In Israel wechseln besonders viele ehemalige Offiziere in Spitzenpositionen der Wirtschaft. Das hat mit dem frühen Pensionsalter zu tun, aber auch mit speziellen Branchen: Rüstung und IT. Von Reinhard Engel
Internationale Abhängigkeit als Gefahr
Yaakov Lifshitz, Professor im Begin Sadat Center for Strategic Studies an der Bar Ilan Universität, kennt diese Verflechtungen von beiden Seiten. Er hat sowohl im Topmanagement in der Rüstungsindustrie gearbeitet wie auch als Chief Economic Advisor des israelischen Verteidigungsministeriums. „Israel ist in diesem Bereich deshalb derart erfolgreich“, so Lifshitz, „weil es besonders enge Beziehungen zwischen dem Letztverbraucher und den Entwicklern und Herstellern gibt. Diese enge Verbindung resultiert in einem besonders kurzen Entwicklungsprozess.“ Diese Beziehungen und Produktneuerungen bleiben nicht auf den unmittelbar militärischen Bereich beschränkt. Laut Lifshitz beginnen viele Offiziere ihre privatwirtschaftliche Karriere in der Rüstungsindustrie und wechseln dann in unterschiedliche zivilere Branchen des Hightechsektors.
Was sind die Vorbedingungen für diese Durchlässigkeit, die in anderen Ländern weit seltener vorkommt? Der erste Faktor ist das frühe Pensionsalter: Offiziere aus Kampfeinheiten beenden ihren Dienst mit 42 Jahren, solche aus weniger exponierten Bereichen mit 48. Und selbst die höchsten Ränge sind vergleichsweise jung besetzt: Ashkenazi war mit über 50 ein „alter“ Generalstabschef, er hatte den Schritt an die Spitze auch erst im zweiten Anlauf geschafft.
Fehlende Erfahrungen für die Anforderungen der modernen Konsumgesellschaft
Die israelischen Offiziere gelten im internationalen Vergleich als besonders entscheidungsfreudig, sie erhalten schon in unteren Rängen viel Spielraum für Kreativität und müssen weit weniger nach starren Regeln agieren als ihre Kollegen in traditionsreicheren Armeen. Sie durchlaufen in ihrem Armeedienst auch mehr Stationen als andere Offiziere, im Schnitt werden sie alle zweieinhalb Jahre an einer anderen Kommandostelle eingesetzt. Das erhöht ihre vielfältige Erfahrung und macht sie auch für die Industrie interessanter.
[vc_custom_heading text=“„Israel ist deshalb so erfolgreich, weil es besonders enge Beziehungen zwischen dem Letztverbraucher und den Entwicklern und Herstellern gibt.“ Yaakov Lifshitz
“ font_container=“tag:h3|text_align:left|color:%000″ google_fonts=“font_family:Droid%20Serif%3Aregular%2Citalic%2C700%2C700italic|font_style:400%20italic%3A400%3Aitalic“]Freilich gibt es auch Kritik an diesem System. So wird ihm vorgeworfen, dass viele Militärs schon im aktiven Dienst eher an ihre künftige lukrative Privatkarriere denken denn an ihre jeweiligen Verantwortlichkeiten. Und man dürfe auch ihre ökonomische Ausbildung nicht überbewerten: Neben der Technologie beschränke sich diese vor allem auf das Netzwerken; vom Dienst am Kunden, wie er in modernen Konsumgesellschaften gefordert sei, hätten sie eher weniger Ahnung.
WINA Chancen & Beruf
Ziviles Österreich
Gerald Karner ist einer der wenigen österreichischen Offiziere im Generalstabsrang, der die Seiten gewechselt hat. Vor einigen Jahren, er war damals 49, folgte der Brigadier einem Angebot des internationalen Personalberaters Hill und verließ das Militär. Karner hatte damals die Strategieabteilung geleitet, davor war er unter anderem Chefredakteur der renommierten Österreichischen militärischen Zeitschrift „ÖMZ“.
„Das ist für Österreich – anders als in den USA – eher ungewöhnlich“, erzählt Karner, der auch am US Army War College in Carlisle studiert hat. „Ich habe nicht zu allen meinen dortigen Jahrgangskollegen den Kontakt aufrechterhalten. Aber ich weiß von einigen, etwa aus Israel, aus Australien oder aus Mittelamerika, dass sie anschließend in die Wirtschaft gegangen sind.“ Karner musste als Selbstständiger auch mit weniger rosigen Auftragslagen in der Wirtschaftskrise umgehen lernen, heute steht seine kleine Firma auf zwei Beinen: strategische und Managementberatung sowie Business Intelligence, die er für Unternehmen anbietet, die sich auf riskante, undurchsichtige Märkte wagen wollen. Sein Partner kommt aus England und hat MI6-Hintergrund.
Zwei österreichische Topmanager haben militärische Führungserfahrung. Der CEO des Mobilfunk-unternehmens Orange, Michael Krammer, hat die Militärakademie in Wiener Neustadt absolviert und blieb zunächst Offizier. Mehrere Jahre lang aktiver Truppenoffizier war auch Erwin Hameseder, Generaldirektor der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien. Er hatte nebenbei Jus studiert, eher er zum grünen Riesen wechselte. Hameseder ist heute noch Brigadier der Reserve.

























