Juden im Irak – Blüte und Niedergang

Beim Papstbesuch waren die wenigen irakischen Juden unerwünscht. Jahrhundertelang hatte es in Mesopotamien vielfältiges jüdisches Leben gegeben. Mit Shlomo Hillel starb kürzlich jener Mann, der weit über 100.000 irakischen Juden die Flucht nach Israel ermöglichte.

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Shlomo Hillels beeindruckendes Wirken wurde 1998 mit dem Israel Prize, der höchsten zivilen Auszeichnung, gewürdigt. © Flash90/Gili Yaari; Goverment Press Office

Die Reise von Papst Franziskus im März dieses Jahres in den kriegsgebeutelten Irak, um die lokale katholische Gemeinschaft zu stärken, verdient sicher das Prädikat „historisch“. Aber die Gelegenheit, diesem Besuch den einzigartigen historischen Stempel aufzudrücken, hat der Vatikan trotz allem verpasst. Denn in den Pressemeldungen vor der Ankunft hieß es klar und deutlich, dass sich der Papst mit Vertretern der drei „abrahamitischen Religionen“ treffen werde, um Juden, Christen und Moslems aufzufordern, „entlang eines Pfads des Friedens zu wandeln, unter den Sternen des Versprechens, das G-tt Abraham gemacht hat“.
Der irakische Ministerpräsident Mustafa Al-Kadhimi erklärte zwar den Tag der Zusammenkunft in der Ebene von Ur zum „Nationalen Tag der Toleranz und Koexistenz“, aber in der Praxis sah das dann anders aus: Es durften keine jüdischen Vertreter bei der Zeremonie in Ur anwesend sein, obwohl laut Bibel-Überlieferung Ur als Geburtsort Abrahams, des Stammvaters aller monotheistischen Religionen, gilt. Der Papst traf sich an diesem Tag also nur mit Christen, Muslimen und Jesiden. Eine offizielle Begründung seitens des Irak blieb ebenso aus wie eine Erklärung dieses Sinneswandels aus dem Vatikan. War der Druck der irakischen Politik zu groß, war der Vatikan zu nachgiebig, oder war es einfach nicht wichtig genug?
Noch bedrückender und kleinmütiger erscheint dieser Akt, wenn man bedenkt, dass im gesamten Staatsgebiet des Iraks heute nicht mehr als zwanzig Juden leben. Daher muss das überdimensionale Gewicht der 2.500 Jahre alten Präsenz wie auch der teils großartigen und teils traurigen Geschichte der irakischen Juden als unerträgliche Last über dieser Entscheidung gehangen sein.

Wie die meisten Staaten der Arabischen Liga verbot der Irak die legale Auswanderung von Juden mit der Begründung, sie könnten Israel stärken.

Der Fluchthelfer. Nur drei Wochen vor dem Papstbesuch im Irak starb 97-jährig jener israelische Politiker, der bereits mit elf Jahren mit seinen Eltern aus seiner Geburtsstadt Bagdad ins damalige Palästina geflohen war und nicht nur Historisches erzählen konnte, sondern auch selbst Geschichte gemacht hat: Shlomo Hillel hat als Mitglied der Hagana* 120.000 irakischen Juden das Leben gerettet, in den 1940er-Jahren noch illegal und später über genehmigte Luftbrücken: Während des Zweiten Weltkriegs waren diese Juden wegen der nazifreundlichen Politik im Irak und ab 1947/48 infolge der Staatsgründung Israels gefährdet.
Auch aus einem detaillierten Nachruf in der New York Times (NYT) erfährt man, wie schwierig, gefährlich und abenteuerlich die Aktionen Hillels und seiner Helfer waren: „Er war erst 23 Jahre alt, als ihn die Hagana mit verdeckter arabischer Identität in den Irak entsandte. Dort unterrichtete er geheim Hebräisch und legte den Grundstein für die Migration der irakischen Juden.“ Trotz jahrhundertelangem friedlichen Zusammenleben war das nach einem schlimmen Pogrom 1941 sowie dem wachsenden arabischen Nationalismus und Antizionismus eine Notwendigkeit geworden. Auf Lastwägen, die von Bagdad in den Hafen von Haifa fuhren, schmuggelte er kleine Gruppen von Juden in das Land.
Nach einem Jahr kehrte Shlomo Hillel nach Britisch-Palästina zurück, aber die Lage im Irak ließ ihn nicht ruhen. Als er die Flüchtlingsschiffe der europäischen Juden aus Nazideutschland sah – auf einem davon war seine spätere Frau Temima –, befand er, dass

