Frauen vor und hinter der Linse

Im Atelier und an der Front. Zwei neue Bücher auf den Spuren zweier fast vergessener jüdischer Fotografinnen der Zwischenkriegszeit.

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Helena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica. Deutsch von Verena von Koskull. Berlin Verlag, 352 S., € 22,70

Von der einen gibt es kein einziges Foto. Über ihr Leben ist so gut wie nichts bekannt. Nur ein Stolperstein in Berlin verzeichnet ihre Daten. Charlotte Joël, Jahrgang 1887. Ermordet in Auschwitz 1943.
Das Leben der anderen gleicht einem Roman. Als Gerda Taro 1937 an ihrem 27. Geburtstag in Paris begraben wurde, begleiteten Tausende den Trauerzug. Alberto Giacometti gestaltete ihr Grabmal am Père Lachaise.
Beide Frauen waren zu ihren Lebzeiten bekannte Fotografinnen. Beide sind, wie auffällig viele ihrer Kolleginnen in den 1930er-Jahren, jüdischer Herkunft. Beide waren so gut wie vergessen, an beide wird jetzt in Büchern erinnert.

Werner Kohlert/Friedrich Pfäfflin: Das Werk der Photographin Charlotte Joël. Wallstein Verlag, 336 S., € 25,60

„Das Werk der Fotografin Charlotte Joël“

Eine riesige Taftmasche im Haar, Spitzenkragen, ein Samtband unter dem Busen und sichtlich ungeschminkt, so sitzt die 17-jährige Marlene Dietrich im Atelier. Vor aufgeschlagenem Buch oder ernst geradeaus blickend posiert Karl Kraus in Dutzenden Varianten, mit dunklem Vollbart und bereits würdevoll der junge Martin Buber. Eine besondere Beziehung scheint die Fotografin zu Kindern gehabt zu haben, ganz natürlich und vertrauensvoll blicken die Kleinen in ihre Kamera. Mit Kinderbildern, die als Postkarten verkauft wurden, hielt sich Joël finanziell über Wasser, nachdem sie als Jüdin ihr Berliner Atelier verlassen musste.
Die über 200 Fotos, größtenteils Porträts, die Friedrich Pfäfflin jahrelang aus verschiedenen Sammlungen zusammengetragen hat, bilden jetzt den Werkkatalog, den der Filmer Werner Kohlert mit einem Essay über die Fotografin zu einem Buch ergänzt hat. Besonders wertvoll sind darin die Kurzbiografien der Porträtierten, Prominente wie Walter Benjamin ebenso wie seine Schwester Dora oder heute gänzlich Unbekannte.
Ohne Inszenierung oder Beiwerk, reduziert und fokussiert allein auf das Menschenbild sprechen ihre Fotos als Charakterstudien für sich selbst. Unsichtbar hinter ihrer Kamera bleibt die Fotografin, deren spärliche biografische Spuren auf ein ganz der Arbeit gewidmetes Leben deuten. Ihr Bruder Ernst, der Arzt und ein guter Freund Martin Bubers war, scheint darin eine besondere Rolle gespielt zu haben. Als Suchtspezialist verstarb er allerdings jung an einem Selbstversuch mit Drogen.
Die Zeichen der Zeit hat sie in ihrer Dunkelkammer weder erkannt noch sehen wollen, wie sich aus einem Schreiben an Karl Kraus aus dem Mai 1934 erkennen lässt. „So mache ich meine tägliche Arbeit u. lebe übrigens an der Zeit vorbei, fast nicht einmal an ihr leidend, denn mein Zeiger ist zurückgewendet.“
Gemeinsam mit ihrer Freundin Clara Grunwald kommt sie zuerst in ein deutsches Zwangsarbeiterlager, von wo die beiden Frauen im April 1943 nach Auschwitz deportiert werden.

»[…] lebe übrigens an der Zeit vorbei,
denn mein Zeiger ist zurückgewendet.«
 

Charlotte Joël

„Das Mädchen mit der Leica“

Gerta Pohorylle ist kein Name für einen Star. Auch André Friedmann hat trotz des französischen Akzents wenig Glamour. Um mit einer Leica im tollen und vollen Paris der 1930er-Jahre überleben zu können, brauchte es schon etwas Phantasie. Und so erfand die junge Dame aus Stuttgart für sich den klangvollen Namen Gerda Taro und für ihren noch jüngeren ungarischen Gefährten das Pseudonym Robert Capa. Es sollte in die Geschichte der Fotografie eingehen.
Gerda hatte in der kurzen Zeit mit ihrer Leica, die sie von ihrem Lehrmeister Capa bekam, dazu kaum Gelegenheit. Bis 2007 der Fund aus einem „Mexican Suitcase“ Schlagzeilen machte. In diesem Koffer tauchten tausende Negative unter anderem von Fotos Capas, aber auch von Gerda Taro auf, die das Paar vor allem im Spanischen Bürgerkrieg gemacht hatte. In einer Ausstellung sah die Autorin Helena Janeczek einige der Bilder und fing Feuer. Ihrer Begeisterung für die fast vergessene Kriegsfotografin verdankt sich der neue biografische Roman, der darüber hinaus die politisch engagierte Szene beleuchtet, die als Internationale Spanienbrigade historisch geworden ist.
Gerda Taro hat sie mit ihrer Leica unerschrocken begleitet, bis sie bei einem tragischen Unfall von einem Panzer überrollt wurde.
Dreistimmig, von zwei ihr offenbar verfallenen Männern und einer Freundin, wird ihr Leben erzählt, erinnert, imaginiert. „Du stellst dir also vor“, heißt es, wenn die Quellen versagen. Facts und Fiction, Dokumentation und Phantasie, Geschichte und Geschichten verschmelzen so in unzähligen Verästelungen, Episoden und Szenen zu einem Roman um eine geradezu angebetete Heldin. Wie die berühmten Motten das Licht umschwärmen sie die Männer, sie nimmt sich, wen und was sie will. Schön, klug, engagiert, erotisch, attraktiv, begabt zu mancherlei, wird sie als rebellische Femme fatale zum Mythos der antifaschistischen Szene in Leipzig, Paris und Spanien. Das, was von ihrem fotografischen Schaffen spät, aber doch ans Licht gekommen ist, weist sie als eine würdige Partnerin Robert Capas aus, als eine mutige Fotojournalistin, Pionierin und Dokumentaristin, die an die Kraft der Bilder im politischen Kampf glaubte. Ihre ganze Liebe, so lässt uns der Roman glauben, galt diesem Kampf, den sie bis zum letzten Atemzug mit ihrer Leica führte.
Abgesehen von dieser etwas überzogenen Heldinnensaga, die kaum gebrochen wird, erzählt der Roman als gut recherchiertes Zeitpanorama aber auch viel über andere historische Schicksale, andere größtenteils jüdischen Protagonisten eines Schauplatzes, der in den letzten Jahren literarisch etwas in den Hintergrund geraten ist.

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