Dora und Anna. Ein zeitloses Leben.

Die außergewöhnliche Lebensgeschichte von Dora und Anna Kallmus wird von der Kulturpublizistin Eva Geber anhand der Tagebücher und Aufzeichnungen von Dora, die als die Fotografin Madame D’Ora berühmt wurde, im Buch Madame D’Ora – Tagebücher nacherzählt.

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EVA GEBER ist Grafikerin, Autorin, Kulturpublizistin 35 Jahre AUF-Redaktion, Mitglied der Grazer AutorInnenversammlung, 2009 Wiener Frauenpreis, 2013 Anerkennung Bruno Kreisky Preis für das politische Buch Der Typus der kämpfenden Frau, 2018 Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien, 2021 Theodor Kramer Preis. © Archiv Setzer-Tschiedel / Imagno / picturedesk.com

Mâcon und Lalouvesc sind zwei bezaubernde französische Kleinstädte etwa vierhundert Kilometer südlich von Paris entfernt. Diese Entfernung zu Paris war für die berühmte Fotografin Dora Kallmus, bekannt unter ihrem Künstlernamen Madame D’Ora, lebensrettend, als 1940 die Nationalsozialisten in Paris einmarschierten und den Norden Frankreichs besetzten. Sie verkaufte augenblicklich ihr Atelier an die Enkel des Dramatikers Tristan Bernard, arbeitete allerdings noch dort bis zur großen Razzia im Juli 1942. Danach flüchtet sie, damals 61 Jahre alt, mit einer jüdischen Mitarbeiterin aus ihrem Atelier vor den deutschen Besatzern in die Zone Libre. Mâcon hat eine imposante Brücke über die Saône, den Pont Saint-Laurent, dessen Steinbögen sich im Fluss malerisch spiegeln. Dora beschreibt die Stadt und die Brücke in ihrem Tagebuch und vermerkt an einer Stelle humorvoll: „Auf ihr, da krabbelt eine Mücke zu Rad, die andere geht zu Fuß.“ Sie schreibt aber auch, dass sie sich schämt, an einem so schönen Ort zu sein, an dem es ihr gut geht, während gleichzeitig ihrer Schwester Anna in Wien die Deportierung droht. Dora bemühte sich von Paris aus, ein Visum für die geliebte Schwester zu bekommen. Wie auch schon in Wien, kannte Dora in Paris sehr einflussreiche Menschen. Sie wandte sich an ihren Freund und Modeschöpfer Cristobal Balenciaga, durch seine Kontakte doch noch ein Visum zur Ausreise zu bekommen. Als dann im März 1943 tatsächlich zwei Visa für beide Schwestern nach Spanien ausgestellt werden, kommt die Die Rettung für Anna zu spät. „Und der Schmerz um Anna entzündet die Wunde“, schreibt Dora. Als die deutschen Truppen 1942 in Mâcon einrückten, flüchtete Dora weiter südlich nach Lalouvesc. Sie wohnte dort bei einer Familie, die ihr Unterkunft gab. Aus Dankbarkeit und vielleicht auch aus Langeweile flickte sie deren Wäsche. In Lalouvesc lebte Dora bis Ende 1946 unter ständiger Gefahr, verhaftet zu werden und in ein Lager zu kommen.

 

»Ablehnung gegenüber einer Frau halte
ich nicht aus, und deswegen
habe ich begonnen, mehr
darüber herauszufinden.«
Eva Geber

 

Die Lebensgeschichte der beiden Frauen, Dora und Anna Kallmus, hat jetzt Eva Geber anhand der Tagebücher und Aufzeichnungen von Dora im Buch Madame D’Ora – Tagebücher aus dem Exil herausgegeben. Schon 1992 hat Eva Geber über Dora Kallmus in Die Frauen Wiens geschrieben. Damals lernte sie Monika Faber vom Wiener Photoinstitut Bonartes kennen, die bereits einen umfangreichen Bildband über Madame D’Ora herausgegeben hatte.Aber den Entschluss, das nun erschienene Buch zu schreiben, hat Eva Geber 2018 nach dem Besuch einer großen Ausstellung im Leopold

Madame D’Ora,< hier auf einem Selbstbildnis aus dem Jahr 1929, zählte zu den bekanntesten Fotograf:innen ihrer Zeit. © Archiv Setzer-Tschiedel / Imagno / picturedesk.com

