Irrfahrten im Lande der Väter

Menachem Kaiser über Kajzer, den Großvater und sein fragwürdiges Erbe in einem geheimnisvollen Schlesien.

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Menachem Kaiser: Kajzer. Mein Familienerbe und das Abenteuer der Erinnerung. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Zsolnay 2023, 336 S., € 28,80

Ein abgewohntes Mietshaus in einer tristen schlesischen Industriestadt, das soll also das Erbe sein, um dessen Rückgabe sich der Großvater jahrzehntelang erfolglos bemüht hatte. Der Enkel wird an fremde Türen klopfen, jede Menge Spinner treffen, neue Freunde finden, vor polnischen Gerichten stehen, auf tote Ahnen stoßen, in dunkle Tunnel dringen und immer mehr Rätsel entdecken. Die Geschichte seiner jahrelangen Odyssee erzählt Menachem Kaiser als höchst persönliches Sachbuch.

Er heißt Menachem wie sein Großvater. Dass dieser daher bei der Geburt des Enkels schon tot gewesen sein muss, versteht sich nach jüdischer Tradition von selbst. Und der Tradition fühlt sich die große religiöse Familie der Kaisers verpflichtet. Nur die Schreibweise hat man dem amerikanischen Sprachraum angepasst, von Kajzer zu Kaiser. Polen, wo die Kajzers herkommen, ist weit weg von Toronto, wo Menachem, liebevollst umgeben von jeder Menge Verwandten, aufwächst, und der Holocaust nur ein sehr ferner Schatten.

„Ich war ein Jude, der zurückkam, um sich seinen Familienbesitz zu holen.“

 

Großvater soll der einzige Überlebende gewesen sein, viel mehr weiß der Enkel nicht, als er sich in Polen zu Studienzwecken aufhält und sich dabei verpflichtet fühlt, den Heimatort der Vorfahren aufzusuchen. Sosnowiec. Eine schmuddelige, vom einstigen Kohleabbau verdunkelte Stadt, die sich anfühlt „wie ein Husten“. Hier steht das Haus, in dem Großvater aufgewachsen sein soll, das er zumindest vor dem Krieg besessen haben soll, das er zurückhaben wollte, woran er gescheitert war. Menachem stößt auf immer mehr Widersprüche. Daten scheinen nicht zu stimmen, bereits die Adresse ist zweifelhaft, und überdies sind hier echte Menschen zuhause. „Ich war ein Jude, der zurückkam, um sich seinen Familienbesitz zu holen.“

Ein weiterer Kajzer. Menachem nimmt sich eine Anwältin mit dem Ruf einer „Killerin“, die vor Gericht nicht einmal die Tot-Erklärung im Holocaust ermordeter Verwandter erreicht. Dafür stößt er rein zufällig auf die Spur eines Cousins des Großvaters, Abraham Kajzer, der mehrere KZs überlebt und darüber Tagebuch geführt hatte. Seine auf dem Packpapier von Zementsäcken geschriebenen Aufzeichnungen versteckte er unter Latrinen und holte sie nach Kriegsende von dort hervor. Auf seiner Flucht verbarg ihn eine Deutsche aus Breslau in einer Kartoffelkiste in ihrem Keller. Die beiden blieben nach dem Krieg als Paar zusammen, bis Abraham nach Palästina auswanderte. Sein Tagebuch ist heute in Polen berühmt, vor allem in eher obskuren Schatzsucherkreisen auf den Spuren von Nazi-Raubgut, weil Abraham genaue Beschreibungen von einem enorm ausgedehnten Tunnelsystem der Nazis lieferte, in dem er als Zwangsarbeiter geschuftet hatte. Weil Abraham Kajzer einfach die „bessere Geschichte“ ist, erzählt Menachem mit dem untrüglichen Gefühl für solche Storys diese auch weit ausführlicher als die zunehmend frustrierende Causa des Familienerbes, hinter dem sich auch immer mehr moralische Zweifel auftun. Was bedeutet erben, wer ist dazu berechtigt, wie sieht es mit den Ansprüchen der nachfolgenden „Besitzer“ aus? Durchaus selbstkritische Fragen wie diese beleuchtet Kaiser aus allen möglichen Perspektiven, lässt an seinen Skrupel und Argumentationen teilhaben und viele Fragen offen. Durchaus gespannt verfolgt man mit ihm seine abenteuerlichen Umwege in die bizarrsten und teilweise abwegigsten Zirkel von Spinnern und Verschwörungstheoretikern bis hin zu absurden Gerichtsszenen, doch „es ist alles wahr“, beteuert der Autor.

Von jüdischen Touristen auf „Erinnerungssafari“ im Land ihrer Vorväter, denen er mit leiser Ironie begegnet, will er sich absetzen, weiß sich aber selbst nicht frei von sentimentalem Unterfutter. Menachems Obsession mit der Geschichte des nie gekannten „Zaidy“ (jiddisch für Opa), dem er sein Buch widmet, ist sogar seinem Vater suspekt und letztlich auch ihm selbst, je mehr er sich darin verstrickt, nicht ganz erklärlich.

Dass sich auf solchen Pilgerreisen zu den Ahnen viele Erwartungen nicht erfüllen, Familienlegenden vielleicht nicht bestätigen lassen, dafür Unerwartetes entdeckt werden kann, diese Erfahrung habe ich selbst gerade im geheimnisvollen Schlesien, der Heimat auch meiner Vorväter, machen dürfen. Familiengeschichten, so bilanziert Kaiser, „erzählen keine historische Wahrheit, sondern eine emotionale Wahrheit“, aber die ist, wie sein kluges, warm und lebendig erzähltes Memoir zeigt, einfach die bessere Geschichte.

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