Eine Stimme für die Opernkunst und das jiddische Lied

Die amerikanische Sängerin Helene Schneiderman pflegt das musikalische Erbe ihrer Eltern und gastiert als Mezzosopranistin auf internationalen Opernbühnen.

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© Reinhard Engel

Es ist nicht überliefert, ob der russische Komponist Peter Iljitsch Tschaikowski je eine leibhaftige „jiddische Mamme“ gekannt hat. Vielleicht schwebte ihm bei der Komposition seiner Oper Eugen Onegin im Jahr 1878 in der Rolle der Gutsbesitzerwitwe Larina auch nur eine wohlsituierte Dame vor. Jedenfalls wählte er für dieses Werk den Untertitel Lyrische Szenen, basierend auf dem gleichnamigen Versroman von Alexander Puschkin. Und lyrisch ist auch der Gesang von Larina, Mutter der melancholischen Tatjana und der lebenslustigen Olga, die von den Träumen ihrer eigenen Jugend und der Ernüchterung durch die Realität einer leidenschaftslosen Vernunftehe singt.
In der aktuellen Aufführungsserie von Eugen Onegin an der Wiener Staatsoper in der Regie des 1970 in Moskau geborenen Regisseurs Dmitri Tcherniakov erlebt man eine sehr lebhafte, ihre Gästeschar umsorgende Larina, deren Rollenverständnis stark an eine „jiddische Mamme“ erinnert.

Paul und Judith Schneiderman bei einem gemeinsamen Auftritt.

Trifft man dann Helene Schneiderman, die Sängerin dieser Partie, persönlich, ist man von der Art, wie sie die Rolle interpretiert nicht mehr überrascht: Voll Lebenslust und Temperament, lachend und sprudelnd, springt sie auf dem grünen Rasenstück vor der Oper für den Fotografen in die Luft. „Wenn mein verstorbener Vater mich hier nur sehen könnte! Er erlebte zwar den Großteil meiner internationalen Karriere, aber das Debüt an der Wiener Staatsoper ist doch etwas Besonderes!“
Helene wird für einen Moment nachdenklich und erzählt, dass sie, obwohl beide Elternteile Schoah-Überlebende waren. in einem sehr positiv gestimmten Elternhaus aufgewachsen ist, in dem viel Jiddischkeit voller Wärme und Zuversicht vorherrschte. Bis ins hohe Alter sangen Paul und Judith Schneiderman jiddische Lieder und nahmen CDs auf. Die 1954 in New Jersey (USA) geborene Tochter Helene erbte das musikalische Talent und machte ihre akademischen Abschlüsse in Musik an den Universitäten in Princeton und Cincinnati. „Meine Lehrerin schickte ihre besten Schülerinnen nach dem Master immer nach Deutschland, weil dort jede Stadt eine Oper hat und so die Chancen für Auftritte größer waren“, erklärt die Koloraturmezzosopranistin. Helene erhielt das Angebot, nach Heidelberg zu gehen. „Dass ich nach Deutschland ging, war ein harter Schlag für meine Eltern, dennoch meinten sie in diversen Interviews, dass sie ihre Tochter mehr liebten, als sie jemanden hassen könnten. Sie dachten sich, ok, sie bleibt zwei Jahre in Heidelberg und dann kommt sie in die USA zurück und heiratet einen Anwalt“, lacht sie herzlich auf. Aber Helene kam nur mehr für Gastspiele an große Opernhäuser zurück, denn bereits ab 1984 wurde sie Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart.
Privat entschied sich ihr Schicksal noch in Heidelberg, wo sie die erste Hochschule für Jüdische Studien besuchte und bei einem Freitagsgebet in der Synagoge dem Mann fürs Leben begegnete: Mit dem niederländische Grafiker Michael Flamme hat Helene zwei erwachsene Töchter.
„In der Oper zählen nicht die Titel, sondern die Qualität der Stimme und deren ständige Pflege und Weiterentwicklung“, sagt Schneiderman, die seit 1998 den Titel Kammersängerin trägt. Ihr Repertoire umfasst die Titelpartien von La Cenerentola, Carmen, Giulio Cesare in Egitto und L’italiana in Algeri ebenso die Rollen Despina (Così fan tutte), Annina (Rosenkavalier), Marcellina (Le nozze di Figaro), Gräfin (Pique Dame), Flosshilde (Das Rheingold), Hänsel (Hänsel und Gretel). Internationale Engagements brachten sie an alle großen Bühnen, u. a. nach London (Covent Garden), Paris (Opéra National), Mailand (Scala), New York (City Opera und Met), München (Staatsoper), Toronto (Canadian Opera Company), Dresden (Semperoper), sowie zu den Festspielen nach Salzburg und Pesaro, weiters nach Rom, San Francisco, Valencia, Madrid und Tel Aviv. Von 2007 bis 2013 war sie Professorin für Sologesang an der Universität Mozarteum Salzburg. Für ihre Verdienste um die christlich-jüdische Zusammenarbeit und ihren Einsatz für jiddisches Liedgut erhielt sie 2008 die Otto-Hirsch-Medaille.