Jüdische Immigranten aus dem Irak beim Verlassen des Lod Airports im Jahr 1951. © Goverment Press Office

die irakischen Juden die gleiche Chance verdienten. Da die Irakis den Juden die Ausreise verwehrten und die Briten keine Zunahme der jüdischen Bevölkerung unter ihrer Herrschaft wollten, musste alles geheim ablaufen. „Hillel war erfindungsreich und mit seinen riskanten Aktionen sehr erfolgreich“, schreibt die NYT und berichtet über einen Shuttle-Dienst von drei US-Piloten, die es für Geld wagten, zahlreiche Flüchtende am Ende der Bagdader Rollbahn aufzunehmen und in Sicherheit zu bringen.
Während des israelischen Unabhängigkeitskrieges im Juni 1948 verschlimmerte sich die Situation der irakischen Juden dramatisch. Shlomo Hillel wurde „Franzose“ und wollte in den Iran, um an der durchlässigen Grenze zum Irak Fluchtwege zu erkunden. Er reiste über Paris und machte dort die Bekanntschaft des vom Judentum zum Katholizismus konvertierten Pater Alexander Glasberg. Dieser hatte während der Schoah mehr als 2.000 verfolgte Juden in mehreren Klöstern versteckt und so vor dem sicheren Tod gerettet. Die beiden schmiedeten folgenden Plan: Falls es Hillel gelänge, die iranische Grenzpolizei zu bestechen, würde der Priester versuchen, durch seine guten Beziehungen zum französischen Innenminister Visa für die Durchreise nach Israel zu verschaffen. Die erste Gruppe hatte noch eine weitschweifige Route zu bewältigen: Zu Fuß überquerten sie die irakisch-iranische Grenze, flogen dann nach Paris und fuhren mit dem Zug nach Marseille, wo sie das Schiff nach Israel bestiegen. In den nächsten Monaten konnten rund 12.000 Juden mit Hilfe der Mossad-Charter-Fluglinie Trans-Ocean direkt fliegen.
1950 verabschiedete eine neue irakische Regierung ein Gesetz, das es Juden erlaubte, innerhalb eines Jahres auszuwandern. Darin sah der spätere Diplomat seine Chance, zehntausende Juden aus dem Land zu holen. Dieses Mal reiste er als Brite Richard Armstrong und Vertreter einer US-Chartergesellschaft mit dem Namen Near East Air Transport nach Bagdad. Gemeinsam mit einer irakischen Reiseagentur erwarb er die exklusiven Rechte, Juden auszufliegen. Trotz rigoroser Ausreisebedingungen – die jüdischen Irakis durften nur einen Koffer und ganz wenig Geld mitnehmen – hatten sich bereits 90.000 Juden innerhalb von zwei Monaten für die Ausreise registriert. Die gesamte Aktion, die bis Ende 1952 etwa 124.000 Immigranten auf 950 Flügen nach Israel brachte, lief unter dem Namen Operation Ezra und Nehemia, benannt nach den beiden Propheten des Alten Testaments, die die Juden aus dem babylonischen Exil geführt haben.

„Er war erst 23 Jahre alt, als ihn die Hagana mit verdeckter arabischer Identität in den Irak entsandte.“
New York Times