Museum über das Werk von Madame D’Ora gefasst. Bei dieser Ausstellung gab es auf Tafeln verschiedene Zitate von Dora, die als Quellenangabe auf die Tagebücher und Aufzeichnungen hinwiesen. Vermerkt war auch, dass Dora diese Texte veröffentlichen wollte, aber abgelehnt wurde. „Ablehnung gegenüber einer Frau halte ich nicht aus, und deswegen habe ich begonnen, mehr darüber herauszufinden.“ Anfänglich wusste Eva Geber nicht, dass Dora eine Schwester hatte, mit der sie sehr eng verbunden war. Anna war vier Jahre älter als Dora und lebte ein zurückgezogenes Leben in Frohnleiten bei Graz. Warum Anna ein Haus in Frohnleiten kaufte, um dort zu leben, ist bis heute nicht geklärt. Vielleicht war es die Haushälterin von Arthur Schnitzler, die mit Anna befreundet war und ihr diesen Hauskauf empfahl. Für beide Schwestern war die „Villa Doranna“ in Frohnleiten ein Rückzugsort und eine Möglichkeit für Dora, sich von ihrer intensiven Arbeit zu erholen. Die Schwestern wuchsen Ende des 19. Jahrhunderts als Töchter eines bekannten Rechtsanwalts in wohlhabenden Verhältnissen in Wien auf und wurden nach dem Tod der Mutter von englischen und französischen Gouvernanten erzogen. Dora wollte Fotografin werden und ging 1907 nach Berlin, um Fotografie bei Nikolaus Perscheid zu lernen. Für Dora war diese Ausbildung prägend, so schreibt sie, „Perscheid, das war für die Ewigkeit.“

»Auf ihr, da krabbelt eine Mücke zu Rad,
die andere geht zu Fuß.«
Dora Kallmus

Zurück in Wien eröffnete Dora ihr erstes Atelier und kam bei der Wiener Gesellschaft als Fotografin sehr schnell in Mode. Doch bald wird Dora Wien zu eng und sie übersiedelt 1925 nach Paris, wo sie ebenso erfolgreich in ihrem Atelier bekannte Persönlichkeiten fotografiert. Dora und Anna hatten ein besonders enges Verhältnis. Aus dem Briefwechsel zwischen den Schwestern liest man, wie unglücklich Dora war, wenn sie ein paar Tage nichts von Anna hörte. Der rege Briefwechsel zwischen den Schwestern wurde besonders intensiv, als Anna das Haus in Frohnleiten durch Arisierung verloren hatte und aufgrund der Ausweisung aller Juden aus der Steiermark nach Wien in ihre Wohnung im 5. Bezirk mit einem Geschwisterpaar zog. Dieses Zusammenleben war für die an Einsamkeit gewöhnte Anna nicht leicht zu ertragen. Sie hoffte mit dem Erlös des Hauses aus Österreich fliehen zu können, aber da das Geld von den Nationalsozialisten nie überwiesen wurde, war Anna gezwungen, in Österreich zu bleiben und wurde 1941 nach Łódź in Polen deportiert und im Ghetto ermordet. Schon im Moment der Flucht aus Paris und mit der zunehmenden Angst um die Schwester ändert Dora die Themen in ihrer Kunst und ihre Lebenseinstellung. Der frühere Wunsch nach Luxus und Verschwendung weicht extremer Bescheidenheit. Nachdem sie in ein kleines Dachzimmer in einem Hotel in Mâcon gezogen ist, schreibt sie in ihr Tagebuch: „Ich will nie mehr in etwas Größerem leben, alles was drüber ist, ist nur für den Neid des Nachbarn.“ Der Satz fängt allerdings an mit den Worten: „Früher wollte ich 10 Zimmer.“ Sie schreibt weiter, dass die neue Einstellung ihrer Schwester Anna gefallen hätte, „sie hätte mich nicht wiedererkannt.“ Scheinbar hatte Anna immer wieder kritisiert, was sie im Leben von Dora nicht richtig fand. Auch nach dem Krieg, zurück in Paris, hatte Dora auch nur mehr eine Dunkelkammer mit acht Quadratmetern und wohnte bei einer Dame als Untermieterin. Die Arbeiten von Dora gehen ab 1946 in eine völlig andere Richtung.

