„Israel spricht heute mit Österreich auf Augenhöhe“

Martin Weiss, Österreichs Botschafter in Israel, freut sich über fundamentale Verbesserungen in den Beziehungen der beiden Staaten. Ein Abschiedsinterview mit Marta S. Halpert

0
352
Botschafter Martin Weiss. „Zahlreiche Unternehmen sagen heute: Israel hat ein großes Innovationspotenzial, dafür haben wir die industrielle Basis, also machen wir etwas daraus.“ © Reinhard Engel

Wina: Sie haben im November 2015 Ihren Posten als österreichischer Botschafter in Israel angetreten. Welche Ihrer Erwartungen von damals haben sich erfüllt, welche nicht?
Martin Weiss: Ich bin mit sehr positiven Einstellungen nach Israel gekommen. Es gibt viele Parallelitäten zwischen den beiden Staaten: Sie sind von ähnlicher Größe und in vielerlei Hinsicht mit einander verknüpft – auch durch die problematische Geschichte. Ich habe mir viel erhofft, und das meiste hat sich realisiert: In den fast vier Jahren war die gesamte Bundesregierung hier, inklusive eines Staatsbesuchs des Bundespräsidenten, was einer Krönung im Verhältnis von zwei Staaten gleichkommt.
Im Bereich der Wirtschaft und des Tourismus sind beide Staaten in den letzten Jahren stark auf einander zugegangen. Das war in dieser Form nicht zu erwarten. Das habe ich mir gewünscht – und das ist auch alles eingetreten.

Worauf führen Sie das zurück?
❙ Österreich und Israel hatten über die Jahre auch ein schwieriges Verhältnis, vor allem, weil Österreich nach Erreichung seiner Unabhängigkeit sehr schnell bereit war, seine Geschichte und seine Rolle im Zweiten Weltkrieg zu vergessen. Es hat einige Zeit gebraucht, um ehrlich darüber zu reden: Erst in den 1980er-Jahren gab es eine Zäsur, bedingt durch die Waldheim-Affäre. Auch Bruno Kreisky, der als erster Europäer die PLO anerkannte und sehr kritisch mit Israel ins Gericht gegangen ist, hat das Verhältnis nicht erleichtert. Wegen Jörg Haider und der ersten schwarz-blauen Regierung gab es weniger Aufs als Abs. Diese Zeit ist jetzt vorbei, Österreich hat gelernt, ehrlich über seine Geschichte zu sprechen, und zwar mit offenem Visier. Wir brauchen da nichts beschönigen, wir wissen, was passiert ist. Da hat sich Österreich sicher weiterbewegt.

»Wir haben klar gesagt:
Der Antisemitismus ist nicht ein Thema,
das die Juden betrifft, sondern ein Thema,
das Europa betrifft.«

Trotz der zweiten schwarz-blauen Regierung?
❙ Ja, das hängt auch an der Person Sebastian Kurz, der ein besonderes Interesse an diesen bilateralen Beziehungen gehabt hat, und das hat sich dann auf tausend Ebenen widergespiegelt – und zwar für beide Seiten. Israel spricht heute mit Österreich auf Augenhöhe, und man hat begonnen, das gegenseitig vorhandene Potenzial zu heben. Ich habe das bei den Besuchen der Regierungsmitglieder beobachtet: Viele dieser Politiker waren noch nie in Israel, aber sicher schon auf Bali oder in Japan. Jetzt besinnt man sich auf das ganz Normale: Wir haben historische Verbindungen, hier leben viele Menschen, die Deutsch sprechen oder in den letzten Jahren als begeisterte Touristen in Österreich waren. Auch zahlreiche Unternehmen sagen heute: Israel hat ein großes Innovationspotenzial, dafür haben wir die industrielle Basis, also machen wir etwas daraus.