Die babylonischen Juden zwischen Tigris und Euphrat. „Babylonische Juden“, , nennt man bis heute auf Hebräisch die irakischen Juden, denn ihre Geschichte ist seit der babylonischen Gefangenschaft ca. 586 v. Chr. dokumentiert. Das babylonische Judentum ist die älteste und religionsgeschichtlich bedeutsamste jüdische Gemeinschaft der Welt: Auch der Talmud** entstand hier.
Nach dem Fall Jerusalems wurde Babylon mehr als tausend Jahre lang zum Mittelpunkt des Judentums im Exil. Denn nach der Zerstörung des jüdischen Tempels von Judäa kamen die Juden in die Region zwischen dem Tigris und dem Euphrat, auch als Mesopotamien bekannt. Etwa fünf Jahrhunderte später, nach der Zerstörung des Zweiten Tempels in Jerusalem, zog eine Großzahl von Juden erneut nach Babylonien. Hier schrieben sie zum ersten Mal Gebete in einer anderen Sprache als Hebräisch, z. B. das Totengebet Kaddisch in aramäischer Sprache.
Im Sassanidenreich (hebräisch: Schuschan), das in der Forschung auch als Neupersisches Reich bezeichnet wird (331–638), blühte die jüdische Kultur auf: Diese Epoche beförderte den Aufstieg des rabbinischen Judentums und zentraler Texte. Jüdische Gelehrte stellten den babylonischen Talmud ab 474 als spirituellen Kodex des Judentums zusammen und übertrugen das Judentum in eine spirituelle und moralische Bewegung. Der Talmud, ein zentraler Kommentar zur Mischna, wurde als „tragbare Heimat“ für die Juden in der Diaspora angesehen. Dieses Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit hielt bis zum Aufstieg des islamischen Kalifats. Erst der Mongolensturm und die Islamisierung im Mittelalter führten zum Niedergang.

Shlomo Hillel: Operation Babylon. Israels Geheimdienst im Irak. Haenssler Verlag, 340 S.

Unter der osmanischen Herrschaft (1534–1917) wurde den Juden wieder religiöse Freiheiten gewährt, die es ermöglichten, jüdische Erziehung eigenständig zu verwalten. Die Toleranz gegenüber Juden und jüdischen Bräuchen hing jedoch von den örtlichen Herrschern ab. In den Monaten vor der UNO-Teilungsabstimmung im November 1947 nahm die Gewalt gegen irakische Juden zu. Bereits im Mai wurde ein jüdischer Mann in Bagdad von einem wütenden Mob gelyncht, nachdem er beschuldigt worden war, arabischen Kindern vergiftete Süßigkeiten gegeben zu haben. Randalierer durchsuchten Häuser im jüdischen Viertel von Falludscha, darauf floh die jüdische Bevölkerung nach Bagdad. Trotzdem sahen sich die irakischen Juden größtenteils weiterhin als loyale Bürger und verdrängten die Gefahr.
Aber der nächste Schock belehrte sie eines Besseren: Der jüdische Autoimporteur Shafiq Ades wurde verhaftet, von einem Militärgericht zum Tode verurteilt und im September 1948 in Basra öffentlich gehenkt. Er war ein assimilierter und nicht-zionistischer Jude, der beschuldigt wurde, militärische Ausrüstung nach Israel geschickt zu haben. Jetzt erst realisierte die jüdische Gemeinde, dass sie der politischen Willkür ausgesetzt war.
Wie die meisten Staaten der Arabischen Liga verbot der Irak die legale Auswanderung von Juden mit der Begründung, sie könnten Israel mit ihrer Präsenz stärken. Offener Antisemitismus schuf eine Atmosphäre der Angst und Unsicherheit und die irakisch-jüdische Gemeinde – vor allem die wohlhabende Mittelschicht –, verarmte infolge der schikanösen Gesetze und der beruflichen Einschränkungen: Weil Juden verboten wurde, im öffentlichen Dienst zu arbeiten, waren qualifizierte und ehemals gut bezahlte jüdische Beamte gezwungen, Straßenhändler zu werden, um nicht wegen Landstreicherei verhaftet zu werden.

Tamar Morad, Dennis Shasha, Robert Shasha (Hg.): Iraks letzte Juden: Erinnerungen an Alltag, Wandel und Flucht. Wallstein Verlag, 320 S., € 24,43

