Ein frühes Talent, das sein Versprechen hält

Der israelische Pianist und Dirigent Lahav Shani, ein Senkrechtstarter in der klassischen Musik, konzertiert im Oktober für ein Jugendprojekt des Israeli Pilharmonic Orchestra in Wien.

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©Marco Borggreve

Lahav Shani
1989 in Tel Aviv geboren, begann seinen Klavierunterricht mit sechs Jahren. Er spielt Kontrabass und tritt erfolgreich als Pianist auf. Shani verdankt seinen Durchbruch als Dirigent dem 1. Preis beim Internationalen Gustav Mahler Wettbewerb 2013. Seitdem leitete er weltberühmte Orchester. Seit 2017/18 fungiert er als Erster Gastdirigent der Wiener Symphoniker, die er auch beim Fest der Freude am Wiener Heldenplatz dirigierte.
Derzeit ist er Chefdirigent des Rotterdam Philharmonic Orchestra. Als designierter Nachfolger von Zubin Mehta wird Lahav Shani 2020 die Leitung des Israel Philharmonic Orchestra übernehmen.

 

Wina: Als Pianist debütierten Sie mit dem Israel Philharmonic Orchestra (IPO) als 16-Jähriger. In der laufenden Saison sind Sie bereits Music Director Designate, und in der Saison 2020/21 übernehmen Sie den Posten des künstlerischen Direktors vom legendären Zubin Mehta. Wie fühlt es sich an, in diese großen Schuhe zu treten?
Lahav Shani: Einerseits bin ich mit dem Orchester in Tel Aviv aufgewachsen: Ich bin schon sehr früh in die Konzerte gegangen und habe als Externer im Orchester auch Kontrabass gespielt. Dann folgten zahlreiche Klavierkonzerte, die u. a. von Zubin Mehta geleitet wurden. So habe ich die meisten Musiker schon gut gekannt. Außerdem hat in den letzten fünf bis sechs Jahren ein großer Generationswechsel stattgefunden: Es kamen rund 40 neue Musiker dazu, die fast alle entweder mit mir in der Schule oder Studienkollegen auf der Akademie waren. Daher kenne ich fast jeden persönlich gut, und das schafft ein besonderes Verhältnis.
Aber Sie haben Recht, die Schuhe sind wirklich sehr groß, und ich fühle mich sehr geehrt, seine Nachfolge antreten zu dürfen. Er war ja nicht nur 60 Jahre lang mit dem IPO verbunden, sondern gehörte auch zu meinen wichtigsten Förderern. Ich bin ihm sehr dankbar für alles, was er für mich getan hat.

Sie sagten, dass das Orchester seinen Ruf einem romantischen Repertoire verdankt, also dem deutschen, österreichischen und russischen. Was möchten Sie in Ihrer Position daran ändern?
❙ Erstens muss ein Dirigent auch jene Stücke neu interpretieren, die das Orchester bereits gut kennt. Ich halte nichts davon, nur das Erprobte und Erfolgreiche immer gleich zu wiederholen. Auch im gewohnten Repertoire gibt es immer noch etwas zu entdecken. Zweitens ist die Neugier gewachsen, nicht nur zeitgenössisch Neues zu hören, sondern auch bisher Unbekanntes, also Ungespieltes zu präsentieren. Ich glaube, das könnte unser Repertoire sehr bereichern.

»Ich bin selbst ein Nachfahre von Schoah-Überlebenden und respektiere ihre Gefühle.
Ich bin nur gegen jene,die die Musik nie gehört haben
und darüber urteilen.«

Werden Sie – nach dem Vorbild Daniel Barenboim – auch versuchen, Richard Wagner und Richard Strauss dem Publikum schmackhaft zu machen?
❙ Die Ironie bei dieser Geschichte ist eigentlich, dass alle anderen Orchester in Israel ständig die Musik dieser Komponisten spielen. Natürlich kennen wir alle die geschichtlichen Hintergründe, trotzdem bleibt Wagner immer noch ein Tabu. Ich vertrete dazu die gleiche Meinung wie Maestro Mehta, der meint, dass es ein Verlust ist, wenn sowohl das Orchester wie auch das Publikum diese Musik nicht kennenlernen kann. Ein Orchester, das Kompositionen von Gustav Mahler so gut spielt, sollte Wagner, Strauss und Orff genau so spielen wie Beethoven und Mozart.
Ich verstehe all jene, die schlimme Erinnerungen haben, weil sie persönlich darunter gelitten haben, dass sie diese Musik damals hören mussten. Ich bin selbst ein Nachfahre von Schoah-Überlebenden und respektiere ihre Gefühle. Ich bin nur gegen jene, die die Musik nie gehört haben und darüber urteilen.

