Ha Polania Eine Hommage an die „polnische“ Mutter

Warum das Hebräische gerade die polnische Mutter als Archetypus gewählt hat, ist ungeklärt. Das Label drum herum um so amüsanter.

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Bohren, nerven, kontrollieren, viel kochen … und den diversen Psychologen gute Arbeit verschaffen. Das sind so in etwa die Haupteigenschaften der „polnischen Mutter”. Warum diese Art von Mutter – beinahe ein Archetypus im israelischen Wortschatz und auf Hebräisch „Ha Polania”, also „die Polnische” genannt – gerade als die „polnische Mutter” definiert ist, ist nicht ganz klar, denn die ungarischen, rumänischen oder marokkanischen Mütter stehen der polnischen um nichts nach. Religiöse Schulmädchen bleiben auf dem Nachhauseweg täglich vor dem Schaufenster von HaPolania stehen, um sich über die auf farbenfrohen Mustern platzierten Sager der „polnischen Mutter” auf Tischsets, Magneten, Kalendern und Kaffeetassen zu amüsieren. Und eine junge Soldatin kauft hier sämtliche Geschenke für ihre Familie, obwohl sie eigentlich marokkanischer Abstammung ist. Michal Fishbein, die Erfinderin des Labels HaPolania, weiß auch von einem Autobus voller chinesischer Touristen zu erzählen, die in Lachen ausbrachen, als sie die ihnen anscheinend wohl bekannten Aussprüche auf den Geschenkartikeln im Geschäft erspähten.

„Ausruhen werde ich mich schon im Grab.”

„Musiker? Das ist ein Beruf?”

„Was werden die Leute sagen?!”

Und da war da noch das homosexuelle Pärchen aus der Shenkin-Straße, das sich in der Tel Aviver HaPolania-Filiale für die Hochzeit T-Shirts drucken ließ. Da­rauf war ein weiterer bekannter Ausspruch „jüdischer Mütter” zu lesen: „Und einen Chussen gibt es?” – Zur Erklärung: In diesen Kreisen kommt, nachdem über die gelungenen Kinder gesprochen wurde, die möglichst alle Rechtsanwälte und Ärzte werden sollten, meist die Frage: Und einen Schwiegersohn gibt es? Soll heißen: „Ist Ihre Tochter verheiratet?”

Farbenfrohe Muster.
Tischsets, Magnete, Kalender und Kaffeetassen mit Sagern der polnischen Mutter.

Diese universelle Mutter mit ihrem Repertoire an Warnungen und Bemerkungen ist zwar extrem nervenaufreibend, aber man weiß meist auch, dass sie es eigentlich liebevoll meint. Dazu erzählt Michal Fishbein von dem Kunden, der immer, wenn er ins Geschäft kam, beinahe weinte, weil er so intensiv an seine verstorbene Mutter denken musste. Also frei nach dem Motto, „Sei froh, dass sich jemand um dich sorgt!” Das erinnert mich selbst wiederum an meine Mutter, die, obwohl aus den Karpaten stammend, auch starke Züge der polnischen Mutter aufweisen konnte: „Nimm eine Weste mit”, mahnte sie zu jeder Jahreszeit, wenn ich an der Türe war, um auszugehen, und strapazierte damit meine Nerven. Aber heute denke ich manchmal nostalgisch: „Wen kümmert es heute noch, ob ich friere oder nicht?” Das könnte übrigens auch so ein Satz sein: „Wen schert es schon, wie es mir geht?” Beleidigt sein und einem ein schlechtes Gewissen machen, gehören nämlich zu den besonders hervorstechenden Eigenschaften der polnischen Mutter. Jedenfalls nehme ich jetzt, bevor ich das Haus verlasse, selbstverständlich immer eine Weste mit, manchmal auch zwei, nämlich dann, wenn ich plane, eine meiner Töchter zu treffen – es könnte ihnen ja kalt sein …

„So hab’ ich dich lieb.”

„Habe ich das nicht gleich gesagt?”

„JETZT kommt Ihr?”

Anlässlich der Aussprüche von HaPolania werden viele Kunden nostalgisch, wie etwa die Dame, die, als Michal noch von zu Hause aus verkaufte, kam, um ihre Bestellung abzuholen: „Sie hat bei uns im Salon die Schuhe ausgezogen, sich zwischen Bergen von Ware auf das Sofa gesetzt und begonnen, von ihrer Mutter zu erzählen”, erinnert sich die 49-jährige Kleinunternehmerin, die bis zur Geburt von HaPolania mehr als ein Jahrzehnt lang beim Büchergiganten Steimatzky gearbeitet hat.