Resümee. Nach knapp vier Jahren in Israel geht es für Botschafter Weiss nun nach Washington. © Reinhard Engel

Bemüht sich Israel um die Unterstützung Österreichs, wenn es um Anliegen oder auch Konflikte mit der EU geht?
❙ Israel hat oft das Gefühl, dass es von Europa nicht verstanden wird oder mit ungleichem Maß gemessen wird. Das ist im Kern richtig, insbesondere wenn internationale Organisationen Resolutionen verabschieden, wie z. B. „die Juden haben keine Verbindung zu Jerusalem“, so ist das irre. Israel hofft auf gewisse Kurskorrekturen, und zu denen waren Bundeskanzler Kurz und auch Österreich bereit: sich Themen nochmal anzuschauen und zu überlegen, ob das wirklich noch stimmig ist. Österreich ist willens, seine Meinung zu adjustieren, wenn etwas unfair gegenüber Israel ist.

Ist Österreich bei einer EU-Entscheidung schon einmal ausgeschert?
❙ Nicht ausgeschert, aber wir haben versucht, zu einer Kurskorrektur beizutragen. Österreich hat z. B. das Thema „Antisemitismus“ auf die Tagesordnung des Europäischen Rates gebracht – und dazu auch einen Beschluss herbeigeführt. Wir haben klar gesagt: Der Antisemitismus ist nicht ein Thema, das die Juden betrifft, sondern ein Thema, das Europa betrifft. Das können wir in einer Gesellschaft nicht dulden, in der wir leben wollen, deshalb geht es uns alle an.
Oder unser Abstimmungsverhalten beim UN-Menschenrechtsrat in Genf, da haben wir gegen die Resolution gestimmt, die Israel verurteilen sollte. Es ging um Gaza: Natürlich ist das ein ganz schwieriges Problem, und selbstverständlich müssen die Menschen dort Hoffnung bekommen, aber wenn es immer nur darum geht, dass Israel der alleinige Täter ist, dann ist das falsch gewichtet.
Da muss man einen Schritt zurückgehen und sagen: Alles im Leben hat zwei Seiten, wenn wir immer nur bei einer Seite abladen, dann kommen wir in eine Schieflage. Israel hat eben nicht die Schweiz oder Liechtenstein als Nachbarn, sondern Syrien und den Libanon. Daher auch nicht den Luxus eines zentraleuropäischen Landes, wo es keinerlei Bedrohung gibt. In Österreich kann ich mir die Frage stellen, „wozu brauche ich ein Bundesheer?“ Diese Frage kann sich Israel nie stellen. Aber wenn Israel die EU kritisiert, dann erinnern wir daran, dass Europa Israel auch sehr viel bringt: Der reibungslose Flugverkehr ist dem Open Sky Agreement mit der EU zu danken. Dass israelische Forscher an EU-Forschungsprogrammen teilnehmen (Stichwort Horizon) und dort auch hohe Förderungen ansprechen können, das ist schon eine ganz klare Win-win-Situation.

Im Herbst gehen Sie als Botschafter nach Washington. Ein großer Sprung vom kleinen Israel?
❙ Ich kenne Washington, denn vor 28 Jahren trat ich dort meinen ersten Posten an. Israel ist viel zugänglicher, hier kenne ich jeden Minister – und bekomme schnell einen Termin. In Washington ist das nicht leicht, dort muss man einen kreativen Ansatz suchen, wie man als Botschafter eines kleinen Landes Gehör finden kann.


Martin Weiss, geboren 1962 in Salzburg, hat in Graz, Wien und den USA (University of Virginia) Jus studiert. Seit 2015 Botschafter in Tel Aviv; ab Herbst 2019 österreichischer Botschafter in Washington.
Zweimal leitete er die Presseabteilung des Außenministeriums (2001–2004 und 2012–2015). Weiss war zuletzt österreichischer Botschafter in Zypern (2009–2012), davor österreichischer Generalkonsul in Los Angeles (2004–2009).

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here

*

code