„Es kann nur herausrutschen, was drinnen ist“

Margit Reiters historische Milieustudie Die Ehemaligen, ein Rückblick auf die Anfänge der FPÖ, ist gerade im Aufzeigen ideologischer Leitmotive in der Parteiengeschichte von beklemmender Aktualität.

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Karikatur: Der double speak der „Ehemaligen“. © Wallstein Verlag/Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) Salzburg

Nach Kriegsende bezeichneten sich die „immer noch“ überzeugten Nationalsozialisten im Gegensatz zu den mehr oder minder Bekehrten stolz als die „Ehemaligen“. Ihr Gedankengut hat sie überlebt. Denn nicht erst seit der „Liederbuchaffäre“ und zahlreicher so genannter „Einzelfälle“ wissen wir, dass der braune Bodensatz der FPÖ noch durchaus fruchtbar ist. Die Netzwerke der Partei funktionieren bestens, Burschenschafter gelangen seit 2017 wieder in Machtpositionen. Auch die meisten politischen Akteure der FPÖ entstammen diesem für Außenstehende verschlossenen ideologischen Biotop.
Obwohl ihr der Zugang zu den Parteiarchiven verwehrt war, gelingt es Margit Reiter einen wissenschaftlich fundierten Einblick in das Milieu zu geben, aus dem die Partei seit Jahrzehnten personell und ideologisch schöpft. Zu diesem gehört als Kontinuum ganz wesentlich der Antisemitismus, mit dem sich die aus Kärnten stammende Historikerin bereits seit ihrer Diplomarbeit beschäftigt.

„Ich habe mich immer schon für den Nationalsozialismus interessiert, und da kommt man logischerweise auf den Antisemitismus. Noch während meines Studiums habe ich eine Exkursion nach Auschwitz gemacht, und das hat mein Interesse zusätzlich verstärkt. Sehr früh hat mich auch der Antisemitismus in der Linken beschäftigt, ein damals ja noch höchst brisantes Thema.“

VdU bis FPÖ. Von links nach rechts gelangte Reiter vom Antisemitismus quasi auf der Direttissima zur FPÖ. „Mich hat interessiert, wie sich ehemals überzeugte Nationalsozialisten, die ja meist auch Antisemiten waren, nach 1945 positioniert haben, und da landet man zwangsläufig beim VdU (Verband der Unabhängigen) und dann bei der FPÖ, weil sich dort eben sehr viele überzeugte Nationalsozialisten gesammelt haben.“
Dass Nationalsozialismus und Antisemitismus teilweise aber parteiübergreifende Phänomene waren, zeigt Reiter an der unrühmlichen Geschichte der keineswegs konsequenten Entnazifizierung auf.

„Da ging es ganz konkret um das Wählerpotenzial von ehemaligen Nationalsozialisten, um die massiv von allen geworben wurde. Aber im VdU und vor allem in der FPÖ haben sich eben diejenigen gesammelt, die ganz bewusst unter sich bleiben und ihre Ideologie fortsetzen wollten. Da sind die gesinnungstreuen Nationalsozialisten gelandet.“

»Diese angeblich proisraelische, prozionistische Haltung zählt zu den Reinwaschungsversuchen.«

Familientraditionen. Ein österreichisches Spezifikum ist es, so Reiter, dass eine extrem rechte Partei mit vielen ehemaligen Nationalsozialisten, wie es die FPÖ bei ihrer Gründung war, seit 1949 mit wenigen Unterbrechungen fast durchgängig im Parlament vertreten war „und immer in der politischen Mitte wahrgenommen wurde. In Deutschland wurden vergleichbare Parteien verboten, und heute sieht man, dass mit der AfD nicht koaliert wird. Diese klaren Abgrenzungen gibt es in Österreich nicht. Und das hat schon auch Tradition.“

Den „Ehemaligen“ folgen in gleichsam vererbter Familientradition zweite und dritte Generationen nach. Jörg Haider oder die Brüder Scheuch sind prominente Beispiele für diese nicht zu unterschätzende starke familiäre Prägung. Doch über diese hinaus werden auch die außerfamiliären Prägungen, das soziale Umfeld und die politische Sozialisierung in den Burschenschaften, eben das besagte Milieu, für die nachfolgenden Generationen zunehmend wichtiger. „Denn irgendwo werden diese Denkweisen ja geformt und politisch aufgeladen“, erläutert die Dozentin für Zeitgeschichte an der Universität Wien.