Wenn mein verstorbener Vater mich hier nur sehen könnte!
Das Debüt an der Wiener Staatsoper ist doch etwas Besonderes!

Helene Schneiderman

Jüdische Musik. Diese öffentliche Anerkennung für das „jiddische Liedgut“ ist eigentlich eine sehr persönliche Hommage – ein stetes musikalisch-lebendiges Erinnern an Helenes Mutter Judith, die unter dem Titel Ich sang um mein Leben vor einigen Jahren ihre berührende Autobiografie veröffentlichte. 1928 wurde Judith in eine tiefreligiöse Familie geboren, ihr Vater war Kantor. Im Zuge der deutschen Besatzung wurde sie aus Rachov (heute Ukraine) mit ihrer Familie nach Auschwitz verschleppt, wo sie ihre Eltern und ihre jüngsten Geschwister verlor. Dort sang die 16-Jährige vor SS-Offizieren buchstäblich um ihr Leben. Auch eine Begegnung mit dem mörderischen Arzt Dr. Mengele blieb Judith damals nicht erspart. Bei Kriegsende überstand sie den Todesmarsch und wurde in Gelsenkirchen befreit.
„Mein Vater stammte aus dem polnischen Städtchen Kazimierz Dolny und überlebte vier Jahre im KZ, darunter in Dachau und Buchenwald“, berichtet die Tochter. Begegnet sind die beiden einander im DP-Lager Landsberg am Lech, unweit von Stuttgart – und wieder spielte Musik die entscheidende Rolle. „In diesem Auffanglager für verstreute Überlebende gab es ein kleines Café, da sang meine Mutter jiddische und tschechische Volkslieder zur Aufheiterung der anderen Gestrandeten. Mein Vater hörte Judith singen und sagte zu seinem Sitznachbarn: ‚Diese Frau werde ich heiraten.‘ So kam es dann auch: Es wurde eine lange und glückliche Ehe nach dem Neustart in Amerika.“ Als Geflügelfarmer konnte Paul Schneiderman die drei Söhne und die einzige Tochter Helene gut versorgen; Judith Schneiderman sang zwar Solopartien in einem Chor, aber ohne Gesangausbildung traute sie sich keine professionelle Karriere zu. Diesen Traum verwirklichte dann Tochter Helene.
Mit zwei sehr unterschiedlichen Programmen lebt Helene ihr Verlangen nach jiddischer Musik aus: Der Mensch muss eine Heimat haben ist ein Liederabend, den sie um die Lebensgeschichte ihrer Mutter herumgebaut hat – gemeinsam mit dem Bariton Motti Kastón, dem Pianisten Götz Payer und der Schauspielerin Franziska Walser, die aus den Texten von Judith Schneiderman liest. Mit Barry Kosky, dem erfolgreichen Regisseur und künstlerischen Leiter der Komischen Oper Berlin, arbeitet Helene Schneiderman schon länger zusammen, jüngst in einer Produktion des Zigeunerbarons. „Ich habe ihm meine CD mit jiddischen Wiegenliedern geschenkt, er fand die Texte sehr traurig, tragisch und manchmal sogar kitschig.“ Daher machte er ihr einen Gegenvorschlag für einen gemeinsamen Abend. Dieser heißt nun Vergiß’ mich nischt und beinhaltet Ausschnitte aus deutschen Operetten der Jahre von 1930 bis 1945, bevor das Musical entstand. „Barry moderiert, spielt und begleitet uns am Klavier. Die israelische Sopranistin Alma Sadé, Ensemblemitglied an der Komischen Oper, ist meine Gesangspartnerin.“ Das Programm reicht von heiteren bis dramatischen Liedern verfemter und vergessener Komponisten, getourt wurde damit schon nach Frankfurt, Stuttgart, Edinburgh und mehrmals nach Berlin. „Wir würden gerne damit auch nach Wien kommen“, schmunzelt Schneiderman.
Apropos Wien: Wie kam es zum Engagement an die Wiener Staatsoper für Eugen Onegin?
„Im Theater an der Wien habe ich schon gesungen, und an der Staatsoper kannte ich viele Kolleginnen und Kollegen. Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler, der acht Jahre an der Tel Aviv University studiert hat, inszenierte zuletzt Hans Werner Henzes Oper Das verratene Meer am Wiener Ring. Er hatte mich bereits für 2023 für die Partie der Claire in Monteverdis Rückkehr des Odysseus angefragt. Und da wir schon im Gespräch waren, fragte man mich gleich, ob ich die Larina singen möchte.“ Helene Schneiderman erhielt durchwegs positive Kritiken für ihr Debüt an der Wiener Staatsoper, daher war sie sehr traurig, als die letzte Vorstellung der ersten Aufführungsserie Anfang November wegen des Lockdowns abgesagt werden musste.
„Aber für die Wiederaufnahme in der Saison 2021 habe ich schon den Vertrag“, freut sich die temperamentvolle Sängerin – und dann springt sie sicher wieder vor dem Eingang in die Luft.

 

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