Madame D’Ora und ihre Schwester Anna mit ihren Hunden vor dem Haus in Frohnleiten, Steiermark. Foto von Franz Xaver Setzer, um 1935.

Sie fotografiert „Displaced Persons“ in den Flüchtlingslagern der UNRRA und in den Schlachthäusern von Paris das industrielle Töten. Die Ähnlichkeit zu Bildern aus dem Holocaust ist unübersehbar. Haare, Zähne, Tierteile sind die Sujets. Seltsamerweise spricht Dora mit niemandem über diese Arbeit. Aus Angst fragt sie offenbar auch niemand, warum sie diese Bilder macht. 1958 hat Dora in Paris eine große Retrospektive über ihr Lebenswerk, die Jean Cocteau eröffnet. Auch hier wird die Thematik der Bilder nicht hinterfragt. Fotografien bekannter Persönlichkeiten in einem luxuriösen Ambiente werden neben Tierkadavern in den Pariser Schlachthöfen gezeigt. Ab 1946 kämpfte Dora von Paris aus, um das Haus in Frohnleiten wieder in ihr Eigentum zu bekommen. Dabei halfen ihr ein Rechtsanwalt und ein Sammler in Deutschland, der zu einem engen Freund geworden war. Es gelang 1948, das Haus wieder an Dora zu restituieren, allerdings blieben die bisherigen Bewohner im Haus, und Dora bekam nur eine kleine Kammer zu ihrer Benützung. Die Recherche zu dem jetzt erschienenen Buch stellten Eva Geber vor große Probleme „Ich habe zuerst alle Stellen orten müssen, wo ich Material finde. Da war zuerst das Archiv im Preus-Museum für Fotografie in Horten, Norwegen, dann der Briefwechsel, der in Hamburg im Museum für Kunst und Gewerbe war. Reisen war wegen der Pandemie unmöglich. Vorher geplante Reisen wurden kurzfristig storniert. Aber zum Glück hatte das Team im Photoinstitut Bonartes fast das gesamte Material in ihrem Archiv“, das Eva Geber zugeschickt bekam. Problematisch war auch die Qualität der Unterlagen. Nur schwer zu entziffern waren die Aufzeichnungen von Dora durch ihre wechselnden Schriftbilder, die durch unterschiedliche Stimmungen entstanden. Die intensive Arbeit mit dem schriftlichen Nachlass hat Eva Geber den Charakter und die Lebenseinstellung von Dora Kallmus nachvollziehen lassen. Sie beschreibt sie als Misanthropin, die ihre Probleme mit den Menschen hatte, die sie umgaben. Sie beschrieb oft in komischer Weise diesen Zustand. Ein treffender Satz dazu ist: „Ich habe lieber Kontakt zu schlechten Menschen mit guten Manieren als zu guten Menschen mit schlechten Manieren.“ Infolge eines Autounfalls 1959 litt Mme D’Ora an zunehmender Beeinträchtigung ihres Gedächtnisses. Sie verbrachte ihre letzten Lebensjahre bei einer Freundin ihrer ermordeten Schwester Anna in Frohnleiten.

Eva Geber (Hg.): Madame D’Ora. Tagebücher aus dem Exil. Mandelbaum 2022, 254 S., € 24

1963 verstarb Dora 82-jährig und wurde zunächst auf dem Friedhof Frohnleiten begraben. Allerdings wurde dieses Grab aufgelöst, wobei der Leichnam im Grab verblieb, und ein neues Grab wurde darüber errichtet. Über Intervention des Präsidenten der Jüdischen Gemeinde Graz, Elie Rosen, wurden die sterblichen Überreste von Dora Kallmus am 24. Oktober 2019 exhumiert, überführt und in einem Ehrengrab auf dem Jüdischen Friedhof Graz beigesetzt. 2020 wurden dann auch zwei Stolpersteine vor der ehemaligen Villa Doranna gesetzt und eine Gedenktafel errichtet. Eva Geber, die zu diesem Anlass eine Rede über die beiden Schwestern hielt, trug Stellen aus den Tagebüchern vor, die sich auf die Verfolgung von Anna und Dora Kallmus bezogen. Die Zuneigung der Schwestern, ihre Ängste und Sorgen, eine um die andere in ihrer Ausweglosigkeit, trieb dem anwesenden Publikum, darunter steirischer Prominenz, Tränen in die Augen.

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