus. Ich war gerne Wissenschaftlerin, aber als ich mein Masterstudium beendet hatte, wollte ich etwas anderes machen und vor allem mit verschiedenen Menschen und Kulturen zu tun haben. In meinem Ausbildungsjahrgang des Auswärtigen Amtes in Israel gab es junge Leute aus den verschiedensten Berufen, und das sagt auch etwas über die Diplomatie heutzutage aus. Sie ist ein viel breiteres Feld geworden, weil es ganz andere Kommunikationsmöglichkeiten gibt. Diplomatie umfasst jetzt neben den traditionellen politischen und wirtschaftlichen Aufgaben auch kulturelle, akademische und wissenschaftliche Bereiche, und daher braucht man Leute mit verschiedenem beruflichen Background. Viele interessante internationale Projekte entwickeln sich gerade in der Verbindung verschiedener Felder.“
Da ist es wieder, ihr Zauberwort „building bridges“, das sie, die als Diplomatin auch ihre naturwissenschaftliche Vergangenheit „immer mit sich trägt“, so gerne benutzt.

»In Israel ist alles auch in der Kultur „Fusion“
von Tradition und Innovation,
alles ist East meeting West.«
Karmely Sommer

Kultur-Fusion. Auch in den Bereichen Kultur und Medien, für die sie an der Botschaft verantwortlich ist, sieht sie primär Möglichkeiten, Menschen zu verbinden, „weil man ja mit der Sprache der Kultur Dialoge schaffen kann, durch Tanz, Film oder Literatur, vor allem, wenn man aus Israel kommt, das ja ein so diverses Land ist. Da ist alles auch in der Kultur Fusion von Tradition und Innovation, alles ist East meeting West. Deshalb hat Israel auch kulturell sehr viel zu bieten, und gerade mit einer so reichen Kulturmetropole wie Wien gibt es großartige Chancen der Zusammenarbeit. Viele Künstlerinnen und Künstler kommen aus verschiedenen Anlässen von Österreich nach Israel und viele Israelis zu Events und Festivals hierher. Für mich ist es ein großes Privileg, an diesem Austausch teilzuhaben.“
Dass die israelische Kultur der Gegenwart nicht unbedingt eine jüdische sein muss, ist ihr wohl bewusst, doch beide stammen, so meint sie, „aus derselben Familie. Die jüdische Kultur ist in mancher Hinsicht traditioneller und die israelische Kultur natürlich jünger und etwas lebendiger, aber viel davon hat seine Wurzeln in der jüdischen Kultur, und beide passen gut zusammen.“
Das Jüdische betreffend kommen die Kontakte zur jüdischen Gemeinde und den zionistischen Organisationen zur Sprache, hier bringt Sommer aus ihrem vorigen Engagement am Konsulat in Chicago gute Erfahrungen mit. „Dort gibt es eine sehr starke, einflussreiche jüdische Gemeinde, vielleicht etwas größer“, lacht sie, denn diese hat schließlich hunderttausende Mitglieder. „In der Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden fühlt man sich überall zu Hause und hat immer einen Partner vor Ort, obwohl man natürlich als Botschaft eine eigene Identität und eigene Ziele hat. In der kurzen Zeit, in der ich hier bin, habe ich schon gesehen, dass es hier eine kleine, aber sehr aktive, lebendige Gemeinde gibt, mit der wir viel gemeinsam haben, und das beruht auf Gegenseitigkeit. Es ist unglaublich, wie viele Aktivitäten es hier gibt.“

Beziehungen zu pflegen, das ist quasi das Kerngeschäft der Diplomatie, und gerade deshalb ist Karmely Sommer mit besonderem Engagement dabei.
„Auch dank der hervorragenden Arbeit unserer Vorgängerinnen sind die Beziehungen beider Länder sowohl auf politischer wie auch auf sozialer Ebene auf hohem Niveau, wir wollen es noch anheben. Einzelne Projekte werden wir fortsetzen, zudem die Zusammenarbeit in ökonomischen, wissenschaftlichen und akademischen Projekten verstärkt fördern, da gibt es auf beiden Seiten großes Interesse und viel guten Willen. Israel kann auf diesen Gebieten als Start-up-Nation besonders viel anbieten, und auch die wirtschaftliche Kraft Österreichs ist stark.“ Dabei soll, so will es auch Botschafter Mordechai Rodgold, vor allem in die junge Generation investiert werden.
„Den Austausch von jungen Leuten, das gegenseitige Kennenlernen halten wir für ganz wichtig. Junge Menschen beider Staaten miteinander zu vernetzen, in akademischen, ökonomischen und wirtschaftlichen Bereichen, gerade darum wollen wir uns bemühen. Natürlich gibt es zwischen Österreich und Israel eine Geschichte, derer wir uns immer bewusst sind, Erinnerungen sollen wach gehalten und der Antisemitismus bekämpft werden, aber trotzdem müssen wir in die Zukunft beider Staaten blicken.“
Doch auch, was die Gegenwart und insbesondere das Image Israels in den Medien hierzulande betrifft, zeigt sich Sommer durchaus optimistisch.
„Wir haben gute Beziehungen zu den Pressestellen und hatten Meetings mit Herausgebern, Journalisten und den außenpolitischen Ressorts, doch das Interesse an Israel beschränkt sich nicht auf Politik, viele Artikel beziehen sich z. B. auf Hightech, Kultur etc., und wir möchten unsere Sichtweise auf jedes Thema einbringen. Wenn wir finden, dass Dinge aus dem Zusammenhang gerissen dargestellt werden, können wir darauf aufmerksam machen. Seit ich da bin, habe ich die Berichterstattung im Großen und Ganzen als sehr ausgeglichen empfunden, und ich würde das nicht in jedem Land sagen. Manchmal kann die Medienarbeit etwas herausfordernd sein, doch weil wir gute Kommunikationsmöglichkeiten haben, gelingt es uns meist, unsere Seite darzustellen. Natürlich gibt es auch Israelkritik, die wir nicht immer mögen, aber ich beobachte die Bereitschaft zuzuhören. In Zeiten der Social Media ist auch die Öffentlichkeit informierter geworden.“
So manche potenziellen Konflikte in den bilateralen Beziehungen haben sich durch den Regierungswechsel wohl deutlich entspannt, und so streut die Diplomatin auch dem offiziellen Österreich nur Rosen. „Sogar im Regierungsprogramm wird die Beziehung zu Israel besonders erwähnt und wie sich diese in internationalen Gremien niederschlagen soll. Österreich ist in internationalen Foren führend, was die Themen Kampf gegen Antisemitismus und das Verhältnis zu Israel betrifft. Ich beobachte zurzeit überhaupt sehr viel guten Willen auch in der ökonomischen und wissenschaftlichen Zusammenarbeit.“
Wahlen und Regierungswechsel im eigenen Land betrachtet Sommer naturgemäß diplomatisch. „Diplomaten repräsentieren die Regierung und auch die Gesellschaft ihres Landes, und die wünscht sich vor allem eine Regierung. Jede Regierung wird das Beste für Israel wollen.“
Abschließend kommt sie nochmals auf ihre berufliche Mission, die gleichzeitig ihre persönliche Leidenschaft ist, zu sprechen, das Matchmaking: „Ich sehe die Aufgabe einer Botschaft darin, Verbindungen zu schaffen, Menschen zu vernetzen, die verschiedenen Bedürfnisse zu erkennen und to make the match. Es ist wunderbar zu sehen, wie diese richtigen Verbindungen, die ohne einen nie zustande gekommen wären, Früchte tragen. Das ist ein großartiges Gefühl!“

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