Schweigen und Wegschieben

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In Bezug auf den Nationalsozialismus sei oft von einer Bankrotterklärung der Soziologie die Rede: So beginnt die Beschreibung des Bandes von Kranebitter und Reinprecht auf der Seite des transcript Verlags. Die beiden Wissenschaftler hätten sich daher auf die Suche nach Antworten auf folgende Fragen gemacht: Wie verhielt sich die Soziologie im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen in der NS-Zeit? Welche Auswirkungen hatte das (un)bewusste Tradieren „kontaminierter Konzepte“? Aber auch: Welche Arbeiten, die es zur NS-Zeit gab, wurden in der Folge nicht rezipiert?

Der von Charlotte Bühler und Hildegard Hetzer entwickelte Wiener Kleinkindertest wurde von den Nazis als Instrument zum NS-Kindermord missbraucht.

Detailreich wird hier auf Biografien eingegangen, auf Kontinuitäten und Brüche. Die Kontinuitäten sind wie so oft eher auf der Seite der NS-Ideologen zu finden, die Brüche dort, wo jüdische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen das Land verließen oder von den Nazis ermordet wurden. Und wie so oft erschüttern aus heutiger Sicht die kleinen Details: etwa, dass Franz Ronneberger, ein deutscher Soziologe, der die NS-Zeit in Wien verbrachte, wo er 1939 eine Presseinformationsstelle gründete, die er zu einem sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut ausbaute, eng verzahnt mit den NS-Behörden arbeitete und beinahe wöchentlich für den Völkischen Beobachter schrieb. Als die Rote Armee 1944 näher rückte, wurde die Forschungsstelle nach St. Lambrecht in der Steiermark verlegt – in ein Kloster, das die SS enteignet hatte und das als Außenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen diente.
Ronnebergers Entnazifizierung verlief glimpflich: Er gab an, nur wissenschaftlich tätig gewesen und nur aus formalen Gründen Mitglied u. a. der SS gewesen zu sein. Als er 1958 ein Lehrbuch der Soziologie veröffentlichte, tat er dies auf Anraten von Freunden unter einem Pseudonym. Sie meinten, für einen „Rückkehrer“ wie ihn hätte eine Publikation unter seinem Klarnamen „für einen Wissenschaftler das Todesurteil“ bedeutet. Als Pseudonym wählte er Stefan Lambrecht. „Offenbar muss man 1958 um eine wissenschaftliche Karriere fürchten, wenn man seinen Klarnamen verwendet, nicht aber, wenn man sich nach einem KZ benennt“, so die Autoren.

Aber auch anderes, das Kranebitter und Reinprecht und viele andere Autoren hier zusammentragen, hinterlässt die Leserin und den Leser kopfschüttelnd: Da ist die Vita von Othmar Spann, der grauen Eminenz der Soziologie in Österreich, der vor allem in der Zwischenkriegszeit wirkte, da schon Mitglied der Nationalsozialisten war und als intellektuelle Schlüsselfigur der Rechten wirkte. Wie es kam, dass er nach 1945 als Opfer des NS-Regimes eingestuft wurde, ist in dem Buch nachzulesen. Verstörend aus heutiger Sicht sind aber auch andere Dinge, auf die die Autoren aufmerksam machen: Der von Charlotte Bühler und Hildegard Hetzer entwickelte Wiener Kleinkindertest wurde von den Nazis als Instrument zum NS-Kindermord missbraucht. Und die von Otto Neurath mit Marie Reidemeister und Gerd Arntz entwickelten Bildstatistiken wurden von den Nazis zu Propagandazwecken, etwa in Form eines Schaubilds über „die Verjudung Wiens“, verwendet.
Andere Arbeiten jüdischer Soziologen, vor allem zu Konzentrationslagern, fanden schlicht nicht Eingang in die hiesige Soziologie. Die Autoren führen dabei etwa das bereits 1946 erschienene Werk Der SS-Staat von Eugen Kogon an oder die postum erschienene Dissertation von Paul Neurath zum KZ Dachau aus dem Jahr 1943. Stattdessen wurde die Nachkriegssoziologie als „Aufbauforschung“ konstruiert. So konnten sich die nach 1945 an den Universitäten etablierten Soziologen „von NS-Regime und Exil gleichermaßen distanzieren“. Ein mehr als ernüchternder Befund.

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