Drohung mit Konzentrationslager. Nuri Pasha al-Said (1888–1958) diente vierzehn Amtszeiten als irakischer Premierminister und wollte die Juden so schnell als möglich aus dem Land haben. So drohte er im August 1950, die Lizenz der Firma, die den jüdischen Exodus organisierte, zu widerrufen, wenn sie die tägliche Quote von 500 Juden nicht erfüllen könne. Da nicht ausreichend Flugkapazität vorhanden war, mussten viele Juden längere Zeit im Irak warten. Weil diese Menschen bereits enteignet und denaturiert worden waren, schliefen viele mittel- und obdachlos auf der Straße. Daraufhin drohte die irakische Regierung, sie in Konzentrationslager zu verfrachten, wenn die Ausreise nicht beschleunigt werde. Israel versuchte, einen Kompromiss auszuhandeln, damit die Absorptionskapazität Israels nicht so stark unter Druck käme. Da al-Said ablehnte, erhöhte Israel die Zahl der Flüge. In Bagdad sorgte das tägliche Schauspiel von Juden, die nur ihre Kleidung und eine Tüte mit ihrem restlichen Besitz trugen, für öffentlichen Jubel und laute Spottrufe. Die Zuschauer säumten die Straße und steinigten die Lastwagen, die Juden zum Flughafen brachten.
1940 gab es noch mehr als 130.000 Juden im Irak; sie lebten außer in Bagdad noch in Basra, Mossul, Aleppo und Karbala. Nach Pogromen, Flucht und Vertreibung war ihre Zahl in den 1980er-Jahren auf wenige Hundert zusammengeschrumpft. 1974 lebten noch etwa 400 Juden im Irak. Die letzte jüdische Hochzeit fand 1978 und die letzte Brit Mila 1984 statt. Der einzige ordinierte Rabbiner der Gemeinde starb 1996. 2003 wurde zwar Emad Levy noch zum einzigen jüdischen „Religionsführer“ ernannt, doch im gleichen Jahr die letzte aktive Synagoge geschlossen.

Operation Ezra und Nehemia, benannt nach den beiden Propheten des Alten Testaments, die die Juden aus dem babylonischen Exil geführt haben.

Heute wohnen in Bagdad, wo einst fast ein Drittel der Bevölkerung jüdisch war, weniger als zwanzig Juden. Und keiner dieser letzten jüdischen Bewohner des Iraks durfte beim Papstbesuch anwesend sein? Es ist anzunehmen, dass nicht die Gegenwart dieses verbliebenen Häufleins als Gefahr gesehen wurde, sondern das mediale Schlaglicht auf die blühende und dramatische Vergangenheit der jüdischen Iraker.
Shlomo Hillel, der in mehrfacher Hinsicht der engagierteste Agent der irakischen Juden war, sollte sich Jahre später auch für die Rettung und Einwanderung der Juden aus Äthiopien einsetzen. Es entstanden sogar familiäre Bande: Sein Sohn Ari heiratete eine Äthiopierin. Als Abgeordneter der Mapai (der späteren Avoda, Arbeiterpartei) begann Hillel 1952 seine Laufbahn in der Knesset. Ab 1959 war er Botschafter in Guinea, der Elfenbeinküste und Nigeria. Zehn Jahre später amtierte er in den Regierungen von Golda Meir und Jitzchak Rabin als Polizeiminister und kurze Zeit auch als Innenminister. Von 1984 bis 1988 war er Vorsitzender der Knesset, des israelischen Parlaments. 1993 kandidierte er bei der Wahl zum Staatspräsidenten und verlor gegen Ezer Weizman. Seine Erfahrungen bei der illegalen Einwanderung veröffentlichte er 1992 unter dem Titel Operation Babylon. Israels Geheimdienst im Irak.
Die politische Karriere Hillels war für einen orientalischen Juden bemerkenswert und ungewöhnlich, da die israelische Politik mehrheitlich von europäischen Juden geprägt war. Sein unermüdliches und beeindruckendes Wirken wurde dennoch gewürdigt: 1998 erhielt er den Israel Prize, die höchste zivile Auszeichnung. Als Kibbuznik lebte Hillel genügsam und war auch äußerst bescheiden, wenn es um die Bewertung seines Platz in der Geschichte ging: „Ich hatte das Glück, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein.“


* Hagana war eine zionistische paramilitärische Untergrundorganisation in Palästina während des britischen Mandats. 1948, nach der Gründung des Staates Israel, wurde die Hagana in die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte eingegliedert.
** Der Talmud ist eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums. Er besteht aus zwei Teilen, der älteren Mischna und der jüngeren Gemara,
und liegt in zwei Ausgaben vor: Babylonischer und Jerusalemer Talmud. Spricht man nur vom Talmud, ist in der Regel der Babylonische Talmud gemeint.

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