Das Orchester argumentierte, dass man Wagner aus Rücksicht auf die älteren Abonnenten nicht spielen würde. Hoffen Sie darauf, dass das jüngere Publikum da nicht so streng sein wird?
❙ Ja, das hoffe ich, aber das müssen wir selbst herausfinden, schließlich gehen die Versuche dahingehend von Mehta auf 30 Jahre und jene von Barenboim auf 20 Jahre zurück.

Das Wiener Publikum hat sie im Mai 2015 kennengelernt, als sie innerhalb eines Tage für einen erkrankten Kollegen eingesprungen sind und mit den Wiener Symphonikern Tschaikowskis 5. Symphonie dirigierten. Im Herbst darauf taten Sie das Gleiche für Franz Welser-Möst, diesmal bei den Wiener Philharmonikern. Hat Ihre musikalische Präsenz hier so begonnen?
❙ Ja, das ist richtig. Als ich mein Dirigierstudium beginnen wollte, habe ich Zubin Mehta um Rat gefragt. Er hat mir natürlich Wien wärmstens empfohlen, wo er selbst studiert hatte. Für mich hat sich dann aber Berlin zuerst ergeben, wo ich auch tolle Orchester hören konnte. Aber als ich das erste Mal nach Wien kam, verstand ich genau, was Mehta gemeint hatte – und fühlte mich gleich sehr zuhause.

Die Wiener Symphoniker waren von Ihnen so begeistert, dass sie Sie 2016 zum Ersten Gastdirigenten ernannt haben. Seither musizierten Sie gemeinsam und gingen auch gemeinsam auf Tournee. Was bedeutet dieser Titel?
❙ Diese Bezeichnung haben die Wiener Symphoniker speziell für mich erfunden, weil sie enger mit mir zusammenarbeiten wollten, was mich natürlich sehr geehrt und gefreut hat. Die Chemie zwischen uns hat auf Anhieb wunderbar funktioniert, daher wollten sie öfter als einmal im Jahr mit mir arbeiten und spielen. Wir haben auch schon einige schöne CD-Einspielungen gemacht.

Ihr Vater ist Chordirigent, das heißt, Musik hat Sie seit jeher begleitet. Wann war es Ihnen klar, dass Sie Musiker werden?
❙ Seit ich mich zurückerinnern kann, stand das immer fest. Aber ich wusste nicht genau, was ich machen würde: Klavier oder Kontrabass spielen, Dirigent werden. Was ich bestimmt wusste, war, dass ich Musik nur auf einem hohen Niveau machen wollte.

Wie kam es, dass Sie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin studierten?
❙ Im Rahmen einer Jugendorchestertournee kam ich 2005 zum ersten Mal nach Berlin, und ich erinnere mich, was für einen großen Eindruck die Stadt auf mich gemacht hat. Ich hörte die Berliner Philharmoniker, durfte auch selbst ein Konzert geben und fühlte, dass ich eines Tages in die Stadt zurückkommen werde. Etwa zwei Jahre später nahm ich an einem Auditioning teil, wurde an der Hochschule aufgenommen – und seither bin ich da.

Am 24. Oktober 2019 geben Sie gemeinsam mit Yefim Bronfman ein Klavierkonzert im Wiener Konzerthaus, wobei Sie sowohl Solo wie auch erstmals gemeinsam zu vier Händen konzertieren. Das Konzert mit Werken von Brahms, Beethoven, Schubert und Dvorák ist den „Freunden des Israel Philharmonic Orchestra in Österreich“ gewidmet, um ein Musikprojekt zu unterstützen, das das Orchester für arabische und jüdische Kinder und Jugendliche unterhält. Klavierspielen oder Dirigieren – haben beide den gleichen Stellenwert in Ihrem musikalischen Leben?
❙ Seit ich im Jahr 2013 den Gustav-Mahler-Wettbewerb in Bamberg gewonnen habe, häuften sich natürlich die Einladungen, als Dirigent aufzutreten. Ein Engagement führte zum nächsten, und so sind die Soloauftritte als Pianist etwas in den Hintergrund geraten. Aber ich habe es nie ganz vernachlässigt, sondern immer wieder gespielt, vor allem auch Kammermusik.
Ich habe letztes Jahr Soloabende in Berlin gegeben und freue mich, am 14. Oktober in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin unter dem Dirigat von Daniel Barenboim das Klavierkonzert Nr. 3 von Sergej Rachmaninow zu spielen.

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