Sommer, Sonne und Sandalen

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Das KUNST HAUS WIEN zeigt eine im wahrsten Sinne „anziehende“ Schau über den Schuh als Kunst- und Designobjekt. Von Angela Heide   

Auf zwei knappen Stockwerken in den obersten Etagen des vor allem für seine Friedensreich Hundertwasser gewidmeten Räume bekannten KUNST HAUS WIEN spannt sich ein ganzes Universum aus Fantasien und Geschichten. Aus Assoziationen und Weitergedachtem. Aus Erinnerungsstücken, die zu gänzlich neuem kunstvollem Leben transformiert werden, und visionärem Design. Die gemeinsam von Brigitte Woischnik und der Schuhexpertin Liza Snook für Wien kuratierte Schau SHOEting Stars – eine Kooperation mit dem Grassi-Museum in Leipzig – ist mit über 200 Schuhkreationen von knapp 130 DesignerInnen aus 27 Ländern überaus dicht. Und sie birgt so manche Überraschung. Denn man kann sich beim ersten Gedanken daran nicht so ganz vorstellen, wie schier unendlich der „Kosmos von Geschichten, individuellen Erfahrungen und Vorurteilen“ ist, von dem man hier einen inspirierenden und zum „über die Sohle hinaus“ Weiterdenken animierenden Einblick bekommt. Die niederländische Designerin Snook, die mit ihrem virtuellen Schuhmuseum seit Jahren dem Schuh auf der Spur ist, betont gleich zu Beginn der Kuratorinnenführung, wie unermesslich das Universum selbst für sie, die seit Jahrzehnten vom Schuh besessene Trägerin, Forscherin und Vermittlerin, ist. Der Schuh eröffnet Einblicke in Kultur und Kunst, in Design und Alltag – wenn man ihn einmal nicht nur als beiläufiges Modeaccessoire oder notwendiges menschliches Transportmittel betrachtet, sondern als (selbst in seiner Massenproduktion) stets unikales, konzeptionell durchdachtes und, sofern getragen, immer auch von persönlicher Geschichte geprägtes „Designobjekt mit autonomer Aussage“.

„Der Schuh zwischen Spiel und Schmerz, Massenware und Dekonstruktion, Material und Körper.“

Die Kuratorinnen widmen sich in der noch bis 5. Oktober laufenden Ausstellung einer Vielzahl an Themen, die der Schuh im Laufe seiner Geschichte, und damit in der Geschichte der Menschheit, eröffnet: der Schuh als Fetisch und Erinnerungsstück; der Schuh als Massenprodukt und Skulptur; der Schuh in Märchen und Mode; der der Schuh als Objekt der Begierde und als zerstörerisches Mordbesteck …

„Eine außergewöhnliche und exquisite Idee.“
Stockings der israelischen Designerin Shani Bar ist nur scheinbar der verspielte Schulmädchenschuh.
Stockings der israelischen Designerin Shani Bar ist nur scheinbar der verspielte Schulmädchenschuh.

Mit diesen Worten bedankt sich Woischnik, selbst international erfahrene Kuratorin, bei der Ideengeberin der Leipziger wie der Wiener Schau, Sabine Epple. Die Fülle an Schwerpunktsetzungen, die man gemeinsam für Wien erarbeitet hat, beginnt gleich im ersten Raum mit einer Reihe farbenprächtiger sommerlicher Kreationen („Summertime“), die noch an Sommer, Sonne und Strand erinnern. Doch bereits im zweiten Raum, „Natural Masterpieces“, wird deutlich, dass hier der Fokus „nicht auf der Tragbarkeit des Objekts liegt“, erklärt Woischnik. So begegnet man unter anderen einem „Schwimmschuh“, in dem sich das Meer widerspiegelt, einem Schuh aus Tannenzapfen oder dem grauen Lackschuh Shark des jungen Tel Aviver Designers Kobi Levi, der mit Pencil Stilettos, Absätzen in Bleistiftform, international bekannt wurde.

„Walk on the dark side“ widmet sich, begleitet von Fotos und Videos, einen symbolbeladenen weißen Raum lang ganz dem schwarzen Schuh und seinen Inspirationsquellen und stellt dabei formale und kontextuelle Bezüge etwa zur zeitgenössischen Architektur. Die Räume „Fashion Victims“ und „Across the universe“ stellen wiederum bunt-schillernde Verbindungen zwischen Schuh, zeitgenössischer Mode und globalem Street-Style her: von David Bowie über Lady Gaga bis hin zum weltumspannenden Kultobjekt „Sneaker“.

Beeindruckend auch die zwischen 2005 und 2013 entstandene Serie von Kaarina Kaikkonen: Die finnische Künstlerin hat die Tanzschuhe ihrer verstorbenen Mutter in der Schuhinstallation The Queen of the Night dekonstruiert, für die sie die zerlegten Ballettschuhe der einstigen Ballerina zu gänzlich neuen Formen zerschnitten hat und damit ebenso von der Dekonstruktion der eigenen Geschichte erzählt wie von der persönlichen, künstlerisch über einige Jahre aufgearbeiteten Bewusstwerdung jener schmerzhaften Vergänglichkeit, von der die geschundenen Schuhe der Mutter immer miterzählen.

Auch der Raum „Playtime“ bricht mit Vorstellungen von Schönheit, Spiel und Verspieltheit: Der ganz in Rot gehaltene Raum widmet sich dem Thema Schmerz und zeigt Schuhe mit Nägeln und Nadeln oder blutüberströmten Zehen in Luxushighheels. Aber auch Stockings der israelischen Designerin Shani Bar aus dem Jahr 2009 ist nur scheinbar der verspielte Schulmädchenschuh, als der er sich gibt.

Ob Affirmation oder Dekonstruktion, Farbe oder Echthaar: SHOEting Stars erörtert klug und abwechslungsreich ebenso viele Verbindungslinien wie „(De)Constructionen“ – so auch der Titel eines weiteren Raumes mit Arbeiten der Architekten Zaha Hadid und Rem D. Koolhaas, Gründer von United Nude, dessen Tel Aviver Schuh-Concept-Store vor knapp einem Jahr eröffnet wurde.

Die Austellung
SHOEting Stars
läuft bis 5. Oktober 2014
im Kunst Haus Wien
Untere Weißgerberstraße 13,
1030 Wien
kunsthauswien.com
virtualshoemuseum.com

© Kunst Haus Wien

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