Michal Fishbein. Die Erfinderin des Labels
HaPolania in ihrem Shop. © Ha Polania; Daniela Segenreich

Michals polnische Mutter war eigentlich ihre Großmutter Luba. Sie übernahm die Zügel im Haus, als die Mutter erkrankte und zwei Jahre später starb, damals war Michal 12. „Oma Luba war sehr klein, mager und kantig. Gefühle zeigen konnte sie nicht, alles ging immer nur über’s Essen. Das einzige Mal, dass sie etwas Nettes gesagt hat, war, als meine Schwester ihre faschierten Fleischkugeln brav aufgegessen hat. Da hat Oma dann gesagt: ,So hab’ ich dich lieb.‘” Es war keine leichte Kindheit und Jugend – ist Humor für sie also eine Art Therapie und Genesung? Hilft das Schmunzeln über die Aussprüche, die einmal so fehl am Platz waren? „Ja, auch. Und auch der Austausch mit den Kunden und die Erkenntnis, dass ich nicht die Einzige bin, die so aufgewachsen ist …” Die erste für ihr Geschäft entworfene Haggada brachte ihr übrigens auch das erste Kompliment ihres Vaters ein, allerdings natürlich nicht direkt an sie ausgesprochen, sondern auf Umwegen über die Schwester.

„Ihr werdet mir noch dankbar sein!”

„Mich schmerzt es viel mehr als dich.”

„Wenn ich einmal tot bin, werdet ihr
verstehen, aber dann wird es zu spät sein.”

Begonnen hat alles damit, dass ihre Kinder nicht essen wollten und sie ihnen einfache Sets aus Papier mit den Aussprüchen der „Polania” bemalte, um sie zu unterhalten und abzulenken. Als sie dann viele Jahre später auf der Suche nach einer Geschäftsidee war, erinnerte sie sich wieder an diese Zeit und beschloss, einige Artikel anzufertigen, die sie bei einem Headstarter, einer Internetplattform für Start-ups, einreichte: „Wir verlangten damals 5.000 Schekel für die ersten Drucke und erhielten das Dreifache!” Das reichte für den Anfang. Heute führt Michal unter dem Namen Oy Vey zwei Geschäfte, und ihre Artikel werden in Israel in Museumsshops und per Internet in die ganze Welt verkauft. Die Sätze aus dem Familienrepertoire, die sie auf Geschirr, Wanduhren, Schürzen und allem, was ihr sonst noch unter die Finger kommt, drucken lässt, gehen ihr nie aus. Und immer wieder bringen und schicken auch Kunden neue Aussprüche.

Und sie selbst, ist sie eine „polnische Mutter”? „Ich bin sehr bemüht, anders zu sein, aber als meine Tochter einmal mit einem sehr kurzen Minirock zum Freitagabendessen aufbrechen wollte, konnte ich nicht anders, als sie zu fragen: ‚Bist du sicher, dass du so zu Oma gehen willst?‘ Ein Blick meiner Tochter genügte…”

anikama.com


Michal Fishbeins
Definition der „Polania”:

Die Polania ist diese passiv-aggressive Person, meistens Mutter, Vater oder ein anderes wichtiges Familienmitglied, die es perfekt versteht, einem Schuldgefühle zu vermitteln – oft nur mit einem wohl gezielten Wort oder einer leichten Änderung des Gesichtsausdrucks …

Die polnische Mutter ist also die Frau, die dich liebt und sich um dich sorgt, aber sie kann ihre Liebe nur dadurch ausdrücken, dass sie Dinge sagt, die dazu führen, dass du dich schrecklich fühlst. Oder dadurch, dass sie dich füttert, wie nur sie es versteht. Sie ist die Person, die sich nach Anerkennung und Liebe verzehrt, aber sie kennt nur den Weg über Schuldgefühl und Mitleid, um sie zu bekommen. Sie ist voll Angst und Sorge, voll Eifersucht und Pessimismus, denn sie wurde selbst von einer „polnischen Mutter” aufgezogen. Sie meint es wirklich gut, aber das ist meist nur schwer zu erkennen …

 

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