Margit Reiter: Die Ehemaligen. Der Nationalsozialismus und die Anfänge der FPÖ. Wallstein Verlag, 392 S., € 28,80

„Double speak“. Der Antisemitismus hat sich gewandelt, zumindest die Sprache ist verschämter und weniger offen geworden. Reiter stellt in diesem Zusammenhang ein „double speak“, also eine Diskrepanz zwischen dem Binnen- und Außendiskurs fest. Dennoch werden die antisemitischen Codes noch sehr wohl verwendet und in breiten Kreisen verstanden.
„Das ist erstaunlich und deutet darauf hin, dass das im Binnenmilieu stärker und offener kommuniziert wird, und manchmal rutscht das eben irgendwo heraus. Es kann aber nur herausrutschen, was drinnen ist.“
Sehr skeptisch betrachtet Reiter den so genannten „Historikerbericht“, der ja angeblich die Parteiengeschichte aufrollen will:

„Wir kennen einstweilen nur den Rohbericht, und der liest sich keineswegs wie eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, sondern wie ein parteipolitisches Paper, in dem sich Rechtfertigungen durchziehen. Die zentralen Fragen wie Antisemitismus und Burschenschaften werden nicht wirklich untersucht.“

Eindeutige Rhetorik. Alibiaktionen seien zum Beispiel auch Israel-Reisen von FPÖ-Politikern wie H. C. Strache. „Diese angeblich proisraelische, prozionistische Haltung der letzten Jahre zählt zu den Reinwaschungsversuchen nach außen und betrifft nicht den eigenen autochthonen Antisemitismus. Die Distanzierungen sind sehr viel Rhetorik, und die Zielrichtung ist ganz klar das Antimuslimische.“
Wie man in allerletzter Zeit erfahren konnte, versorgt die Partei ihre Leute mit Pfründen und Posten und besetzt entscheidende Machtpositionen. Steht dahinter, wie vielfach gemutmaßt wird, letztlich auch die Intention, das Land ideologisch umzubauen ?

„Bei Postenbesetzungen greifen sie sehr auf das Netzwerk der Burschenschaftler zurück, denn die Akademiker unter ihnen sind meist sogar schlagende deutschnationale Burschenschafter. Diese sitzen jetzt in vielen wichtigen Positionen und unterstützen einander auch ideologisch. Primär geht es wohl um die Pfründe, aber ich denke, dass Teile der Partei anderes bezwecken, zum Beispiel, den ORF zu zerstören. Viele haben eine ganz klare politische Agenda.“

Top aktuell reicht die Studie bis fast in die unmittelbare Gegenwart und gibt quasi als Bilanz unter dem Titel „Vergangenheit, die nicht vergeht“ einen wenig positiven Ausblick in die Zukunft. Der Antisemitismus als ideologische Kontinuität sei hierzulande „jederzeit abrufbar“, konstatiert die Autorin.
„Sehr optimistisch kann man für Österreich nicht sein, denn es gibt hier einfach eine rechte Mehrheit. Fast mehr beunruhigt mich aber der europaweite Trend; da sind viele rechtsextreme Kräfte am Werk. Die ‚Ehemaligen‘ leben ja nicht mehr, aber ihre Ideologie hat teilweise in abgewandelter Form überlebt und wird auch von viel Jüngeren weitergetragen.“

Hier können Sie eine Aufzeichnung aus dem Gemeindezentrum der IKG Wien ansehen. SZ-Journalist Oliver Das Gupta sprach mit Autorin Margit Reiter und Schriftsteller Doron Rabinovici über das Buch und über aktuelle Zusammenhänge mit derzeitigen politischen Entwicklungen in Österreich.
Die Veranstaltung wurde WINA gemeinsam mit der IKG Wien organisiert.

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