Füller. Mutter. Paris

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Intensiv, reduziert, verstummend: Sarah Kofmans autobiografisches Fragment über Überleben und Weiterleben. Von Alexander Kluy

Von ihm habe ich nur noch den Füller. Ich habe ihn eines Tages aus der Handtasche meiner Mutter genommen, in der sie ihn mit anderen Andenken an meinen Vater bewahrte.“ Denn ansonsten hat sich von Sarahs Vater Bereck Kofman, Rabbiner einer kleinen Synagoge in der Rue Duc im 18. Arrondissement in Paris, nichts bewahrt. Im Sommer 1942 wurde er verhaftet, von den Nazis via Drancy nach Auschwitz deportiert und ermordet. Von seinem Abschied, einer Aufopferung zugunsten seiner Frau und seiner sechs kleinen Kinder, erzählt die französische Philosophin Sarah Kofman in Rue Ordener, Rue Labat. So schmal dieses Buch auch ist, es gehört in die vorderste Reihe der Bücher über die Schoa, neben Primo Levis Ist das ein Mensch?, Robert Antelmes Das Menschengeschlecht, neben die Romane Aharon Appelfelds.

Ohne Schnörkel
Sarah Kofman:  Rue Ordener,  Rue Labat.  Autobiografisches Fragment. Aus dem Französischen  von Ursula Beitz.  Diaphanes Verlag 2014; 96 Seiten,   11,30 EUR
Sarah Kofman:
Rue Ordener,
Rue Labat.
Autobiografisches Fragment. Aus dem Französischen
von Ursula Beitz.
Diaphanes Verlag 2014; 96 Seiten,
11,30 EUR

Vor knapp 20 Jahren erschien dieser schmale Text erstmals in deutscher Übersetzung in einem kleinen, mittlerweile inaktiven Tübinger Verlag, der sich auf psychoanalytische Literatur spezialisiert hatte. Dieses „autobiografische Fragment“, so der Untertitel, erzählt in lakonischer, jeden Schnörkel meidender Sprache davon, wie Sarah im von den Nazis besetzten Paris überlebte, schildert, wie ihre Mutter und sie bei einer Christin unterkamen, die versuchte, die kleine Kofman „umzuändern“, vom Judentum zu entfremden und sie an Kindes statt anzunehmen. Erzählt nach der Befreiung von den Streitigkeiten mit der Mutter, von Umzügen aus einem Armenquartier ins andere, vom Kampf der intellektuell begabten Sarah um eine Schulausbildung, von der Emanzipation von der bedrückenden Mutter. Erzählt von der permanenten Leere der Vaterstelle und vom abgrundtiefen Schrecken der Verfolgung und Unterdrückung.

Ab 1960 lehrte Sarah Kofman Philosophie, war ab 1970 Dozentin, Maître des conférences und lange in Paris Assistentin von Jacques Derrida. Und wurde dann selbst Ordinaria an der Université Paris 1 – Panthéon-Sorbonne. In ihren zahlreichen Veröffentlichungen spezialisierte sie sich auf Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche. Kofman setzte vier Wochen nach ihrem 60. Geburtstag am 15. Oktober 1994 ihrem Leben durch eigene Hand, so wie auch Jean Améry oder Primo Levi, ein Ende. Nur wenige Tage zuvor war in Frankreich dieses, ihr letztes Buch erschienen. Der Füller zwang sie zu schreiben. Und zu enden.

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